
Im Gegensatz zum Lateinischen, Französischen und Skandinavischen hat das gesprochene Griechisch die englische Sprache nicht unmittelbar beinflusst. Dennoch formte das Griechische den englischen Wortschatz in den verschiedenen Phasen seiner Entwicklung:
450 -1150 Altenglisch
(Old English)
In der altenglischen Periode beeinflusste das Griechische indirekt über
das Kirchenlatein den englischen
Wortschatz. Bei vielen Wörtern, die aus der lateinischen Sprache
abgeleitet scheinen, ist die griechische Herkunft
unverkennbar. Folgender Weg hat sich bei der Entlehnung vollzogen:
gr. ángelos > lat. angelus
> engl. angel - Gottesbote, Engel
gr. epistolé > lat. epistula
> engl. epistle - Brief
gr. hýmnos > lat. hymnus
> engl. hymn - Loblied, Hymne
gr. psalmós > lat. psalmus
> engl. psalm - Psalm
Die Entlehnung griechischer Wörter im Lateinischen und von dort in andere Sprachen ist oft auf die Übersetzung der Bibel zurückzuführen. Das Alte Testament auf Griechisch erhielt die lateinische Bezeichnung Septuaginta (septuaginta = siebzig), da diese Übersetzung der hebräischen Vorlage in siebzig Tagen von siebzig Übersetzern geschaffen worden sein soll. Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. wurden Teile des Neuen Testaments, das ebenfalls zuerst in Griechisch vorlag, ins Lateinische übersetzt. Die erste vollständige Übertragung ins Lateinische wurde von HIERONYMUS Ende des 4. Jahrhunderts angefertigt. Seine lateinische Gesamtübersetzung trägt den Namen Vulgata (lat. vulgatus = verbreitet, bekannt). Sie gilt seit dem 16. Jahrhundert als verbindlicher Bibeltext innerhalb der katholischen Kirche.
Zahlreiche griechische Begriffe gelangten auch durch die Übersetzungen anderer Werke ins Lateinische. Das Englische kam daher bei der Begegnung mit der lateinischen Sprache mit bereits assimilierten (= angeglichenen) griechischen Wörtern in Berührung.
1150 -1450
Mittelenglisch (Middle English)
Die meisten griechischen Wörter wirkten auch in dieser Periode indirekt
- durch das Lateinische oder Französische - auf den englischen
Wortschatz ein.
Neben kirchlichen Lehnwörtern wurden im 14. und 15. Jahrhundert auch
weltliche Begriffe übernommen.
Zu ihnen gehören Wörter wie comedy, dialogue,
diphthong, echo, thesis, deren griechische Formen komoidía,
diálogos, echó, thésis lauten. Der sprachwissenschaftliche
Begriff diphthong hat folgenden etymologischen
Ursprung: Er setzt sich aus der Silbe di- für
die Zahlwort "zwei" und dem Verb
phthengomai zusammen, das "ertönen,
Laut von sich geben" bedeutet. Ein Diphthong ist also ein
"aus zwei Tönen bestehender Laut", ein Doppellaut.
Ein Monophthong ist demnach ein einfacher Vokal. Analog lässt sich
der Begriff Triphthong bilden, also eine Kette von drei Vokalen.
An dieser kleinen Auswahl von Beispielen wird einerseits deutlich, dass Entlehnung auf ganz verschiedenen Gebieten stattgefunden und zu Begriffen geführt hat, die heute aus dem Englischen kaum wegzudenken sind. Andererseits sind Wörter griechischen und lateinischen Ursprungs auch fester Bestandteil anderer Sprachen, so dass ein einmal erschlossenes Lehnwort trotz leicht veränderter Erscheinung auch in einer anderen Sprache schnell zu erkennen und zu verstehen ist. Hieran zeigt sich, dass die griechische Sprache - ebenso wie das Lateinische - in ganz Europa wirksam war.
1450 - 1700
Frühneuenglisch (Early Modern English)
In der Renaissance nahm das
Interesse an Forschung und Erkenntnisvermehrung stark zu, die Entfaltung
der Wissenschaften setzte ein. Daher
etablierten sich Wörter, die wissenschaftliches Vorgehen bezeichnen,
wie diagram, experiment, idea, method, problem, solution,
system, theory. Das Kirchenlatein
verlor hingegen an Bedeutung.
Neue Wissensgebiete wurden erschlossen. Um neue Phänomene und Erkenntnisse
beschreiben oder definieren zu können, waren neue Bezeichnungen erforderlich.
Vor allem auf den Fundus der klassischen Sprachen wurde zurückgegriffen,
um die Lücken im heimischen Wortschatz zu füllen, was mit der
Vorbildfunktion zusammenhängt, die sowohl das Griechische als auch
das Lateinische in der Renaissance hatten.
Als Beispiel sei das Gebiet der Medizin
angeführt, in deren Terminologie sich überwiegend Gräzismen
etabliert haben. Das liegt an der im Griechischen meist sehr durchsichtigen
Wortbildung, in der die Affixe (also
die Gruppe der Prä- und Suffixe)
eine bestimmte Bedeutung tragen.
Typische Suffixe zur Bezeichnung von Krankheiten sind -itis
und -osis, wie sich an folgenden Beispielen
belegen lässt:
Arthritis und bronchitis
weisen auf die Entzündung der entsprechenden Körperteile hin
(árthron - Gelenk).
Symbiosis, psychosis und tuberculosis
sind bestimmte Zustände, in denen sich der Organismus befinden kann.
Als metamorphosis wird ein Wandlungsprozess
bezeichnet.
Die neu kreierten Bezeichnungen erschwerten für Laien ohne Griechischkenntnisse den wissenschaftlichen Zugang zur Medizin. Im Mittelenglisch war für alle bekannten Krankheitsphänomene, für die Körperfunktionen wie auch die Anatomie eine englische Terminologie vorhanden. Die bisher verwendeten Bezeichnungen wurden in der Renaissance durch gelehrte Fremdwörter ersetzt, gingen der Sprache aber nicht verloren: Sie erlitten meist eine Abwertung und gehörten fortan zum derben Wortschatz. So waren bis zum 16. Jh. Wörter, die typischerweise aus vier Buchstaben bestehen und heute als four-letter bzw. swear words bezeichnet werden, Teil des medizinischen Wortschatzes.
Auch in der Periode des Early Modern English gelangten viele griechische Wörter durch das Lateinische in den englischen Wortschatz: anachronism, atmosphere, chaos, chronology, climax, crisis, critic, dogma, enthusiasm, pneumonia (= Lungenentzündung), scheme, skeleton, system, tactics.
Durch die Erneuerung der griechischen Studien gab
es während der Renaissance zum
ersten Mal in der englischen Sprachgeschichte auch direkte
Entlehnungen aus dem Griechischen. Nachweislich sind auf diese Weise
folgende Wörter in die englische Sprache gelangt: anonymous,
catastrophe, criterion, idiosyncrasy (= Überempfindlichkeit
gegen bestimmte Stoffe und Reize), lexicon, polemic,
thermometer.
Neben der auffälligen Zunahme an Gräzismen und Latinismen etablierten
sich mit algebra und chemistry auch Begriffsentlehnungen aus dem Arabischen, da das ansteigende wissenschaftliche
Interesse in der europäischen Renaissance auch zur Auseinandersetzung
mit anderen Kulturen und deren Wissenschaftsgeschichte führte.
In manchen Fällen mag auch die Bequemlichkeit der Gelehrten, nach einem geeigneten englischen Äquivalent zu suchen oder eine englische Umschreibung vorzuziehen, die enorme lexikalische Expansion (= Expansion des Wortschatzes) in der frühneuenglischen Periode begründen.
Die Einbürgerung neuer Wörter war jedoch
nicht unumstritten. In der Zeit zwischen 1500 und 1650 wurden hitzige
Diskussionen um das Für und Wider von Entlehnungen aus anderen Sprachen
geführt. Die bereits im Artikel "Der lateinische
Einfluss" dargestellte inkhorn
debate oder auch inkhorn
controversy erreichte Mitte des 16. Jahrhunderts ihren Höhepunkt.
Griechische wie lateinische Lehnwörter galten in der Diskussion um
die Gestalt der englischen Schriftsprache als hard
words (schwer verständliche Wörter).
In der Kontroverse stritten verschiedene Lager: Einerseits das der sprachlichen Puristen (lat. purus = rein), die die Schwächung der englischen Sprache befürchteten
und daher jeglichen Fremdeinfluss ablehnten. Ihre Absicht war es, die
Verständlichkeit des Englischen fördern und die zu beobachtende
falsche Verwendung von fremdsprachigen Begriffen zu verhindern.
Andererseits gab es starke Befürworter der sprachlichen Bereicherung, die eine Aufwertung des Englischen insbesondere
durch die klassischen Sprachen anstrebten. Sie hielten Fremdwörter
und Entlehnungen für notwendig, um in einer klassisch-zivilisierten
Sprache niveauvolle Literatur verfassen zu können.
Für einen Mittelweg traten die Verfechter der gemäßigten
Bereicherung ein. Sie plädierten für eine Verbindung des englischen
Wortschatzes mit Neologismen (= Neubildungen), um so die Verständlichkeit
der Sprache zu gewährleisten.
Umstritten waren hierbei auch die beiden griechisch-stämmigen Begriffe democracy und encyclopedia, die heute selbstverständlich und unverzichtbar scheinen.
Von allen englischen Autoren der Renaissance bewies einer mehr Kreativität und Instinkt für Wortschöpfungen von langer Lebensdauer als alle anderen: WILLIAM SHAKESPEARE. Seine Dramen umfassen nicht nur einen erstaunlich großen Wortschatz im Vergleich zu anderen bedeutenden englischen Autoren und zum Umfang des Bibelwortschatzes. Sie weisen auch Neologismen auf, die noch heute weit verbreitet sind. Zu diesen gehören Wörter wie to educate, fashionable, pious, restoration und Wendungen wie to cheer someone up, a foregone conclusion, foul play und nicht zuletzt - als Spiegel der Zeit und ihrer Probleme - die Phrase it's Greek to me als eine Umschreibung für eine unverständliche Ausdrucksweise.
Der griechische
Einfluss seit dem 19. Jahrhundert
Die meisten griechischen Entlehnungen
oder Wortbildungsmuster im Englischen
stammen aus der Zeit nach 1800. Bereits seit dem 18. Jahrhundert war das
Griechische eine wichtige Quelle für die Terminologie der modernen
Wissenschaft. Insbesondere griechische
Morpheme (Morphem = kleinste bedeutungstragende Einheit in der Sprache)
wurden gern als Präfix verwendet,
um neue Begriffe zu bilden. Zu den häufigsten gehören die folgenden:
Auch das Gegensatzpaar philie - phobie ist griechischen Ursprungs (philía = Freundschaft, phóbos = Furcht, Flucht) und findet sich in verschiedenen wissenschaftlichen Zusammenhängen: