Kulturelle Globalisierung
Kulturelle Globalisierung
ist kein eindeutig definierter Begriff; vielmehr werden darunter die verschiedensten
kulturellen Entwicklungen im Zeitalter der Globalisierung zusammengefasst.
Befürworter der kulturellen Globalisierung sprechen von einem zunehmenden Austausch der verschiedensten Kulturen (Bild 1), der zu einer Vermischung der unterschiedlichen kulturellen Stile, Formen und Traditionen führt (Kreolisierung der Kulturen). Je nach ihrem gesellschaftlichen Hintergrund machen sich die Menschen die fremden kulturellen Einflüsse auf unterschiedlichste Art und Weise zu Eigen, integrieren sie in ihr eigenes Weltbild und tragen so zur Entstehung neuer Kulturformen bei.
Grundlagen
und Ursachen kultureller Globalisierung
Die Grundlagen
der kulturellen Globalisierung wurden Ende des 18. Jh. gelegt.
Mit der Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise erlebte der grenzüberschreitende,
kulturelle Austausch einen gewaltigen Aufschwung.
Um auf der ganzen Welt Gewinne zu erwirtschaften, verließen die Menschen
ihre Länder. Doch es blieb nicht nur bei den grenzüberschreitenden
ökonomischen Verbindungen. Auch Schriftsteller begannen verstärkt,
andere Länder zu bereisen, traten in einen Austausch mit Schriftstellern
anderer Nationen und verarbeiteten ihre Erfahrungen in der Literatur. So
spricht J. W. GOETHE Anfang des 19. Jh. von einer Epoche
der Weltliteratur. Die Entwicklung des Buchdrucks unterstützte
die kosmopolitischen Bestrebungen der Literaten.
Mit der Erfindung des Phonographen, eines Tonaufnahmegeräts, durch
THOMAS EDISON im Jahre 1877 weiteten sich diese Bestrebungen auch auf die Musik aus (Bild 2).
Wenig später folgten auch grenzüberschreitende Austauschprozesse
in der bildenden Kunst. So gingen Künstler
wie PAUL KLEE und AUGUST MACKE auf Malreisen. Durch die Möglichkeit
der technischen Vervielfältigung der Kunst mithilfe von Fotografien
und Filmen wurde der kulturelle Austausch mit anderen Ländern erleichtert.
Die Entstehung von Weltliteratur, Weltmusik
und Weltkunst im 19. und 20. Jh. kann als Vorläufer der
heutigen kulturellen Globalisierung betrachtet werden, die sich nicht nur
auf die Künste beschränkt, sondern auch Alltagskultur und Wertvorstellungen
umfasst.
Die sich in der Gegenwart ausprägende kulturelle Globalisierung geht auf drei zentrale gesellschaftliche Veränderungen zurück, die in unterschiedlichem Maße weltweit auftreten:
Entwicklung von Massenmedien
Die Entwicklung von Massenmedien wie Fernsehen, Radio und Internet
ist die Basis für die weltweite Vernetzung von Kulturen und Künsten.
Befürworter
und Gegner der kulturellen Globalisierung
Zur kulturellen Globalisierung gibt es unterschiedliche, z. T. konträre
Auffassungen.
Pro |
Kontra |
| Befürworter der kulturellen Globalisierung sprechen von einem zunehmenden Austausch der verschiedensten Kulturen, der zu einer Vermischung der unterschiedlichen kulturellen Stile, Formen und Traditionen führt und zur Entstehung neuer Kulturformen beiträgt. | Kritiker der kulturellen Globalisierung warnen vor einer drohenden Einheitskultur, da die Menschen weltweit die gleichen Produkte (CocaCola, Mc Donald's, Harry Potter, MTV o. Ä., Bild 3) konsumieren. |
| Befürworter der kulturellen Globalisierung vertreten die Ansicht, dass sich keine Kultur der Welt vollkommen gegen Fremdeinflüsse abschotten kann. | Gegner meinen, dass sich viele Menschen
aus der Angst heraus, die eigenen kulturellen Besonderheiten gegen
eine Einheitskultur eintauschen zu müssen, auf ihre lokalen kulturellen
Traditionen besinnen. Diese Rückbesinnung kann allerdings in
dem Bestreben gipfeln, sich von sämtlichen Fremdeinflüssen
abzuschotten. Der amerikanische Politikwissenschaftler SAMUEL P. HUNTINGTON behauptet, dass es auf diese Weise zu Konflikten zwischen den einzelnen Kulturen kommen könne, die sich zunehmend feindlich gegenüberstehen. |
Globale Kultur
Die kulturelle Globalisierung trägt zur Entstehung einer globalen
Kultur bei.
Eine globale Kultur ist
nicht etwa eine weltweite Einheitskultur, sondern besteht aus einer Vielzahl
unterschiedlichster Kulturen, die sich durch die zunehmende Vernetzung
der Welt (durch die Massenmedien o. Ä.) austauschen und vermischen
können. Dabei entstehen vollkommen neue Kulturformen in bislang ungewohnten
Kombinationen.
Als mögliche Resultate einer zunehmend vernetzten Welt werden zwei
gegensätzliche Entwicklungen angenommen.
Bewertung der angenommenen Entwicklungen
Die Weltbevölkerung lebt unter verschiedenartigen gesellschaftlichen
Bedingungen, weshalb sich Kultur in unterschiedlichen gesellschaftlichen
Kontexten auf sehr unterschiedliche Art und Weise entfaltet. Die These,
dass sich Menschen, die an verschiedenen Orten der Welt die gleichen Waren
konsumieren und Ideen wahrnehmen, immer ähnlicher werden, ist bereits
aus dieser Sicht nicht richtig.
Zugleich ist davon auszugehen, dass sich keine Kultur der Welt vollkommen
gegen Fremdeinflüsse abschotten kann. Da es keine Kultur in Reinform
gibt, sind selbst die bereits bestehenden Kulturen, die sich durch die
Dominanz anderer Lebensformen bedroht fühlen, von verschiedenen kulturellen
Einflüssen geprägt worden. Kulturen sind kein statisches Gebilde,
sondern wandeln sich ständig.
Kreolisierung
Es ist anzunehmen, dass sich kulturelle Globalisierung nicht durch eine
wachsende Konformität, sondern durch eine größere kulturelle
Vielfalt auszeichnet. Man spricht in diesem Sinn auch von Kreolisierung
der Kulturen. Sie ist ein Hauptmerkmal
kultureller Globalisierung.
Mit dem Begriff der Kreolisierung wurden ursprünglich die im karibischen
und westafrikanischen Raum neu entstandenen Sprachen, die eine Mischung
aus der jeweiligen Kolonialsprache und den verschiedenen afrikanischen
Sprachen darstellten, bezeichnet.
In Bezug auf die Kultur spielt der Begriff auf die Vermischung verschiedener
Kulturformen und Traditionen an. Die Dynamik der Kreolisierung ist demnach
immer dann festzustellen, wenn Menschen sich fremde kulturelle Einflüsse
zu Eigen machen und diese auf ihre eigene Weise in ihr Weltbild integrieren.
So entstehen neue Kulturformen, die
nicht in das herkömmliche kulturelle und gesellschaftliche Raster
passen. Als ein Beispiel kann die Kultur der Migranten in den einzelnen
Einwanderungsländern genannt werden. Viele in Deutschland lebende
Türken haben die Kultur ihres Heimatlandes mit der ihrer deutschen
Wahlheimat verbunden und konnten so ihre eigene Kultur entwickeln.
Es zeigt sich also, dass die bestehenden Kulturen nicht an Vielfalt einbüßen
müssen, sondern dass im Zuge der kulturellen Globalisierung eine
Vielzahl neuer Kulturformen in bislang ungewohnten Kombinationen entsteht.
Die Entstehung einer globalen Kultur darf also keinesfalls mit einer weltweiten
Einheitskultur verwechselt werden. Wir werden nicht alle gleich, sondern
beziehen uns lediglich auf die gleichen Strukturen und Standards, um uns
über unsere Kultur austauschen zu können (Kulturalisierung).
Eines ist bei den sich vollziehenden Entwicklungen sehr zu beachten: Wer bei der Entstehung einer "Globalkultur" auf eine Gleichberechtigung aller Kulturen hofft, muss enttäuscht werden. Durch die kulturelle Globalisierung entsteht nicht automatisch eine faire Welt. Aus diesem Grunde ist es die Aufgabe der Kultur- und Gesellschaftspolitik, die im Rahmen der kulturellen Globalisierung entstandenen neuen Kulturen zu fördern und somit zu einer Gleichstellung der Kulturen beizutragen.