
Lebensgeschichte und literarisches
Schaffen
STEFAN HEYM, alias HELMUT FLIEG,
wurde am 10. April 1913 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Chemnitz
geboren. Schon früh erkannte er die Schwierigkeiten, die sich aus
einem bestimmten, der öffentlichen Meinung widersprechenden, politischen
Standpunkt ergeben. FLIEG spürte dies am eigenen Leibe, als er nach
einer antimilitärischen Gedichtveröffentlichung 1931 vom Gymnasium
verwiesen wurde. 1932 legte er sein Abitur in Berlin ab, schrieb erste
Beiträge für verschiedene Zeitungen und begann, Philosophie,
Germanistik und Zeitungswissenschaften
zu studieren. Die politischen Ereignisse spitzten sich 1933 durch die
Machtergreifung der Faschisten zu.
FLIEG floh noch im selben Jahr in die Tschechoslowakei, wo er als Journalist
arbeitete. Aus Rücksicht auf seine Familie nahm er das Pseudonym
"STEFAN HEYM" an.
1935 beging sein Vater Selbstmord, andere Familienmitglieder überlebten
den Vernichtungsfeldzug der Faschisten nicht und kamen in den Lagern ums
Leben.
1935 siedelte HEYM in die USA über und führte sein Studium
an der Universität in Chicago fort. 1936 beendete er sein Studium
mit einer Magisterarbeit.
Nach dem Studium übte er verschiedene
Berufe aus. Er arbeitete sich hoch. So war er Tellerwäscher,
Verkäufer, Kellner, Sprachlehrer, Handelsvertreter, Korrektor und
von 1937 bis 1939 Chefredakteur der antifaschistischen New Yorker Wochenzeitung
"Deutsches Volksecho".
Er diente in der amerikanischen Armee,
zuletzt als Offizier, nahm an der Invasion in der Normandie und am Frankreichfeldzug
teil. Aus Protest gegen den Koreakrieg gab HEYM sämtliche ihm von
der US-Regierung verliehenen Auszeichnungen zurück und kehrte 1952
nach Kriegsende in die DDR zurück.
Als freiberuflicher Mitarbeiter der "Berliner Zeitung" (1953 bis 1959) begleitete er den Aufbau des Sozialismus. Seine Romane spiegeln die damalige Zeit und seine persönliche (politische) Meinung wider. Während in seinen frühen Werken, zum Beispiel in dem Kriegsroman "The Crusaders. A Novell of only Yesterday" (1948), seine zunehmend kritische Einstellung gegenüber der US-Gesellschaft deutlich wird, sind seine Erzählungen zwischen 1945 und 1953 von immer größer werdender Parteiname für die "von der freien Wirtschaft Betrogenen".
1954 wurde HEYM Mitglied des Vorstands des Deutschen Schriftstellerverbandes. Trotz aller Erfolge war er politisch nicht angepasst und kritisierte die Missstände des sozialistischen Systems. In „Fünf Tage im Juni“ schildert er die Ereignisse um den 17. Juni, als die Arbeiter in Berlin gegen die gesellschaftlichen Zustände protestierten und russische Panzer den Aufstand gewaltsam niederschlugen. ERICH HONECKER kritisierte ihn für dieses Werk stark. Erst 1974 wurde "Fünf Tage im Juni" (geschrieben 1959) in der Bundesrepublik veröffentlicht. Neben STEPHAN HERMLIN, MANFRED KRUG und CHRISTA WOLF zählte HEYM 1976 zu den Mitunterzeichnern der Protesterklärung des Bürgerrechtlers WOLF BIERMANN. 1979 wurde er, da er für die SED-Regierung immer unbequemer wurde, aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Der Roman „Collin“ (1979) wurde in der DDR zensiert und abgelehnt und erschien nur in der Bundesrepublik. Er stellt eine Abrechnung mit der stalinistischen DDR-Vergangenheit dar. Daraufhin erfolgte eine Verurteilung wegen Devisenvergehens. HEYM war in der DDR nur noch geduldet und verschaffte sich zunehmend Gehör in den westlichen Medien. In den Achtzigerjahren engagierte er sich für die Friedensbewegung. Am 4. November 1989, bei der legendären Kundgebung auf dem Alexanderplatz, hielt er eine Rede über einen neuen besseren Sozialismus in der DDR. Angewidert von dem kurz nach der Maueröffnung einsetzenden Kaufrausch, der - wie er selbst sagt - "würdelosen Jagd nach dem glitzernden Tinnef", gehörte er zu den Initiatoren des Aufrufs „Für unser Land“ und befürwortete damit eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik.
STEFAN HEYMs Schaffen umfasst auch solche Werke wie die Märchen "Cymbelinchen oder der Ernst des Lebens" (1975) oder "Erich Hückniesel und das fortgesetzte Rotkäppchen" (1977). Diese erfreuten sein Lesepublikum genauso wie seine gesellschaftskritischen Werke.
1990 und 1991 wurde HEYM die Ehrendoktorwürde
der Universitäten Bern und Cambridge verliehen. In seinen Werken
von 1990 bis 1992 "Auf Sand gebaut",
"Filz. Gedanken über das neueste
Deutschland" widmete er sich dem Thema der Wiedervereinigung.
1992 gründete HEYM mit anderen wichtigen Persönlichkeiten dieser
Zeit das "Komitee für Gerechtigkeit".
Für die Bundestagswahl 1994 wurde HEYM von der PDS
(Partei des demokratischen Sozialismus) als Kandidat aufgestellt und erhielt
von den Wählern so großes Vertrauen, dass er mit einem Direktmandat
gegen den SPD-Vorsitzenden WOLFGANG THIERSE in den deutschen Bundestag
einzog. Als Alterspräsident
hielt HEYM die Eröffnungsrede im deutschen Bundestag, der außer
RITA SÜSSMUTH die konservativen
Abgeordneten der SPD- und CDU/CSU-Fraktion den Applaus versagten. Zwar
währte seine Bundestagsarbeit nur kurz, aufgehört zu arbeiten
während dieser Zeit hatte er nicht. Davon zeugt sein 1995 erschienener
Roman "Radek". Im September
1995 legte HEYM sein Bundestagsmandat aus Protest gegen die Diätenerhöhung
nieder.
1998 erschien sein Roman „Pargfrider“
- die autobiografische Schilderung einer komplizierten Männerfreundschaft.
Am 16. Dezember 2001 starb STEFAN HEYM im Alter von 88 Jahren während
eines Aufenthaltes in Jerusalem.
Für sein literarisches Werk erhielt er verschiedene Preise, u. a.:
Der politische Mensch STEFAN HEYM
HEYM war ein zutiefst politischer
Mensch. Bei einer Lesung aus seinem Roman "Pargfrider" in
Hannover zeigte er sich bestürzt. Dieser, einer seiner letzten öffentlichen
Auftritte, wurde von den NATO-Angriffen
auf Serbien überschattet. "Ich hatte gehofft,
dass ich nie wieder einen Krieg erleben muss", sagte er.
Während seines Aufenthalts in den USA erschien am 8. September
1948 sein erster Roman: „The
Crusaders. A Novell of only Yesterday“ in NewYork und 1950 in
deutscher Sprache. Das ist sein nachhaltigstes literarisches Werk in dieser
Lebensphase. Kritiker sprachen sogar von einem Weltbestseller.
Dieser Roman eroberte vor einem halben Jahrhundert die Herzen von Millionen
Menschen, ihm verdankt STEFAN HEYM weltweiten Ruhm. Doch in dieser Zeit,
als die Amtszeit FRANKLIN ROOSEVELTs endete und HARRY TRUMAN sowie Senator
MCCARTHY das politische Sagen hatten, war er wieder ein politisch Verfolgter
und beim FBI als Kommunist gemeldet.
Die politischen Gegensätze zwischen ihm und den führenden Politikern
in den USA waren unvereinbar und so übersiedelte HEYM in die DDR,
denn "obwohl ich kein organisierter Kommunist
war und auch keiner Partei angehöre, lagen meine politischen Sympathien
eher dort als in Westdeutschland."
Natürlich war es nicht zu vermeiden, dass HEYM auch hier politisch
aneckte. Spätestens als er Werke wie "Brief
an Oberst Sokolow" und "Beobachtungen
zum Pressewesen in der DDR" geschrieben hatte, die die Ereignisse
um den 17. Juni schilderten, geriet er immer stärker in Konflikt
mit der SED-Führung.
Natürlich konnte, wer solche Ideologie unter WALTER ULBRICHT vertrat,
nicht erwarten, dass sein Roman "Fünf
Tage im Juni" erscheinen durfte.
Später wurde die Gesellschaftskritik des Schriftstellers HEYM noch
grundsätzlicher. Immer öfter wandte er sich in seinen Romanen
revolutionären Traditionen der deutschen Geschichte zu. "Der
König David Bericht" (1972), "Ahasver"
(1981) und "Immer sind die Weiber weg
und andere Weisheiten" (1997, Bild 1 und 2) waren in aller
Munde und zeigten, dass die jüdische Tradition in STEFAN HEYMs Romanschaffen
einen festen Platz hatte.
Politisch nicht angepasst in der DDR, so war HEYM natürlich in den
Westmedien ein gern gesehener Autor. Seitenlang wurde er im "Spiegel"
veröffentlicht, GÜNTER GRASS
gab mit ihm zusammen Interviews.
Doch einäugig blind war er trotz seiner Erfolge und der Huldigung
im Westen nicht, im Gegenteil. In den Novembertagen 1989 blühte er
noch einmal richtig auf und sprach in einer Rede auf dem Alexanderplatz
für eine Deutsche Demokratische Republik, aber eine bessere als die
real existierende, eine sozialistische Republik in Freiheit.
In "Filz. Gedanken über das neueste
Deutschland" (1992) analysierte er kritisch die Verhältnisse
kurz nach der Wiedervereinigung.
HEYMs Werke sind spannend geschrieben und meist durch eine Handlung gekennzeichnet,
in deren Verlauf die Hauptperson des Romans bestimmte Einsichten erlangt.
Der Leser wird dazu aufgefordert, diese Entwicklung nachzuvollziehen.
Werke
Zu den Werken von STEFAN HEYM gehören
u. a.: