Heinrich Mann: Professor Unrat
Inhalt
Inhalt: Dem Titel des Romans "Professor
Unrat" liegt ein Wortspiel zugrunde, die Verballhornung des Namens
des Gymnasialprofessors Raat, der am Gymnasium einer norddeutschen Stadt
bereits seit fünfundzwanzig Jahren Schülergenerationen tyrannisiert. Der
steife, verknöcherte Prof. Raat sieht
in den Schülern seine Feinde, die er "fassen" und vernichten will, auch
dann noch, wenn sie bereits die Schule verlassen haben und zu den ehrbaren
Bürgern der Stadt gehören. Er, der sich als Ordnungshüter und Vertreter
der Staatsgewalt sieht, hat nur das eine Ziel, die harmlosen Späße der
Schüler, in denen er umstürzlerische Umtriebe sieht, zu unterbinden und
zu bestrafen. Hat er wieder einmal einen Schüler ins Kabuff gesperrt,
fühlt er die Genugtuung eines selbstgerechten Herrschers. Professor Raat
ist in höchstem Maße unbeliebt. Wenn der Schultyrann sich nähert, kündigen
ihn die Schüler mit dem Satz an: "Ich wittere Unrat."
Das Trio
Unter den Schülern ist ein Trio besonders
herausgehoben: der frühreife Lohmann,
Sohn eines Senators der Stadt, der angeberische und etwas dumme Graf
Erztum und der schwächliche Kieselack.
Diese drei Freunde unterhalten Beziehungen zu der "Barfußtänzerin" und
Sängerin Rosa Fröhlich, die in der Kneipe zum "Blauen Engel" arbeitet.
Während Kieselack sich in dem lockeren Milieu des "Blauen Engels" nur
amüsieren will, hat Lohmann die Absicht, seine reife Angebetete, die Konsulin
Breetpoot, mit seiner Beziehung zu Rosa Fröhlich zu kränken. Graf Erztum
hingegen hegt ernsthaft die Absicht, die Sängerin mit dem zweifelhaften
Ruf durch Heirat zu sich zu erheben.
Raat als Moralapostel
Eines Tages entdeckt Prof. Raat bei seinem Schüler Lohmann ein unsittliches
Gedicht auf Rosa Fröhlich. Er wittert eine Chance, seine Schüler der Übertretung
sittlicher Regeln zu überführen und begibt sich schließlich in
das besagte Etablissement, wo Rosa Fröhlich arbeitet. Es dauert nicht
lange und er ist von der der lasziven Sinnlichkeit der Sängerin in den
Bann geschlagen. Bald taucht er Abend für Abend im "Blauen Engel" auf,
zunächst unter dem Vorwand, seine Schüler auf frischer Tat ertappen zu
wollen, tatsächlich ist er jedoch bald der erotischen Ausstrahlung Rosa
Fröhlichs verfallen. In der ganzen Stadt weiß man bereits über den Wandel
des Professors Bescheid und registriert seinen moralischen Abstieg.
Raat und die Liebe
Während einer Wanderung der drei Jungen mit Rosa
Fröhlich hat Erztum ein Hünengrab zerstört und muss sich deshalb vor
Gericht verantworten. In der Verhandlung kommt zutage, dass die Sängerin
eine intime Beziehung zu Kieselack unterhalten hat. Unrat ist zutiefst
gekränkt, denn inzwischen ist er unrettbar in Rosa Fröhlich verliebt.
Zudem werden zwar Kieselack und Erztum der Schule verwiesen, der von ihm
besonders gehasste "Anführer" Lohmann darf jedoch bleiben; dafür hat dessen
einflussreicher Vater, der Konsul, gesorgt.
Professor Unrat hat sich allerdings inzwischen derart kompromittiert,
dass er als Gymnasialprofessor unhaltbar geworden ist und in die Pension
geschickt wird.Er entschließt sich, Rosa Fröhlich die Ehe anzutragen,
woraufhin sie ihm sofort ihr bis dahin verschwiegenes Kind präsentiert.
Rosas Vergnügungsetablissement
Da die Ersparnisse Unrats schnell aufgebraucht sind, richtet die "Künstlerin"
Fröhlich in der Villa ihres Mannes ein Vergnügungsetablissement
ein. Zu ihren Kunden gehören die zahlungskräftigen Honoratioren der Stadt,
mit denen sie sich im Einverständnis weiß bei der Verschleierung des wahren
Charakters ihres Unternehmens. Das Theater der Stadt und die "Gesellschaft
für Gemeinsam" fristen fortan ein klägliches Dasein, denn Rosa Fröhlich
zieht ihnen die Kundschaft ab. Ihre Gäste, zum großen Teil die ehemaligen
Schüler Unrats, richten sich allmählich moralisch und finanziell zugrunde.
Diese Wendung empfindet der abgeschobene Gymnasiallehrer als späte Genugtuung.
Die Lasterhaftigkeit und Verdorbenheit seiner einstigen Zöglinge, von
der er immer zutiefst überzeugt war, bestätigt sich ihm. Als strenger
Ordnungshüter und strafender Richter bleibt er gleichsam im Hintergrund
und beobachtet den "Abstieg" seiner Gegner mit Genugtuung. Er will allerdings
nicht wahrhaben, dass auch seine Frau Rosa sich an die Gäste verkauft.
Raats Abstieg
Erst als eines Tages Lohmann auftaucht und diese Illusion brutal zerstört,
indem er die sorgsam verschleierten Verhältnisse im Hause Unrats aufdeckt,
gerät er außer sich. In rasender Wut und Eifersucht beraubt er Lohmann
und greift seine Frau tätlich an. Mit diesem zerstörerischen, anarchistischen
Akt verletzt er vollends und offen die Regeln der "feinen Gesellschaft"
und katapultiert sich selbst ins gesellschaftliche Aus. Er und seine Frau
werden verhaftet, die "anständigen" Bürger stellen ihre vermeintliche
Ordnung wieder her, indem sie sich des offenen Skandals entledigen. Beim
Abtransport ins Gefängnis begegnet dem verhafteten Paar Kieselack, der
inzwischen Bierkutscher geworden ist und das Zusammentreffen mit den Worten
kommentiert: "'ne Fuhre Unrat."
Einordnung
Den Roman "Professor Unrat" schrieb HEINRICH MANN 1904 in wenigen Monaten
(erschienen 1905 in München). Damit hat er, neben seinen Romanen "Im Schlaraffenland"
(1900) und "Der Untertan" (1906), eine der bedeutendsten Gesellschaftssatiren
über die Zustände im kaiserlichen Deutschland geschaffen. Dieses Werk
begründete seinen Ruf als scharf beobachtender Sozialkritiker. Der Roman
liefert eine sozialpsychologische Analyse des gedrillten wilhelminischen
Untertanen und verzerrt dessen Züge von moralischer Strenge, Menschenhass,
Erstarrung und Bigotterie ins Satirisch-Groteske. Zudem zeichnet er wie
kaum ein anderes literarisches Werk der Zeit in scharfen Konturen das
kaiserliche Schulwesen und seine Erziehungsprinzipien, die vor allem in
der Heranbildung von Untertanengeist und Kadavergehorsam bestanden. Unrat,
der sich für einen unbestechlichen Ordnungs- und Sittenhüter hält, ist
letztlich auch nur ein Werkzeug der Machtstrukturen und den Spielregeln
der gesellschaftlichen Verhältnisse unterworfen. Er wird aus der "guten
Gesellschaft" ausgestoßen, als er seinen anstößigen Lebenswandel nicht
mehr im Verborgenen hält, so wie alle anderen es tun und erwarten, sondern
von seiner erotischen Verfallenheit an die Bartänzerin beherrscht wird.
Den letzten Schritt seiner gesellschaftlichen Ächtung vollzieht die ehrbare
Bürgerschaft mit seiner Verhaftung, nachdem er in einem verkappten Akt
des Anarchismus letztlich alle Regeln gebrochen hat.
HEINRICH MANNs Roman lieferte die Vorlage für den Film "Der blaue Engel" (1930) von JOSEF VON STERBERG, der MARLENE DIETRICH in der Rolle der feschen Lola weltberühmt machte.