REINER KUNZE arbeitet seit 1962 als freier Schriftsteller. Sein literarisches Werkzeug ist die reimlose Lyrik. Er veröffentlichte diverse Gedichtsammlungen, einige Kinderbücher, Prosatexte und Essays. In seinen Werken setzte er sich vor allem mit der Gefahr der ideologischen Vereinnahmung von Kunst und mit der Gesellschaft der DDR auseinander. KUNZE wurde für seine literarischen Arbeiten mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet.
Lebensgeschichte
REINER KUNZEs Lebensgeschichte
ist eng mit den beiden deutschen Staaten verbunden. Er wurde am 16. August
1933 als Sohn eines Bergarbeiters in Oelsnitz im Erzgebirge geboren. Nach
dem Krieg, seine Eltern hatten ihm bereits eine Lehrstelle bei einem Schuhmacher
besorgt, erhielt er die Chance, die Oberschule zu besuchen. Er ging in
eine, im Zuge der Abschaffung der traditionellen Bildungsprivilegien entstandene,
sogenannte "Aufbauklasse für
Arbeiterkinder". Mit 16 Jahren trat er in die SED
ein, da er sich von dieser Partei die weitere Beseitigung der sozialen
Unterschiede erhoffte.
KUNZE studierte in den Jahren 1951 bis 1955 Journalistik
und Philosophie an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Unter
anderem legte er auch in Literatur-, Musik- und Kunstgeschichte sein Examen
ab. Während seiner vierjährigen Tätigkeit als wissenschaftlicher
Assistent an der Universität in Leipzig begann für ihn die politische
Desillusionierung, der ein psychischer Zusammenbruch folgte. Er verließ
die Universität kurz vor seiner Promotion und arbeitete ein Jahr
lang als Hilfsarbeiter im Schwermaschinenbau.
Danach entschloss er sich, als freier Schriftsteller
tätig zu werden.
Nach längeren Aufenthalten in der Tschechoslowakei heiratete KUNZE
1961 eine tschechische Ärztin und zog 1962 nach Thüringen. Da
es für ihn aufgrund seiner gegen die Zustände in der DDR gerichteten
Haltung immer schwieriger wurde, seine Bücher zu veröffentlichen,
stellte er einen Ausreiseantrag, der
1977 bewilligt wurde. KUNZE ließ sich in der BRD in Obernzell-Erlau
bei Passau nieder.
1988/89 arbeitete er als Gastdozent
an den Universitäten in München und Würzburg.
Nach der "Wende" wurde er rehabilitiert. Er reiste in die DDR,
um Einsicht in seine Stasiakte
zu nehmen. Daraufhin bezichtigte er HERMANN
KANT öffentlich der Denunziation und veröffentlichte
im Jahre 1990 sein Werk "Deckname
Lyrik'" (Bild 1), in dem er auch IBRAHIM
BÖHME (damaliger Vorsitzender der DDR-SPD) als Stasiinformant
enttarnte.
1992 trat er aus Protest gegen die kritiklose Übernahme sämtlicher
Mitglieder der Akademie der Künste (Ost) in die Akademie der Künste
(West) aus letzterer aus.
Literarisches Schaffen
KUNZEs literarisches
Schaffen umfasst vor allem reimlose Lyrik,
deren Grundlage sein eigenes Erleben ist und die er meist zu kleineren
Zyklen verbunden hat. KUNZE widerspiegelt seine Erlebnisse mithilfe von
Metaphern. Die Metaphorik übernahm
er aus der Volkspoesie und der tschechischen Lyrik. Zu seinen Hauptthemen
gehören die Bewahrung der Kunst vor ideologischer Vereinnahmung und
die kritische Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftssystem der DDR.
1959 entstand KUNZEs erster Gedichtband "Vögel
über dem Tau". Dieser ist in seiner pointierten Zuspitzung
sehr stark geprägt von der Lyrik BERTOLD BRECHTs. Seine ersten Gedichte
bezeichnet er rückblickend als "eine zum
Teil peinlich-billige Illustration". Literarisch gelungen
erscheint ihm sein Werk "Widmungen",
das 1963, allerdings nur in der Bundesrepublik, erschien.
Durch den regen Briefwechsel mit seiner späteren Frau, einer Tschechin,
kam er mit tschechischer Poesie in Berührung.
Nachdem er einen Tag nach der gewaltsamen Beendigung des Reformversuchs
in Prag ("Prager Frühling")
durch den Warschauer Pakt in die DDR zurückgekehrt war, trat er aus
Protest aus der SED aus. In seinen Werken protestierte er immer offener
gegen die politischen Zustände in der damaligen DDR. Dies blieb natürlich
nicht ohne Folgen und so erschienen seine Gedichtbände "Sensible
Wege" (1969) und "Zimmerlautstärke"
(1972) nur bei westdeutschen Verlagen. Mit "Die
wunderbaren Jahre" (Bild 1), ein die alltäglichen staatlichen
Repressionen gegen die Jugend behandelndes Werk, fiel er 1976 so weit
in Ungnade, dass er aus dem Schriftstellerverband
ausgeschlossen wurde. Dies kam einem Berufsverbot gleich. Er schloss sich
mit vielen anderen bekannten Schriftstellern dem Protest gegen die Ausbürgerung
WOLF BIERMANNs an.
Erst im April 1977 - nach unzähligen Schikanen gegen seine Familie
- wurde ihm die Ausreise in die Bundesrepublik gestattet.
Aber auch in der Bundesrepublik blieb er ein Einzelgänger und Individualist.
Hier veröffentlichte er zahlreiche aus dem Tschechischen übersetzte
Gedichte und einige Kinderbücher ("Das
Kätzchen", 1979; "Eine
stadtbekannte Geschichte", 1982). Sein Gedichtband "Auf
eigene Hoffnung" (1981) führte auch im neuen gesellschaftlichen
Umfeld konsequent das Thema seiner Werke aus den 50er-Jahren fort -
"Kunst lässt sich von niemandem vereinnahmen".
KUNZE zählt mit Schriftstellern, wie ALBERT CAMUS und SEBASTIAN CASTELLIO
zu den "Begründern des modernen Toleranzgedankens".
KUNZE wurden eine Vielzahl Literaturpreise
verliehen, so
Außerdem wurde er zum Ehrenbürger seiner früheren Heimatstadt Greiz ernannt.
Werke
Zu den Werken von KUNZE gehören
u. a.:
Vögel über dem Tau (1959, Gedichtband)
Widmungen (1963, Gedichtband)
Sensible Wege (1969, Gedichtband)
Der Löwe Leopold (1970, Kinderbuch)
Zimmerlautstärke (1972, Gedichtband)
Brief mit blauem Siegel (1973, Gedichtband)
Die wunderbaren Jahre (1976, Prosaband, 1979 verfilmt)
Das Kätzchen (1979, Kinderbuch)
Eine stadtbekannte Geschichte (1982, Kinderbuch)
Auf eigene Hoffnung (1981, Gedichtband)
Eines jeden einziges Leben (1986, Gedichtband)
Decknahme "Lyrik" (1990, Dokumentation mit Auszügen aus KUNZEs Stasiakte)
Gespräch mit einer Amsel (1984, Gedichtband)
Das weiße Gedicht (1989, Essays)
Am Sonnenhang (1993, Tagebuch eines Jahres)
Steine und Lieder. Namibische Notizen und Fotos (1996)
Ein Tag auf dieser Erde (1998, Gedichtband)