Begriff
Bei der Parabel (griech.: parabole
= Gleichnis) handelt es sich um eine epische
Kurzform, die einen Vergleich zu einem eigenständigen Erzähltext
ausweitet. Ursprünglich wird in der Parabel eine prägnante Begebenheit
als Gleichnis gestaltet und damit eine
didaktische Absicht verfolgt. Doch anders als bei der ebenfalls lehrhaften
Fabel handeln hier nicht mit menschlichen Eigenschaften ausgestattete
Tiere, sondern Menschen. Die moralische
Lehre wird nicht wie in der Fabel explizit formuliert und als Lehrsatz
angefügt, sie ist vielmehr der Geschichte eingeschrieben. Dem Leser
ist es überlassen, die Bildebene des parabolischen Textes auf die
Gedankenebene zu übertragen und aus dem Geschilderten Analogieschlüsse
auf seine eigene Wirklichkeit zu ziehen. So vermag die Parabel über
ihren unmittelbaren gegenständlichen und situativen Bezug hinauszuweisen
und ihren Gehalt auf einer abstrakteren gedanklichen Stufe zu entfalten.
Merkmale und Historie
Die Wurzeln der Parabeln
sind in der antiken Rhetorik zu suchen,
die Gleichnisse und Parabeln zur Illustration und Stützung von Argumenten
heranzog. Die literarischen Parabeln lassen sich vor allem auf die biblischen
Gleichnisse des Alten und des Neuen Testaments (PDF 1) zurückführen,
insbesondere auf die neutestamentlichen Gleichnisse Jesu, die zur Veranschaulichung
seiner Lehre dienen.
Aus diesem ursprünglichen Zusammenhang, als Einschub
in einer Rede, erklären sich die Merkmale
der Parabel:
Mitunter ist sie demzufolge keine eigenständige literarische Form,
sondern eine illustrierende, argumentative Beifügung. Man findet
sie beispielsweise als Binnenerzählung
in einen anderen epischen oder dramatischen Text eingebettet, wie das
bei der berühmten Ringparabel
in GOTTHOLD EPHRAIM LESSINGs "Nathan der Weise" der Fall ist,
die wiederum aus BOCCACCIOs Novellenzyklus "Decamerone" stammt.
Mit der Säkularisierung und Aufklärung und der schwindenden
Bedeutung der Rhetorik ist auch für die Parabel der Zusammenhang
mit der Redesituation verloren gegangen. Es entstanden Parabelsammlungen,
in denen jede Parabel, abgesehen vom Zusammenhang im Zyklus gewissermaßen
für sich steht:
Parabeln bei KAFKA und BRECHT
Erzähltexte tragen oft mehr oder weniger ausgeprägte parabolische
Züge. Nahezu einzigartig stehen in diesem Zusammenhang die
Dichtungen FRANZ KAFKAs da.
In ihnen ist Wirklichkeit solcherart stilisiert, dass gewissermaßen
das ganze Universum seiner Parabelerzählungen und Romanfragmente
zum Gleichnis erhoben ist. Die Universalität der kafkaschen Texte
und ihre enorme Wirkung gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
ergibt sich aus ihrem offenen Deutungshorizont. KAFKAs Werke, die um die
Metaphern Schuld und Strafe, Gesetz und Macht kreisen, liefern keine ablesbare
Botschaft, sondern enden als Chiffren, die den Erkenntnis bringenden Analogieschluss
verweigern. Die Ratlosigkeit des Lesers ist die ihrer Helden.
"Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, dass das Unfassbare unfassbar ist, und das haben wir gewusst."
(Kafka, Franz: Von den Gleichnissen. In: Gesammelte Werke. Band 8, Frankfurt a.M. 1950 ff., S. 72)
So kann man die gnadenlose Welt des "Prozeß" als eine Parabel auf die unentwirrbaren, dem Zugriff des Individuums entzogenen Strukturen einer modernen, bürokratisch geordneten Wirklichkeit lesen, "Die Verwandlung" des Gregor Samsa in ein großes Ungeziefer als Reflex auf seine demütigende Rolle als unterwürfiger Sohn und Angestellter.
KAFKA und BRECHT repräsentieren gewissermaßen die Pole modernen parabolischen Erzählens. Während KAFKAs beklemmende Gleichnisse einem Ohnmachtsgefühl Ausdruck geben, verfolgt der marxistische Dichter BERTOLT BRECHT mit seinen Parabelstücken und Prosaparabeln eine aufklärerische, wenngleich erkenntniskritische Intention im Sinne eines "eingreifenden Denkens".
Ein Kommentar (Gib's auf)
Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: "Von mir willst du den Weg erfahren?" - "Ja", sagte ich, "da ich ihn selbst nicht finden kann." - "Gib's auf, gib's auf", sagte er und wandte sich mit großem Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen alleine sein wollen.
(Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen, hg.v. Paul Raabe, Fischer Taschenbuch 1078, Frankfurt/M. 1970, S.320f.)