



Jahrhundertwende – Eine Zeit im Wandel
Die im Ergebnis des Deutsch-französischen
Krieges 1870-71 und der Proklamierung des Deutschen
Kaiserreichs zu beobachtende Liberalisierung dauerte nicht lange.
Die Ära BISMARCK sollte
mit dem "Gründerkrach"
1873 und dem erneuten Konservatismus, der sich u. a. im Sozialistengesetz
von 1878 und der Einführung von Schutzzöllen 1879 manifestierte,
ihr langsames Ende finden. 1879 konnte zwar noch der geheime Zweibund
zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn abgeschlossen werden,
der mit dem Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert wurde, BISMARCKs
Bündnispolitik war jedoch gescheitert.
Regierungsantritt WILHELMs II.
Nach dem Regierungsantritt
WILHELMs II. erfolgte die Entlassung des Eisernen Kanzlers. Mit der
Berufung LEO VON CAPRIVIs zum Reichskanzler 1890 setzte innen- und außenpolitisch
zwar ein "Neuer Kurs"
ein, der mit der Aufhebung
des Sozialistengesetzes 1890 sein sichtbarstes Zeichen fand. Eine
Eindämmung der Sozialdemokratie gelang jedoch auch WILHELM II. nicht.
Die Parlamentarisierung und Demokratisierung des Deutschen Reiches stagnierten.
Außenpolitisch erneuerte VON CAPRIVI den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht mehr, was zu einem Bündniswechsel Russlands führte. Mit der Eroberung außereuropäischer Gebiete versuchte Deutschland, den Anschluss an die Kolonialmächte England und Frankreich zu schaffen (Platz an der Sonne). Das Wettrüsten begann u.a. mit dem Aufbau einer starken Kriegsflotte.
Erstarken nationalistischer und rassistischer
Kreise
Mit der Militarisierung einher ging auch das Erstarken
nationalistischer und rassistischer Kreise des deutschen Bürgertums.
Frankreich
Nach dem Zweiten Kaiserreich unter NAPOLEON III. und dem Deutsch-französischen
Krieg etablierte sich am 4. September die Dritte
Republik (1870-1944). Mit deutscher Hilfe gelang es zwar 1871,
die Pariser Kommune niederzuschlagen,
aber Frankreich blieb außenpolitisch isoliert. Der Beitritt Frankreichs
in die Entente cordiale mit England
1904 führte zu einer Polarisierung
der Mächte in Europa: auf der einen Seite der Dreibund
auf der anderen Seite die Triple-Entente aus
Die Schüsse von
Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Kronprinzen FRANZ
FERDINAND führten schließlich am 1. August 1914 zum Ausbruch
des 1. Weltkrieges.
Wirtschaft und Soziales
Wirtschaftlich prägte die industrielle
Revolution mehr und mehr das Zeitalter. Neue Fabriken und Industrien
entstanden. Mit der Industrialisierung stieg die Bevölkerungszahl
in den Großstädten massiv an. Das trug stark zur Vergrößerung
der Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten bei. Die Lebenslage
der Arbeiter hatte sich zwar gegenüber der 1. Hälfte des
19. Jahrhunderts verbessert. Jedoch war es nicht leicht, die Entwicklung
der Umwelt zu verarbeiten. In vierhöfigen Mietskasernen in Berlin
bewohnten Familien oft nur 1 Zimmer ohne genügend Licht.
Probleme wie
traten auf.
Kunst und Wirklichkeit
Hatten die Literaten des Naturalismus, die
die objektive und naturgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit forderten,
noch versucht, das Elend der Arbeiterschaft zu beschreiben (G. HAUPTMANN:
"Die Weber", 1892), versuchen viele Künstler nun, in neuromantischer
Manier die vergangene Welt zu beschwören.
Die Erfahrung der sozialen Entfremdung und Isolierung erwies sich als
gesamteuropäisches Problem. In der Philosophie thematisierte FRIEDRICH
NIETZSCHE ("Also sprach Zarathustra"PDF 1) diese Veränderungen,
innnerhalb der Psychologie entwickelte SIGMUND
FREUD die Pysychoanalyse. Seine
"Traumdeutung"(1900) trug zu einem modernen Verständnis
der menschlichen Natur bei. Besonders die durch das Unterbewusste verdrängten
Erfahrungen und Vorstellungen, die im Traum materialisierten Instinkte
und Triebe des Menschen und ihre Steuerung durch das "Über-Ich"
regten bildende Künstler und Literaten zur Reflexion an. FREUDs und
NIETZSCHEs Einfluss auf die moderne Kunst wirken vom Symbolismus über
Surrealismus und Pop-Art bis in die Gegenwart nach.
Auch MAX PLANCKs (1858–1947) Quantenphysik und ALBERT EINSTEINs Relativitätstheorie
veränderten das Weltbild der Jahrhundertwende entscheidend.
Angesichts der steigenden Bevölkerungszahlen entwickelten sich
zu Kulturzentren. Ausdruck dafür sind die Wiener Moderne (das 1890 gegründete "Junge Wien" um
die Berliner Moderne (Berliner Secession) und die sogenannte Kaffeehaus-Literatur (PETER ALTENBERG). Aber auch die österreichisch-ungarische Metropole Prag brachte mit
bedeutende Literaten hervor.
NIETZSCHEs Kulturpessimismus
NIETZSCHEs Kulturpessimismus:
Bedeutendster Impulsgeber der deutschen Literatur der Jahrhundertwende
war der Altphilologe FRIEDRICH NIETZSCHE (1844-1900). Dessen kulturpessimistische
Philosophie („Also sprach
Zarathustra“, PDF 1) forderte den „Übermenschen“
(„Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss“)
und kritisierte damit das bürgerliche Mittelmaß, das die bürgerliche Moral ausmacht. Das
„Hausthier, das Heerdenthier, das kranke Thier Mensch, - der Christ...“
ist nach NIETZSCHE ein Produkt christlicher Moralvorstellungen. Das Christentum
war für ihn nihilistisch, deshalb muss es mit dem Nihilismus überwunden werden. Der Ruf „Gott
ist tot!“ steht symbolisch für diese Haltung.
Erst durch den Tod Gottes
Nur so ist er in der Lage, in unmittelbarster Verantwortung der Macht der Entscheidung die „Umwertung aller Werte“ zu vollziehen und in einem „Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit“ den „Übermenschen“ zu gebären.
„Nicht eure Sünde - eure Genügsamkeit schreit gen Himmel...“,
meint NIETZSCHE und kritisiert damit den Verzicht auf die Besonderheit des Einzelnen in der Gesellschaft. Sein Egoismus, mit sich selbst Freund zu sein, betont genau diese Besonderheit des Einzelnen und fragt nach den
Nächstenliebe kann nicht beständig sein, wenn sie in Selbstliebe endet:
„Nur die Liebe soll richten - die schaffende Liebe, die sich selber über ihren Werken vergißt“.
NIETZSCHE greift den Gedanken SCHOPENHAUERs auf, nachdem Erkenntnis nur über den Weg der Verneinung möglich ist (Nihilismus).
Nihilismus ist eine philosophische Theorie der Verneinung aller Werte. Der theoretische Nihilismus verneint die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wahrheit, der ehtische Nihilismus die Werte und die Normen des Handelns, der politische Nihilismus jede irgendwie geartete Gesellschaftsordnung.
Der „Glaube“ des Christentums auf „Erlösung“ und „Ewigkeit“ muss zugunsten eines einzigartigen Lebens im Diesseits negiert werden. Das allein schafft „Wahrheit“.
„Was ein Theologe als wahr empfindet, das muss falsch sein: man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit.“
NIETZSCHEs Moralkritik, sein Streben nach Überwindung des Christentums und sein antibürgerlicher Ästhetizismus hat nicht nur THOMAS und HEINRICH MANN beeinflusst. Ganze Generationen von Autoren fühlten sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von ihm verstanden. NIETZSCHE prägte über den
hinaus die Autoren des
Unzeitgemäße Betrachtungen
NIETZSCHEs „Unzeitgemäße Betrachtungen“ (1873–1876, PDF 2) sind in vier Lieferungen herausgekommen. Sie beinhalten:
David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller (1873)
Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874)
Schopenhauer als Erzieher (1874)
Richard Wagner in Bayreuth (1876)
In den kulturkritischen Abhandlungen „stellt sich Nietzsche kritisch gegen seine Zeit und seine Zeitgenossen, um auf diese Einfluss zu nehmen und zugunsten einer kommenden Zeit zu wirken. Die erste Unzeitgemäße Betrachtung mit dem Titel »David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller« dient der kritisch-polemischen Auseinandersetzung mit dem schwärmerisch-optimistischen Bekenntnisbuch von D.F. Strauss über »Das Leben Jesu für das deutsche Volk«. In der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, »Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben« (1874), zeigt Nietzsche die Zweideutigkeit der historischen Wissenschaften auf, die gerade im 19.Jahrhundert zu besonderer Blüte gelangt war. Die dritte und vierte Unzeitgemäße Betrachtung, »Schopenhauer als Erzieher« (1874) und »Richard Wagner in Bayreuth« (1876), zeigen Nietzsche als deren Anhänger und Verehrer. Er übernimmt von Schopenhauer den Willen als das übersinnliche Prinzip der Welt, allerdings tritt er nicht mit dem Ziel der Erlösung für eine Verneinung des Willens zum Leben ein.“ (Brockhaus multimedial 2007)
