







Bei der Satire handelt es sich um eine Spottdichtung, die menschliche Schwächen und gesellschaftliche Missstände ins Lächerliche zieht, sie somt kritisiert und letztlich auf deren Veränderung abzielt. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich:
satur: satt, fruchtbar, voll, satura: Fruchtschale für Götter.
Die Satire entlarvt auf heitere, freundlich-ironische bis boshaft-sarkastische Weise das Auseinanderklaffen von
Die Realität wird an einer gewissermaßen verbindlichen
idealen Norm gemessen und das Missverhältnis zwischen beiden
mit satirischen Mitteln dargestellt. Die Satire greift immer ein Objekt
der Realität an, seien es gesellschaftliche
Zustände oder menschliche Ansichten,
Verhaltensweisen. Der satirische Angriff geschieht indirekt durch Stilmittel
wie Übertreibung und Verzerrung
der kritikwürdigen Eigenschaften ins Lächerliche und Groteske,
ihrer Preisgabe an Hohn und Spott.
Die Satire ist nicht auf bestimmte Gattungen
und Genres festgelegt, sie kann in Gestalt sehr verschiedener Dichtformen
auftreten. In den größeren literarischen Formen, vor allem
im Roman, ist Satire oft ein stilistisches Gestaltungselement unter vielen.
Geschichte der Satire
In ihrer ursprünglichen Gestalt war die Satire eine römische
Versdichtung.
Als Begründer und Namensgeber
des Genres gilt ENNIUS (239-169 v. Chr.),
der unter dem Titel "Satura"
ein Langgedicht in epigrammatischer Form verfasste, das fragmentarisch
überliefert ist.
In der römischen Literatur erlebte die Satire ihren ersten Höhepunkt.
In fast alltagssprachlicher Form, später
in kunstvollen Versen, meist Hexametern, wurden Missstände benannt
und ein recht unheroisches Bild des römischen Alltags gezeichnet.
Zu jenen frühen Satirikern zählen HORAZ (Bild 1), dessen "Sermones"
das erste vollständig überlieferte Satirenbuch sind, weiter
LUCILIUS als Erfinder der aggressiven Satire, PERSIUS, JUVENAL und LUKIAN.
Für die Folgezeit am wirksamsten wurden die mit Versen vermischten
Prosasatiren des MENIPPOS (3. Jh. v. Chr.).
Im Mittelalter machten kritische Polemiken in Form von
die Satire zu ihrem Instrument. Satire oder ein satirischer Ton wurde nunmehr definitiv ein Merkmal verschiedener Genres. Es wurde Kritik artikuliert
Ein Beispiel sind die Sprüche WALTERS VON DER VOGELWEIDE über Papst und Kaiser und folgender Spruch über den Klerus:
"Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê,
dar kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man, 5
daz ich mich selben niht enkan
entstân und mich sô vil an frömede liute lâze.
ich schilte sîn niht, wan got genâde uns beiden:
ich nam dâ wazzer!
alsô nazzer 10
muost ich von des münches tische scheiden."
(Lachmann Karl (Hrsg.): Die Gedichte Walthers von der Vogelweide. Berlin: G. Reimer, 1827)
(Übersetzung:
„Man pries mir stets von Tegernsee, dass Gastfreundschaft in Ehren steh. Dort bog ich mehr als eine Meile von dem Wege. Ich bin ein wunderlicher Mann, weil ich auf mich nicht hören kann und deshalb zuviel Wert auf fremde Leute lege. Ich schmähe nicht, nur gnade Gott uns beiden! Man gab mir Wasser - und als ein Nasser musst ich dann von dem Tisch des Mönches scheiden.“
Im 16. Jahrhundert, also am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, erfreute sich satirische Dichtung besonderer Beliebtheit. Mit unverblümter Schärfe und Direktheit wurde Kritik in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen vorgetragen - in konfessionellen, ständischen und alltäglichen Auseinandersetzungen. Was bislang als nicht darstellungswürdig in der Literatur galt, wurde nunmehr Gegenstand und Mittel der indirekten Kritik durch Überzeichnung und komische Brechung:
Satire wurde ein Mittel polemischer geistiger
Auseinandersetzung.
Geschrieben wurde sowohl in lateinischer als auch deutscher Sprache. SEBASTIAN
BRANTs "Narrenschiff“
(1494, Bild 2) und MURNERS "Schelmenzunft"
und "Narrenbeschwörung" (1512) stellten sich in die Tradition
der mittelalterlichen Ständekritik (Narrensatire),
wobei ihre lehrhaft-moralische Satire allerdings auf Erscheinungen zielte,
die nicht auf eine bestimmte soziale Schicht begrenzt waren. Als närrisch
verurteilt werden Verhaltensweisen,
die mit den bewährten Normen christlichen und sozialen Zusammenlebens
nicht zu vereinbaren sind. So verwirft BRANT neugieriges Forschen in unbekannten
Wissensbereichen, moralische Verstöße im zwischenmenschlichen
Zusammenleben und das Streben nach sozialem Aufstieg. Als Narr gilt, wer alte Regeln umstoßen will,
er wird mit Hohn und Spott bedacht.
Die Gesellschaftssatire
jener Zeit nahm
ins Visier, dem die positive Norm aber eingeschrieben war. So bildet
das niederdeutsche Tierepos "Reinke
de Vos“ (1498) anhand der Tiergesellschaft das höfische
Leben ab. Nach und nach wird der Schleier von der äußerlichen
Gemessenheit, Würde und Wohlanständigkeit gezogen. Zutage treten
Eigennutz, Intrigen, Gewalttätigkeit, Lug und Trug. Von aggressiver
und sehr drastischer Komik sind die Entlarvungen von HERRMANN BOTES "Ulenspiegel"
(1510/11) und PHILIPP FRANKFURTERS "Pfarrer vom Kahlenberg"
(1473).
Satire der Reformation
Satirische Dichtung transportierte im 16. Jahrhundert zu einem guten Teil
das Gedankengut des Humanismus und der Reformation.
Im Gewand der Narrendichtung wurde ein Teil der theologischen Dispute
vor und während der Reformation
ausgetragen (etwa zwischen MARTIN LUTHER und THOMAS MURNER). Während
der Reformation waren
ein übliches publizistisches Mittel, das von der noch jungen Druckerkunst und dem entstehenden Buchmarkt profitierte. Im Wesentlichen ging es darum, die theologischen Ansichten, moralischen Überzeugungen, ja die Persönlichkeit des theologischen Gegners anzugreifen und mit Worten vernichtend zu schlagen. Zu den bekanntesten satirischen "Kampfschriften" der Reformationszeit zählen die
In den "Dunkelmännerbriefen" parodierten namhafte humanistische
Autoren, allen voran ULRICH VON HUTTEN, in vorsätzlich
stümperhaftem Latein die Gegner des von der Inquisition verfolgten
JOHANNES REUCHLIN. In den fingierten Briefen entlarvten sie deren Dünkel,
ihre fehlende wissenschaftliche und sprachliche Kompetenz und ihre menschlichen
Laster. "Ekkius dedolatus" griff den Theologie-Professor und
entschiedenen LUTHER-Gegner JOHANNES ECK in einer geradezu entfesselten
Gewaltphantasie an, von katholischer Seite zielte ein gewalttätiger
Teufelsexorzismus auf den "Großen Lutherischen Narren".
JOACHIM FISCHART schrieb nach dem Vorbild von RABELAIS' "Gargantua
et Pantagruel" seine "Affenteuerlich und Ungeheuerliche Geschichtsschrift"
("Geschichtsklitterung", 1575), in der er sich gegen Katholizismus
und mittelalterliche Scholastik wandte.
Das satirische Spiel fand in den Fastnachtsspielen von HANS SACHS seine
Ausprägung.
17. Jahrhundert
Im 17. Jahrhundert richtete
sich der Sarkasmus der Dichter gegen
etwa bei JOHANNES LAUREMBERG in "Veer Schertz Gedichte" (1652 in niederdeutsch) oder im satirischen Spiel von ANDREAS GRYPHIUS "Horribilicribrifax" (1663) und vor allem in der Form des Epigramms wie den "Sinngedichten" (1654) von FRIEDRICH VON LOGAU.
"FRIEDRICH VON LOGAU
Luthrisch, päpstisch und calvinisch, diese Glauben alle drei
Sind vorhanden; doch ist Zweifel, wo das Christentum dann sei.Stinkend Käs und Wahrheit
Liegt bei Höfen abseits.Was sich reimt, das schickt sich auch,
Spricht der frische Landes-Brauch.
Drum so schickt sich Lügen, Trügen
Auch so fein zu unserm Kriegen."
(Satirische Epigramme der Deutschen von Opitz bis auf die Gegenwart. Cislebeu: Verlag von G. Reichardt, 1863)
18. Jahrhundert
Im 18. Jahrhundert, dem
Jahrhundert der Aufklärung, standen satirische Verfahren weniger
im Dienste religiöser und ständischer Auseinandersetzungen,
sie dienten vielmehr der Erziehung des Menschen
im Sinne der bürgerlichen Moralvorstellungen. VOLTAIRE (d. i.
FRANÇOIS-MARIE AROUET), JONATHAN SWIFT und ALEXANDER POPE zählen zu den bedeutendsten europäischen Satirikern
der Aufklärung. Die Spottverse brachten dem herausragenden Philosphen
jener Zeit, VOLTAIRE, elf Monate Bastille-Haft ein. SWIFT wurde mit der
Satire "A Tale of a Tub" ("Ein Tonnenmärchen",
erschienen 1704) in England bekannt. Literaturgeschichte schrieb er allerdings
mit seiner Satire "Gulliver's Travels" ("Gullivers Reisen",
1726), die ein literarischer Welterfolg wurde. ALEXANDER POPE war einer
der profiliertesten Lyriker seiner Epoche. Sein Versepos "The Rape
of the Lock" (1712; 1714; "Der Lockenraub") war der Entwurf
eines satirischen Panoramas der Londoner Gesellschaft. Gemeinsam mit SWIFT
schrieb er Parodien auf zeitgenössische Schriftsteller. Seine Literatursatire
"The Dunciad" ("Die Dunciade") erregte 1728 großes
Aufsehen. Von ihm stammt der Ausspruch:
"In unserer Jugend schuften wir wie Sklaven, um etwas zu erreichen, wovon wir im Alter sorgenlos leben könnten; und wenn wir alt sind, sehen wir, dass es zu spät ist, so zu leben."
Die Satire zielte in der deutschen Aufklärung mit wenigen Ausnahmen (CHRISTIAN LUDWIG LISCOW, "Sammlung satyrischer Schriften", 1751-55) nicht auf verletzende persönliche Kritik und sollte auch nicht zu politischen Zwecken gebraucht werden, sondern der Aufklärung und der Korrektur kleiner Untugenden und Schwächen dienen.
Der erzieherischen Absicht gemäß erlebte das Genre
der Fabel in dieser Phase einen Aufschwung ähnlich wie zur
Reformationszeit; von CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT, FRIEDRICH VON
HAGEDORN und GOTTHOLD EPHRAIM LESSING (Bild
4) wurde es gepflegt. Eine ironische Spielart des satirischen Romans
verfasste CHRISTOPH MARTIN WIELAND mit "Die Abderiten" (1774/80). CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT schrieb neben Fabeln auch leicht satirische Gedichte (Audio 1).
Klassik und Romantik
In der klassisch-romantischen Literaturepoche wurden Streits um literarische
Verfahrensweisen gern in der Form der Literatursatire ausgetragen: So boten etwa GOETHE und SCHILLER ihren literarischen Gegnern
in den epigrammatischen "Xenien“ (1796) Paroli. Die Literatursatire in dramatischer Form findet sich in
GOETHES "Götter, Helden und Wieland" (1773) und LUDWIG
TIECKs "Der gestiefelte Kater" (1797). E. T. A. HOFFMANNs Roman
"Lebensansichten des Kater Murr" (1820-22) ist gleichermaßen
eine Literatursatire wie eine Parodie auf den deutschen Bildungsroman. Später verbanden CHRISTIAN DANIEL
GRABBE ("Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", 1827)
und HEINRICH HEINE ("Atta Troll", 1843, und "Deutschland.
Ein Wintermärchen", 1844) literarische und gesellschaftliche
Satire.
"Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase:
Der Zopf, der eh'mals hinten hing,
Der hängt jetzt unter der Nase."
(aus: HEINRICH HEINE Deutschland ein Wintermärchen, Caput III, In: Werke und Briefe in zehn Bänden. Herausgegeben von Hans Kaufmann, Berlin und Weimar: Aufbau, 1972. S. 440)
Satirischer Sozialkritik nähern sich JOHANN NEPOMUK NESTROY in der Zauberposse "Lumpazivagabundus" (1833) und
GEORG WEERTH in seinem Roman "Leben und Taten des berühmten
Ritters Schnapphanski" (1849). NESTROY verfasste eine Reihe von Parodien
und Lokalpossen.
Während in Deutschland nach der gescheiterten Revolution von 1848
in der Literatur der resignierte Ton des poetischen Realismus herrschte,
entstanden die ersten satirischen Zeitschriften ("Fliegende Blätter"
1844-1928 und "Kladderadatsch" 1848-1944). In ersterer veröffentlichte
WILHELM BUSCH seine witzig-bösen Bildergeschichten und war damit
eine nahezu singuläre Erscheinung.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
wurden satirische Verfahrensweisen wieder in der Literatur gebräuchlich,
und zwar vor allem auf der Bühne. 1893 erschien GERHART HAUPTMANNs
sozialkritische Komödie "Der Biberpelz".
Um die Jahrhundertwende entstanden die ersten Kabaretts
("Die elf Scharfrichter" 1901, "Simplicissimus" 1903
in München, weitere in Berlin und Zürich), in denen szenische
satirische Kleinformen aufgeführt wurden, oftmals in Verbindung
mit Musik. Meister dieser Formen und des Couplets
waren FRANK WEDEKIND UND WALTER MEHRING, ERICH KÄSTNER, KURT TUCHOLSKY
und KLABUND (Audio 2).
ARNO HOLZ, neben HAUPTMANN einer der wichtigsten Vertreter
des Naturalismus, schuf die Literatursatire "Die Blechschmiede"
(1902), CHRISTIAN MORGENSTERN schrieb 1905 seine "Galgenlieder".
1911 kam CARL STERNHEIMS bürgerliche
Satire "Die Hose" auf die Bühne. Nach dem Ersten Weltkrieg
verfasste KARL KRAUS nach den Erfahrungen
der Kriegsepoche sein bitter-satirisches, gewaltiges Gesellschaftsgemälde
"Die letzten Tage der Menschheit" (1918).
Die bedeutendsten gesellschaftskritischen satirischen Zeitromane zu Anfang
des 20. Jahrhunderts schuf
HEINRICH MANN, beginnend mit "Im Schlaraffenland" (1900). Scharfe
Kritik übte er an kleinbürgerlicher Doppelmoral und wilhelminischem
Untertanengeist in "Professor Unrat" (1905) und "Der Untertan"
(1918).
BERTOLT BRECHT (Bild 5), der gewissermaßen
bei WEDEKIND und MEHRING das Handwerk für seine Songs gelernt hatte,
schrieb im Exil eine Satire auf den Aufstieg ADOLF HITLERs ("Der
aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", 1941). Er verfremdete die Geschehnisse,
indem er sie in das Chicagoer Gangstermilieu verlegte.
Nach 1945
Nach dem Krieg, als in der Bundesrepublik
des Wirtschaftswunders rasch zur Tagesordnung übergegangen wurde,
schrieben MARTIN WALSER in "Ehen in Philippsburg" (1957), GÜNTER
GRASS mit der "Blechtrommel" (1959) und HEINRICH BÖLL in
"Ansichten eines Clowns" (1963) gegen das Verdrängen und
Vergessen an. Oscar Matzerath, der Protagonist und Ich-Erzähler aus
der „Blechtrommel“,
ist ein pikaresker Held und Narr in der Nachfolge von GRIMMELSHAUSENs
"Simplicissimus" (1669), dem folgenreichsten satirischen Roman
des Barock. Als Institutionen von großer Breitenwirksamkeit etablierten
sich in der Bundesrepublik das politische
Kabarett (z. B. WOLFGANG NEUSS mit der Fernsehinszenierung "Wir
Kellerkinder" und DIETER HILDEBRAND mit seiner Sendung "Scheibenwischer")
und das Satiremagazin "Titanic".
In der DDR durften satirische Stilmittel
nur in abgemilderter Form die Zensur
passieren, FRANZ FÜHMANNs Erzählung "Drei nackte Männer"
(1974) ist ebenso "entschärft" wie VOLKER BRAUNs "Hinze-Kunze-
Roman" (1985).
WOLF BIERMANN, der sarkastische Liedermacher in der Tradition von VILLON,
MEHRING, WEDEKIND und BRECHT, hatte Auftrittsverbot
und wurde 1976 mit weitreichenden Folgen für die Literatur und Kulturpolitik
aus der DDR ausgebürgert.
Eine simplicianische Satire auf die spießige DDR und deren Untergang
ist THOMAS BRUSSIGS Roman "Helden wie wir" (1998).