















Begriff und Merkmale
Der Roman
(altfrz.: roman, span.: romance
= in romanischer Volkssprache, nicht in Latein, abgefasste Dichtung) ist eine
große Form literarischen Erzählens.
Von den epischen Kleinformen unterscheidet er sich drch
Im Gegensatz zum umfangreichen Epos,
als dessen legitimer Nachfolger er gilt, ist der Roman nicht in gebundener Rede,
also Versen abgefasst, sondern in Prosa.
Der Roman ist die wandelbarste, variantenreichste literarische Form (siehe Romangattungen
in Bild 1), weil seine Entwicklung von normativen Regelwerken weitgehend unberührt
blieb. Im Gegenteil: Indem immer neue Techniken in der Zeit- und Redegestaltung
erprobt werden, ist der Roman imstande, die komplexe und immer weniger durchschaubare
moderne Wirklichkeit in sich aufzunehmen und ihr literarische Gestalt zu geben.
Der Roman ist die "spezifische Form des bürgerlichen
Zeitalters" (THEODOR W. ADORNO). Nicht das geschlossene, von ritterlichen
Tugenden und religiösen Idealen geprägte mittelalterliche Weltbild fand
im Roman seinen Ausdruck, sondern das neue Selbstbewusstsein
des bürgerlichen Menschen. Mit der Erfindung des Buchdrucks wurden
Romane massenhaft verbreitet und statt des ursprünglich vortragenden Erzählens
und Vorlesens setzte sich das individuelle stille
Lesen durch.
Der bürgerliche Mensch bestimmte sich nicht mehr
vornehmlich durch die Werte, die sich aus seinem Stand und seiner religiösen
Bindung ergaben. Er sah sich als autonomes (unabhängiges) Individuum einer
Welt gegenüber, in der er sich als nützlich und tüchtig erweisen
musste. Romanhandlungen bauen oft darauf auf, dass der Held diese Welt des reinen
Nützlichkeitsdenkens als fremd und feindlich empfindet. Er muss sich behaupten
und reift in einem Prozess der Desillusionierung und der Bewusstseinsbildung.
GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL nennt dies in seinen "Vorlesungen
zur Ästhetik" (1817-1829) den "Konflikt
zwischen der Poesie des Herzens und der entgegenstehenden Prosa der Verhältnisse".
Ritterroman
und Abenteuerroman
Als eigenständige epische Form bildete sich
der Roman seit Ende des 13. Jahrhunderts neben dem Epos heraus und löste
dieses allmählich ab. Frühe Romane waren die Prosaauflösungen der
höfischen Versepen. Abenteuerliche
Ritterromane nach dem Vorbild des "Amadis
de Gaule" (um 1490) von dem Spanier RODRIGUEZ DE MONTALVO schufen
eine sehr erfolgreiche weltliche Romantradition, die dem Unterhaltungsbedürfnis
der gebildeten höfischen Oberschicht entsprach. In den unteren Schichten
entstanden die sogenannten Volksbücher wie die Schwanksammlung zu "Till
Eulenspiegel" (1515) und die "Historia von D. Johann Fausten" (1587).
Einen Roman von weltliterarischem Rang schuf der Spanier MIGUEL DE CERVANTES mit
"Don Quijote"
(1605/15). Er rechnete mit den Klischees des Ritterromans ab, indem er ihn parodierte.
Alonso Quijano gerät durch die übermäßige Lektüre von Ritterromanen in einen Zustand der Verwirrung, in dem er die wirkliche Welt verkennt. Er nennt sich Don Quijote, hält seinen alten Klepper für das Streitroß Rosinante, Windmühlen für Riesen, Mönche für Entführer einer Prinzessin. In seinem Begleiter Sancho Pansa sieht er seinen Knappen und er erfindet sich mit Dulcinea die angebetete Dame seines Herzens. Don Quijote deutet die Welt nach seinen Vorstellungen um und erntet damit nur Spott. Schließlich wird er in einem vermeintlichen Kampf besiegt und zur Aufgabe seiner Ritterlaufbahn gezwungen. Er stirbt schließlich zu Haue, mit der Welt und seiner wahren Identität versöhnt.
Die meisterliche Gestaltung des Widerspiels von Ideal und Wirklichkeit, Fantasie und Vernunft, Freiheit des Geistes und Anerkennung des Gegebenen und das äußerst produktive Gestaltungsmittel des Herr-Knecht-Paares machen die bis heute unverminderte Wirkung dieses Romans aus.
Schelmenroman
Auch die Tradition des Schelmenromans
hat ein spanisches Vorbild: das "Leben
des Lazarillo de Tormes" (1554), eines anonymen Verfassers.
Im Mittelpunkt steht der "pícaro"
(span.: Gauner), der Schelm. Dieser Held aus den unteren Volksschichten schlägt
sich mit Gewitztheit und Raffinesse ohne materielle Mittel durchs Leben. Stets
auf den eigenen Vorteil bedacht, führt er seine Kontrahenten, die zumeist
höheren Schichten entstammen, an der Nase herum und stellt ihre Scheinheiligkeit
und geheuchelte Moral bloß. Der Schelmenroman vermag mit seiner realistischen
Darstellungsweise gesellschaftliche Zustände bloßzulegen. Das Strukturprinzip
ist eine lockere Reihung von abenteuerlichen Episoden, insofern trägt der
Schelmenroman auch Züge des Abenteuerromans.
Einen frühen Höhepunkt pícaresken Erzählens, den ersten bedeutenden Roman überhaupt in der deutschen Literatur, stellt "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" (1668) von HANS JACOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN (1621-1676) dar. Die äußerst lebendige Schilderung der Zeit des 30-jährigen Krieges aus der naiven Sicht des heranwachsenden Simplicius Simplicissimus fand zahlreiche Nachahmungen.
In der englischen Literatur stehen DANIEL DEFOEs (1660-1731) "Glück und Unglück der berühmtem Moll Flanders" (1722) und HENRY FIELDINGs (1707-1754) "Geschichte des Tom Jones" (1749) in der unmittelbaren Tradition des pícaresken Romans.
Von großer Wirkung auf die amerikanische Literatur waren die berühmten Jungengeschichten von MARK TWAIN (1835-1910) "The Adventures of Tom Sawyer" (dt. "Tom Sawyers Abenteuer", 1876) und "Adventures of Huckleberry Finn" (dt. "Huckleberry Finns Abenteuer", 1885, Bild 2). Die Geschichte von Huckleberry Finn bezieht ihre erzählerische Kraft aus der Diskrepanz zwischen der naiven Sicht des erzählenden Jungen, seiner frischen unverdorbenen Natur einerseits und der verknöcherten und bigotten Moral der Gesellschaft andererseits. Auf der einen Seite gibt es die Gemeinschaft auf dem Floß, der sich Huck nach der Flucht vor seinem trunksüchtigen Vater angeschlossen hat, und das Leben im Einklang mit der Natur, auf der anderen Seite die gierige, grausame Gesellschaft am Ufer. Die Flussreise strukturiert die Episodenreihung des pícaresken Erzählmusters.
"Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" (1921-1923) von dem tschechischen Autor JAROSLAV HAEK (1883-1923) erweitern das Prinzip des Schelmenromans um burlesk-satirische Züge. Der für schwachsinnig befundene, aber dennoch zum Militärdienst im Ersten Weltkrieg eingezogene Schwejk unterläuft mit seiner wortgenauen Ausführung der Befehle alle Prinzipien des Militärapparates und des Gehorsams und zieht sie damit ins Lächerliche. Zugleich bietet er auf gewitzte plebejische Weise dem Irrsinn des Krieges und den Autoritäten des Militärs Widerstand.
Als Ironisierung von Schelmenroman und Bildungsroman sind "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (1954) von THOMAS MANN angelegt. Der geläuterte und gereifte Held schildert Episoden seines abenteuerlichen Lebens, in dem er andere Menschen (besonders die Frauen) zu blenden und für sich einzunehmen verstand und so seinen gesellschaftlichen Aufstieg (und späteren Fall) betrieb.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten HEINRICH BÖLL in "Ansichten eines Clowns" (1963) und GÜNTER GRASS in "Die Blechtrommel" (1959) den Filter der begrenzten Perspektive ihres Helden und Ich-Erzählers für einen kritischen Rückblick auf die Epoche der Weltkriege und deutsche kleinbürgerliche Verhältnisse.
THOMAS BRUSSIG bediente sich in seinem satirischen Roman über die deutsche Wende "Helden wie wir" (1996) ebenfalls des Schemas des Schelmenromans. Der in seiner historischen Einsicht äußerst beschränkte Ich-Erzähler Klaus Ulzscht berichtet Aberwitziges aus seinem Leben im kleinbürgerlichen Mief des Ostens und ist der festen Überzeugung, den Fall der Mauer verursacht zu haben. Sein Verkennen der Realität, das aber der Leser mit seinem Wissen um die tatsächlichen historischen Gegebenheiten konfrontieren kann, bewirkt die komischen Effekte des Romans.
Bildungsroman, Entwicklungsroman,
Erziehungsroman
Der Entwicklungsroman
oder Bildungsroman, der als spezifisch
deutsche Erfindung gilt, weist ein ähnlich episodisches Bauprinzip wie der
Schelmenroman oder auch der Abenteuerroman auf, von denen er nicht immer klar
abzugrenzen ist. Seine Prototypen (CHRISTOPH MARTIN WIELANDs "Geschichte
des Agathon", 1766; JOHANN WOLFGANG VON GOETHEs
"Wilhelm Meisters Lehrjahre",
1795/96; "Wilhelm
Meisters Wanderjahre", 1821-1829) basieren auf dem Humanitätsideal
von Spätaufklärung und Weimarer Klassik und dem Anspruch, die geistigen
und emotionalen Fähigkeiten des Menschen harmonisch auszubilden. Das Handlungsmuster
wird durch die verschiedenen Lebensstationen und Bewährungssituationen geprägt,
die der junge Held durchwandert, um sich am Ende eines Prozesses von Reifung und
Bildung als nützliches Mitglied in die bürgerliche Gesellschaft einzufügen.
Im 19. Jahrhundert wurde der Bildungsroman zum vorherrschenden Romantypus in der deutschen Literatur:
Nicht immer ist das Bildungskonzept erfolgreich. In GOTTFRIED KELLERs "Der Grüne Heinrich" (1854/55) gelingt die Selbstverwirklichung des Helden zum Künstler nicht. Scheitern und die Desillusionierung angesichts der harten, von Nützlichkeits- und Gewinnstreben beherrschten, kapitalistischen Welt prägen auch die Romane der realistischen französischen Erzähler STENDHAL ("Rot und Schwarz", 1830), HONORÉ DE BALZAC ("Verlorene Illusion", 1837-1844) und GUSTAVE FLAUBERT ("Lehrjahre des Gefühls", 1869; "Madame Bovary", 1857).
Im 20. Jahrhundert hat der Bildungsroman seine positiv sinnstiftende Funktion weitgehend verloren, vielmehr existiert das Genre in durch Ironie gebrochenen Abwandlungen fort:
THOMAS MANN schuf mit seinem "Zauberberg"
(1924), in dem er seinen Helden Hans Castorp durch den siebenjährigen Aufenthalt
im Sanatorium gleichsam festsetzt und von der Gesellschaft isoliert, eine ironische
Variation des Bildungsromans und eine hellsichtige Analyse der geistigen Strömungen
in Europa vor dem Ersten Weltkrieg. HERMANN HESSE entwarf im "Glasperlenspiel"
(1943) für seinen Helden Josef Knecht mit Kastalien die utopische Variante
einer von der menschlichen Wirklichkeit abgeschotteten idealen "pädagogischen
Provinz" (GOETHE) der Kunst und der Wissenschaften.
Einzig in
der DDR-Literatur, die sich einseitig am klassischen Menschenbild orientierte,
verfolgten Autoren mit dem Muster des Erziehungsromans erklärtermaßen
erzieherische Wirkungsabsichten.
Gesellschaftsroman
Die großen französischen und englischen Romanciers führten den
Typus des Gesellschaftsromans
auf einen Höhepunkt. Sie erweiterten das Modell des Entwicklungsromans um
die kritische, nahezu dokumentarische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse
wie
Ein derartiges Gesellschaftspanorama schufen in Deutschland allenfalls THEODOR FONTANE mit "Der Stechlin" (1899) und HEINRICH MANN mit seinen Satiren auf den preußisch-wilhelminischen Staat "Professor Unrat" (1905) und "Der Untertan" (1918).
Briefroman
und psychologischer Roman
Die psychologische Vertiefung gesellschaftlicher
Konflikte, wie in
war unter anderem in den sehr populären Briefromanen
des 18. Jahrhunderts vorbereitet. Die fingierten (erfundenen) Briefe oder Briefwechsel
ermöglichten eine konsequente Ich-Perspektive und das tiefe Ausloten des
Gefühlslebens ihrer Protagonisten.
Als europäisches Vorbild wirkte
der Briefroman "Pamela"
(1740) des Engländers SAMUEL RICHARDSON. Es ist die Geschichte eines
jungen Mädchens, das seine Tugend tapfer verteidigt und mit dem Aufstieg
aus den untersten Schichten zur wohlsituierten Ehefrau belohnt wird. Als Höhepunkt
von weltliterarischem Rang gilt JOHANN WOLFGANG VON GOETHEs Briefroman "Die
Leiden des jungen Werther" (1774), der den jungen Autor über
Nacht berühmt machte. JOHANN CHRISTIAN FRIEDRICH HÖLDERLINs "Hyperion" (1797) erreichte
diese enorme Wirkung nicht mehr, und nach dem 18. Jahrhundert mit dem Abflauen
der allgemeinen Briefkultur und der Epoche der "Empfindsamkeit" spielte
dieser Romantyp praktisch keine Rolle mehr.
Abenteuerroman
und Robinsonade
DEFOEs "Robinson"
wurde vielfach übersetzt und bearbeitet, meist als Abenteuer- oder Lügengeschichte
dargeboten. Eine eigenständige Auslegung des Robinson-Motivs als antifeudale
Utopie war "Insel
Felsenburg" (1731/32/43) von JOHANN GOTTFRIED SCHNABEL. Das
Genre der Robinsonade bot sich als brauchbare Form sowohl für erzieherische
Absichten als auch für verschiedene utopische Gesellschaftsentwürfe
an. Als Jugendbuch mit dieser Ausrichtung haben sich Robinsonaden im 18. und 19.
Jahrhundert in der Jugendliteratur (JOHANN HEINRICH CAMPE, "Robinson
der Jüngere, zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder",
1779/80; und J. K. WEZEL, "Robinson
Krusoe, neu bearbeitet", 1779/80) etabliert.
Die modernen
Robinsons durchstreifen heute das Universum und errichten in fernen Galaxien Modelle
menschlichen Zusammenlebens.
Historischer
Roman
Gegenstand und Stoffquelle historischer
Romane sind geschichtliche Ereignisse und historische Personen, die häufig
genutzt werden, um ein aktuelles Anliegen zu formulieren. Dabei werden im Material
je nach der Intention des Autors Akzente durch Weglassen oder Verdichten gesetzt.
Insofern unterliegt die historisch beglaubigte Vorlage in der Bearbeitung einer
fiktionalisierenden Einkleidung.
Als Vater des europäischen historischen
Romans gilt der Schotte Sir WALTER SCOTT. Nach sehr erfolgreichen Ritterepen in
Versen verfasste er in schneller Folge zahlreiche romantisch geprägte Romane
in einer Mischung aus historisch Verbürgtem und Erfundenem, wobei er häufig
Stoffe aus seiner schottischen Heimat verarbeitete:
SCOTT wurde vielfach übersetzt und nachgeahmt, denn das Genre erfreute sich beim Lesepublikum außerordentlicher Beliebtheit. Stellvertretend seien
genannt. Vor allem wirkte SCOTT auf die englischsprachige amerikanische Literatur, so auf
Am Anfang der Entwicklung des historischen Romans standen in Deutschland die historischen Novellen der Romantiker. Erklärtermaßen in die Tradition SCOTTs stellten sich vor allem:
Ende
des 19. Jahrhunderts fand der historische Roman in Deutschland ein breites Lesepublikum,
auch als beliebtes Genre der Unterhaltungsliteratur.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts
setzten
die Tradition des historischen Romans fort. Er erlangte während der Zeit des Faschismus erneut literarische Bedeutsamkeit. Die Schriftsteller, die in die Emigration gegangen waren, kleideten ihre Distanzierung und Auseinandersetzung mit den braunen Machthabern in ein historisches Gewand:
LION FEUCHTWANGER legte sowohl
in den Zwanzigerjahren ("Die
hässliche Herzogin Margarete Maultasch", 1923; "Jud
Süss", 1925) als auch nach dem Krieg ("Die
Füchse im Weinberg oder Waffen für Amerika", 1947/48; "Goya",
1951; "Die Jüdin
von Toledo", 1955) bedeutende historische Romane vor.
Die
historische Einkleidung war auch für Autoren der DDR ein Weg, sich mit dem
absoluten Machtanspruch von Staat und Partei auseinanderzusetzen und Zensurmaßnahmen
und Druckverbot zu entgehen:
Unterhaltungsromane: Liebe,
Verbrechen, Abenteuer, Science-Fiction
Romane wollten und wollen nicht
nur bilden und erziehen. Der wirtschaftliche Erfolg dieses Genres beruhte vor
allem darauf, dass das Informations- und das Unterhaltungsbedürfnis des breiten
Lesepublikums gleichermaßen befriedigt werden. Die Masse der Buchproduktion
ist seit Ende des 18. Jahrhunderts stetig angewachsen und reagiert auf sehr unterschiedliche
Lesebedürfnisse. Neben den Werken für gehobene literarische Ansprüche
entstand und entsteht eine Flut von Trivial-
und Unterhaltungsliteratur, die den Fundus erfolgreicher Vorbilder mehr oder
weniger gelungen kolportiert (nachahmt) und auffächert.
Den Nachtseiten der menschlichen Seele und Gesellschaft hatten sich schon die Romantiker in ihren Erzählungen zugewandt. Ein Meister der fantastischen Schauergeschichte war E. T. A. HOFFMANN. 1818 hatte er in "Das Fräulein von Scuderi" einen Kriminalfall in den Mittelpunkt eines novellistischen Romans gestellt. Der russische Autor FJODOR DOSTOJEWSKI, der für viele Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, u. a. für THOMAS MANN, von großem Einfluss war, machte in
das Verbrechen und die Seele des Verbrechers
zum Gegenstand literarischer Gestaltung.
Im 19. Jahrhundert, als sich
die bürgerlichen Rechts- und Ordnungsmächte formierten, bildete sich
vor allem im englischen Sprachraum das Genre des Kriminalromans
heraus. Das Vorbild schuf EDGAR ALLAN POE mit seiner Erzählung "Der
Doppelmord in der Rue Morgue" (1841), in der ein Privatdetektiv
der Frage "Wer war es?" nachgeht. Damit sind die einfachen, aber erfolgreichen
Strukturprinzipien des Genres genannt. Entweder werden auf "analytischem"
Wege Täter und Tathergang von einem Detektiv Schritt für Schritt (einschließlich
retardierender Momente in Form falscher Fährten und Verdachte) enthüllt
oder aber das Wissen wird dem Leser gleich zu Beginn mitgeteilt und die Spannung
baut sich "synthetisch" auf, indem Tatmotive und Psyche des Täters
aufgedeckt werden. Von diesen Basiselementen in verschiedenen Variationen lebt
das Krimigenre, das sich auch als Film unerschütterlicher Beliebtheit erfreut:
der Detektiv, der mehr oder weniger als Person profiliert wird (Miss Marple, Sherlock
Holmes, Philipp Marlowe, Kommissar Maigret) und sein Assistent (Dr. Watson), die
Vorführung von Milieus und sozialen Schichten (im englischen Krimi die gehobene
Mittelklasse und der Adel; im amerikanischen Krimi die harten Milieus der Großstädte),
die Enthüllung des psychologischen Profils des Täters (der mit der Fassade
des Gutbürgerlich-Anständigen oder der psychopathische Serienmörder).
Zu den Krimiklassikern zählen die Romane:
Viel gelesene Krimiautoren an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert sind die in Italien lebende US-Schriftstellerin DONNA LEON und der Schwede HENNING MANKELL.
Die Grenzen zwischen anspruchsvoller Literatur und Unterhaltungsliteratur sind fließend und oft irrelevant. Große Literatur kann durchaus als Abenteuerroman (wie HERMAN MELVILLEs "Moby Dick"), als Krimi und Historienschinken (wie UMBERTO ECOs "Der Name der Rose", 1980) oder als Science Fiction (wie GEORGE ORWELLs "1984") daherkommen.
sind Ende des 20. Jahrhunderts mittels Buch- und Filmindustrie zu einem gigantischen Marktsegment geworden sind, das dem Bedürfnis nach Ablenkung und Nervenkitzel, nach dem Überschreiten der prosaischen Wirklichkeit im Geiste, nachkommt. Einmal erfolgreiche Bücher werden nicht selten in Fortsetzungen produziert wie in jüngster Zeit die Harry-Potter-Bücher von JOANNE ROWLING.
Der Roman der Moderne
und seine Wandlungsfähigkeit
Wir haben gesehen, dass die klassischen
Romanformen einer steten Wandlung unterlagen und sich immer neue Romantypen herausgebildet
haben. THOMAS MANN, möglicherweise der bedeutendste deutsche Erzähler
des 20. Jahrhunderts, hat eine Fülle von Erzähltechniken zu virtuoser
Meisterschaft entwickelt. Ein radikaler Erneuerer war er jedoch nicht, eher blieb
er dem traditionellen chronologischen und auktorialen Erzählen verbunden,
so wie auch HEINRICH MANN, LION FEUCHTWANGER, ARNOLD ZWEIG, JOSEPH ROTH (PDF 4), HERMANN
HESSE, STEFAN ZWEIG und ANNA SEGHERS.
Das epochale Krisengefühl, das die wirtschaftlich-technischen und gesellschaftlichen Veränderungen hervorriefen, widerspiegelt sich in radikalen formalen Neuerungen in der Literatur Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Erzählmuster erneuerten und vervielfältigten sich in schneller Folge. Der ruhige harmonische Erzählfluss des 19. Jahrhunderts, der Standpunkt des allwissenden Erzählers und die chronologische Zeitabfolge erschienen vielen Autoren als unangemessen, um der immer komplexer werdenden Wirklichkeit Herr zu werden. Sie unterliefen die Erwartungen des bildungsbürgerlichen Lesepublikums mit avantgardistischen Formexperimenten. Jene Autoren, die damals oft auf Unverständnis und Ablehnung, aber auch auf die begeisterte Zustimmung ihrer Kollegen stießen, werden heute als Vertreter der klassischen Moderne angesehen.
In Reaktion auf die als hässlich und brutal empfundene Wirklichkeit suchten einige Autoren Zuflucht im Ästhetizismus, einer Kunstwelt des Schönen (OSCAR WILDE, PDF 7, GABRIEL D'ANNUNZIO, KARL-JORIS HUYSMAN), andere in radikaler Subjektivität und psychologischer Erkundung (KNUT HAMSUN, MARCEL PROUST, VIRGINIA WOOLF).
Von großer Wirkung auf nachfolgende Schriftstellergenerationen, jedoch ohne Anknüpfungspunkte im Sinne von Wiederholbarkeit waren MARCEL PROUSTs mehrbändiges Werk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (1909-1922) und JAMES JOYCE "Ulysses" (1922). PROUST schuf eine handlungsarme, auf die Wiedergabe von Erinnerungen und Sinneseindrücken und satirische Sozialanalyse gerichtete Prosa, in der das Erzähler-Ich zudem die verfließende Zeit sowie die Vorgänge des Erinnerns und Empfindens reflektiert. Am weitesten trieb JOYCE die erzähltechnischen Neuerungen. Sein Roman "Ulysses" schildert einen Tag des Dubliner Anzeigenwerbers Leopold Bloom in Anspielung auf HOMERs Epos als Odyssee durch die Großstadtwelt und das menschliche Bewusstsein. Er experimentiert mit verschiedenen Erzähltechniken, montiert auch alltagssprachliche Gebrauchstexte wie Zeitung und Reklame ein und macht Sprache zum direkten Ausfluss ungeordneten menschlichen Bewusstseins in einem mehrseitigen interpunktionslosen "Stream of Consciousness“.
Das Erzählen selbst, oder besser die Unmöglichkeit geschlossener epischer Darstellung, die Behandlung der Zeit, der kunstschöpferische Prozess wurden im Roman zum Thema:
ALFRED DÖBLIN nutzte in seinem Roman "Berlin Alexanderplatz" (1929) die Montagetechnik, um der chaotischen, vielstimmigen Welt der modernen Großstadt Ausdruck zu geben. FRANZ KAFKAs pessimistische, extrem deutungsoffene Romanparabeln sind Fragment geblieben und wurden nach seinem Tode und gegen seinen testamentarischen Willen von seinem Freund MAX BROD veröffentlicht. Sie machten KAFKA in der Nachkriegszeit in Westeuropa und Amerika zu einem viel gelesenen Autor.
Nach den katastrophalen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges erschien der jüngeren deutschen Autorengeneration das naive, episch breite Erzählen ebenso unmöglich wie modernistische Formexperimente. Der "Tod des Romans" wurde verkündet und hauptsächlich Kurzprosa verfasst. Rezipiert wurden in jener Zeit jedoch die Romane ausländischer Autoren:
In der westdeutschen Erzählliteratur herrschten realistische (WOLFGANG KOEPPEN, "Das Treibhaus", 1952; MARTIN WALSER, "Ehen in Philippsburg", 1957) und gemäßigt modernistische Erzählweisen (GÜNTER GRASS, "Die Blechtrommel", 1959) vor. An der klassischen Moderne geschult waren die subjektive Erzählperspektive, die jähen Perspektivwechsel und Wechsel der Zeitebenen und die Polyphonie (Vielstimmigkeit) bei UWE JOHNSON, dessen Roman "Mutmaßungen über Jakob" (1959) u. a. aus diesen Gründen nicht in der DDR erscheinen durfte. Seine Romantetralogie "Jahrestage" (1970-1983) verschränkt eine Gegenwartshandlung, in die Fakten aus dem Zeitgeschehen eingestreut sind, mit Rückblicken auf die deutsche Geschichte, auktoriales und unvermittelt dialogisches Erzählen wechseln einander ab.
In der Literatur der DDR war wie in anderen Staaten, die sich im Machtbereich der Sowjetunion befanden, die Schreibweise des sozialistischen Realismus verordnet. Das kommunistische Geschichtsbild und der Aufbau des Sozialismus sollten nach den Vorgaben der Partei volksnah und realitätsgetreu "widergespiegelt" werden. Zum Ende der DDR hin wurde dieses enge Konzept jedoch mehr und mehr unterlaufen.
Erzählerische Innovationen und Impulse auf die internationale Romanliteratur gingen in den Fünfzigerjahren vom französischen Nouveau Roman aus. Autoren wie
experimentierten mit ungewöhnlichen Erzähltechniken. Der Noveau Roman propagierte eine neue, objektive Schreibweise. Mit der genauen Schilderung der sinnlich wahrnehmbaren äußeren Welt geht der Verzicht auf chronologische Erzählführung, individuelle Charakterisierung der Figuren und Subjektivität einher.
RAIMOND QUENEAU (1903-1976) begann zunächst mit surrealistischen Romanen. Auch schrieb er für das Blatt "La Révolution surréaliste" von ANDRÈ BRETON. In den Fünfzigerjahren verfeinerte er den surrealistischen Stil weiter und orientierte sich am Nouveau Roman. Seine Romane dieses Stils waren:
QUENEAU erhielt zahlreiche Literaturpreise, u.a.:
Die ganz ursprüngliche spielerische Freude am Fabulieren, am Erfinden und fantastischen Ausschmücken von Geschichten, am Verbinden von Moderne und Mythos, Geschichtlichkeit und Subjektivität hat der magische Realismus des lateinamerikanischen Romans wieder in die internationale Literatur gebracht. Dem großen Welterfolg des Kolumbianers GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZ "Hundert Jahre Einsamkeit" (1967) stehen die Romane von MARIO VARGAS LLOSA, CARLOS FUENTES, JORGE AMADO, JULIO CORTÁZAR, ALEJO CARPENTIER, MIGUEL ANGEL ASTURIAS und ISABELLE ALLENDE zur Seite.
Die Möglichkeiten des Romans sind unerschöpflich und offen in jede Richtung. Zwischen den epischen Genres und den literarischen Gattungen verwischen die Grenzen. Film und Fernsehen gestalten literarische Vorlagen und die Techniken des Films und der Massenmedien wirken auf die Literatur zurück. Texte existieren zudem als lebendige, unabgeschlossene, sich selbst generierende, aufeinander verweisende, hypertextuelle Gebilde in der virtuellen Welt des Internets. Neue Systematisierungsversuche und Begriffsbestimmungen kommen auf uns zu.
