
Großbritannien hat noch immer eine gespaltene Gesellschaft. Obwohl die Unterscheidungsmerkmale zwischen middle class und working class in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Gewicht verloren, wirken sie im Alltagsleben fort. Ein Drittel der Briten fühlt sich nach Selbsteinschätzung und trotz sozialen Aufstiegs der middle class zugehörig; zwei Drittel rechnen sich zur working class. Nur ein sehr kleiner Teil der Briten rechnet sich selbst zur Oberschicht.
Familiensituation
Ein stetig sinkender Teil der Briten lebt in der traditionellen Kleinfamilie.
18 % der Kinder werden von Alleinerziehenden betreut, etwa jedes dritte
Kind wird ohne verheiratete Eltern geboren, drei Viertel aller Paare leben
in nichtehelichen Gemeinschaften. Die hohe Scheidungsrate
in Großbritannien hat die Regierung BLAIR dazu veranlasst, 1998
in einem Grundsatzpapier zu Familienfragen die zentrale Bedeutung der
Ehe für Elternschaft und Kindererziehung zu betonen. Eheleute sollen
sich, so der Vorschlag der Regierung, vor einer standesamtlichen Hochzeit
15 Tage lang besinnen, Eheverträge für mögliche Konflikte
eingehen und Partnerschafts- und Erziehungsberatungen wahrnehmen.
Religion
Die heutige britische Gesellschaft ist nicht mehr von religiösen
Ansichten und Symbolen geprägt. 1995 wurden das Gesetz zur Einhaltung
des Sonntagsgebots von 1781 und das Ladenschlussgesetz von 1950 aufgehoben.
Statt Sonntagsruhe und Kirchgang ist der Sonntag nun auch dem Einkaufen
gewidmet. Alleine die Supermarktkette Sainsbury's zählt mit ihren sonntäglich 1,5 Mio. Kunden mehr Besucher als
die Anglikanische Kirche (1,1 Mio.). Meinungsumfragen belegen jedoch,
dass im Privatleben der Briten religiöse Überzeugungen fortleben.
Mitte der neunziger Jahre bekannten sich sieben von zehn Briten zum Glauben
an Gott; über die Hälfte der Befragten glaubte an ein Leben
nach dem Tod.
Einwanderer
Zwischen 1880 und 1900 sowie zwischen 1900 und dem Ersten Weltkrieg und
später in der Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit beeinflusste
eine starke Auswanderung die Bevölkerungsentwicklung in Großbritannien. Bevorzugte Auswanderungsziele waren Australien,
Kanada, Neuseeland, die USA, Südafrika und Rhodesien (heute Simbabwe).
Nach dem Zweiten Weltkrieg überwog die Einwanderung. Eine starke Zuwanderung erfolgte nach 1950 aus der Republik Irland und
aus den Commonwealth-Ländern, insbesondere Pakistan, Indien, Bangladesh
und den Westindischen Inseln.
Die mit Abstand größten Minderheiten bilden Inder, Pakistani und Black Carribeans. Die meisten Einwanderer leben in großen urbanen Ballungsräumen, insbesondere in London. Die Einwanderer kamen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch aufgrund von Konflikten und Problemen in ihren unabhängig gewordenen Ursprungsländern. Als Arbeitskräfte für weniger beliebte und manuelle Arbeiten waren sie zur Zeit des Aufschwungs der britischen Wirtschaft in den 1960er-Jahren sehr willkommen.
Allerdings wurden in den letzten Jahrzehnten die Einwanderungsbestimmungen und die Asylgesetzgebung verschärft. Das neue Staatsbürgerrecht, der British Nationality Act von 1983, hob das 1948 allen Commonwealth-Bürgern gewährte uneingeschränkte Niederlassungsrecht in Großbritannien auf, indem es die Staatsangehörigkeit in drei Gruppen unterteilte:
Die vergleichsweise schlechte Ausgangsposition der farbigen Einwanderer in der britischen Gesellschaft lässt sich an einer höheren Arbeitslosigkeit, der im Durchschnitt geringeren Schulbildung und der meist schlechteren Wohnsituation ablesen.