

OVID (PUBLIUS OVIDIUS NASO)
war ein römischer Dichter zu Zeiten des Kaisers AUGUSTUS, der infolge
seiner formalen Virtuosität, seines weltstädtischen Humors und
seines schöpferischen Ideenreichtums als Klassiker der lateinischen
Literatur gilt.
Er perfektionierte das Versmaß des elegischen Distichs und hatte damit
als einer der großen Elegiker nachhaltigen Einfluss auf nachfolgende
Dichter. Sein Gesamtwerk ist vom Umfang her größer als das von
VERGIL, HORAZ, TIBULL und PROPERZ zusammen.
Lebensgeschichte
Die Lebensgeschichte von OVID begann am 20.03.43 v.Chr. Er wurde in Sulmo (heutiges Sulmona)
nahe Rom geboren. Er stammte aus adligen und wohlhabenden Verhältnissen.
Wie sich aus seiner poetischen Lebensbeschreibung "Tristia" schließen
lässt, sollte er nach seines Vaters Vorstellungen ursprünglich
eine Beamten- oder Anwaltslaufbahn einschlagen und studierte daher zunächst
Rhetorik. Um dieses Studium abzuschließen, ließ sich OVID
nach dem Tod seines Vaters in Athen nieder. Das Erbe machte ihn wohlhabend
und ermöglichte ihm ein Leben ohne finanzielle Nöte und mit
einer gewissen Exzentrik.
In Athen begann OVID frühzeitig, sich der Dichtkunst zu widmen. Mit
einem Freund, dem Dichter AEMILUS MACER, bereiste er Asien und Sizilien
und ging später nach Rom. Hier lebte er bis zu seinem 50. Lebensjahr,
bekleidete verschiedene öffentliche Ämter und genoss die Unterstützung
diverser Mäzene1), u. a. die des Kaisers AUGUSTUS (63 v.Chr.–14 n.Chr.).
1) Mäzen = lat. für einen vermögenden Privatmann, der Kunst, Kultur oder Sport bzw. Künstler oder Sportler mit finanziellen Mitteln fördert).
Der Tod von HORAZ im Jahr 8 v.Chr. ließ OVID zum bekanntesten Autor Roms werden, doch sah er sich gezwungen, Rom noch im selben Jahr zu verlassen und ins Exil nach Tomis (heutiges Constanca, Rumänien) zu gehen. Wenngleich OVID selbst angab, der Grund dafür wäre die Publikation seiner "Ars amatoria", eines dem Kaiser moralisch anstößig erschienenen Langgedichtes über die Liebe, so liegt doch der wahre Grund vermutlich darin, dass OVID von einem Skandal Kenntnis hatte, in den auch die Enkelin des Kaisers verwickelt war. Der dieserart in Ungnade gefallene OVID ersuchte AUGUSTUS vergeblich um Begnadigung. So musste er bis zu seinem Tod im Exil leben. Er starb etwa 17 n.Chr. in der Stadt Tomis, die ihn zu ihrem Ehrenbürger gemacht hatte.
Frühwerk
Zu OVIDs Frühwerk gehören:
Das erste Werk OVIDs waren die „Amores“ („Die Liebeselegien“, zw. 23-16 v.Chr. entstanden, um 2 n.Chr. erschienen). Die drei Bücher der "Amores" vereinen eine Sammlung von 50 Liebeselegien um eine vermutlich fiktive, historisch wenig fassbare Geliebte, die OVID CORINNA nannte. Dieses Werk steht ganz in der elegischen Tradition der OVID bekannten und von ihm geschätzten Dichter PROPERZ und ALBIUS TIBULL. OVID setzte sich in den "Amores" praktisch selbst ein Denkmal, indem er sich als souveränen, humorvollen und genießenden Liebhaber darstellte.
Ebenfalls in elegischem Versmaß verfasste OVID die „Heroides“ („Epistulae Heroidum“, erschienen um 10 v.Chr.), eine Sammlung von 21 fiktiven Liebesbriefen von Heldinnen und Helden der griechischen bzw. römischen Mythologie mit beeindruckenden Charakterstudien. Es finden sich u. a. Briefe von PENELOPE an ODYSSEUS, PARIS an HELENA oder ARIADNE an THESEUS.
Aus der frühen Schaffensperiode von OVID stammen außerdem die Tragödie „Medea“ (von Autoren der Antike hoch gepriesen, aber fast vollständig verloren gegangen) sowie verschiedene Lehrgedichte, insbesondere die
Mittlere Schaffensperiode
OVIDs Hauptwerke
der mittleren Schaffensperiode sind:
Die 15 Bücher seines berühmtesten Werkes, des Versepos' „Metamorphoses“ („Verwandlungen“),
gehören zu den schönsten Werken der Weltliteratur. In 10 Jahren
intensiver Arbeit und mit insgesamt rund 12000 Hexametern (700-900
je Buch) gelang es OVID, antike Mythologie und zeitaktuelle naturwissenschaftliche
Versuche zur Deutung des alten griechisch-römischen (mythischen)
Weltbildes miteinander zu verknüpfen.
Die "Metamorphoses" sind epische Dichtungen, nach hellenistischem
Vorbild als Kleinepen gestaltet, so dass sie von OVID zu größeren
Zyklen zusammengefasst werden konnten - als Stilmittel ein Novum
in der lateinischen Literatur. Die einzelnen Erzählungen sind oft
dramatisch gestaltet. Beginnend mit der Schöpfung des Universums
und der Sintflut schließen sich Göttersagen, Erzählungen
von Helden und Heldinnen sowie mythische Geschichten über Troja und
Rom an, beendet mit dem Tod, der Lobpreisung und der Vergöttlichung
CAESARs. Oft werden Beziehungen zwischen Menschen und Göttern oder
die Folgen von Gehorsam und Ungehorsam beschrieben. Dabei werden die Menschen
durch eine Verwandlung belohnt oder bestraft.
Die 250 Verwandlungssagen der "Metamorphoses" haben als "Kompendium"
der griechischen Mythologie wie kaum ein anderes literarisches Werk die
abendländische Kunst geprägt. Im Mittelalter gehörten die
"Metamorphoses" zu den meistgelesenen Schriften der Antike,
aus dieser Zeit sind etwa 150 Abschriften und deutsche Übersetzungen
erhalten. Sogar OVID selbst schien sich der Bedeutung seines Werkes sicher
zu sein, da er im Epilog verkündete, dass er durch die "Metamorphoses"
für alle Zeiten leben werde.
Zwischen 2-8 n.Chr. entstanden die „Fasti“, eine Art literarischer Festkalender. In elegischen Distichen beschreibt Ovid die römischen Feste und die mit diesen Festen verbundenen Sagen und erläutert kultische Rituale. Ursprünglich sollte für jeden Monat ein Buch geschrieben werden, vollendet wurden aber nur die Bücher für Januar bis Juni.
Spätwerke
Zu den Spätwerken OVIDs
gehören:
Alle diese Werke wurden im Exil geschrieben und strahlen Schwermut und Resignation aus, verbunden mit der Hoffnung auf die Begnadigung durch den Kaiser und eine Rückkehr nach Rom.
Die "Metamorphoses" und die fragmentarische "Halieutica" sind als einzige Werke OVIDs in daktylischen Hexametern verfasst, alle anderen Schriften in aus der griechischen Lyrik übernommenen elegischen Distichen. Dieses Versmaß führte OVID zur Perfektion.
Einfluss OVIDs auf nachfolgende Dichter
OVIDs Einfluss
auf nachfolgende Dichter war sehr groß. Daran konnte auch die
Tatsache nichts ändern, dass auf Weisung des Kaisers AUGUSTUS die
Werke OVIDs nach seinem Tod aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt
wurden.
Bereits der im Mittelalter verfasste altfranzösische Versroman "Roman
de la Rose" ("Rosenroman"), eine auf die Minnetradition
zurückgehende Traumallegorie von GUILLAUME DE LORRIS und JEAN DE
MEUNG wurde nach dem Vorbild der Liebeselegien OVIDs geschrieben.
Viele Dichter der Renaissance entlehnten den Stoff für ihre Novellen
den mythologischen Dichtungen OVIDs, u. a. LUDOVICO ARIOSTO, GIOVANNI BOCCACCIO
und GEOFFREY CHAUCER. Auch WILLIAM SHAKESPEARE und JOHN MILTON gehörten
zu den von OVID geprägten Dichtern, ebenso HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU
(Barock) und JOHANN GOTTFRIED HERDER (Romantik). Selbst JOHANN WOLFGANG
VON GOETHE hat vermutlich sein morphologisches Weltbild auch unter dem
Eindruck der "Metamorphoses" OVIDs entwickelt.
In dem postmodernen Romanepos "Die letzte Welt" nahm CHRISTOPH
RANSMAYR Bezug auf die Verbannung OVIDs ans Schwarze Meer und seine Zeit
im Exil.
Besonders bemerkenswert war die Entwicklung des sogenannten Pseudo-Ovid,
Dichtungen aus der Zeit der Antike und des Mittelalters (besonders 12.
und 13. Jh.), die von dem jeweiligen wirklichen Verfasser oder von nachfolgenden
Kopisten OVID zugeschrieben wurden. So existiert beispielsweise ein Relegionsepos
("De vetula"), das angeblich im Grab OVIDs gefunden wurde und
seine Bekehrung zum Christentum schildert. In Wahrheit wird es auf um
1250 datiert und stammt aus der Feder eines französischen Geistlichen.
Neben Dichtern wurden vor allem Maler von OVID inspiriert. Künstler
wie MICHELANGELO, RAFFAEL, TIZIAN, RUBENS, REMBRANDT und DALI schufen
Gemälde mit Szenen aus seinen mythischen Erzählungen; MAILLOL
und PICASSO Illustrationen zu seiner "Ars amatoria".
