
Der gescheiterte Plan einer englischen
Sprachakademie
Das Bestreben, die Landessprachen gegenüber
dem Lateinischen zu emanzipieren, lässt sich in der Frühen
Neuzeit in ganz Europa beobachten. Schon 1582 wurde in Italien
die Accademia della Crusca gegründet,
die sich mit der Kultivierung und Standardisierung des Italienischen befasste
und mit dem Vocabolario degli Accademici della Crusca
(1612) ein erstes italienisches Sprachlexikon erstellte. In Frankreich
eröffnete Kardinal RICHELIEU
im Jahre 1635 die Académie Française,
die 1694 mit dem Dictionnaire de l'Académie
Française ein Lexikon der französischen Sprache veröffentlichte.
Neidvoll blickte man in England auf die sprachlichen Errungenschaften des Kontinents: So setzten im 17. Jahrhundert Bemühungen um eine englische Sprachakademie ein. Viele namhafte Schriftsteller äußerten sich zu der Notwendigkeit einer solchen Institution, um die Einheitlichkeit der englischen Sprache zu gewährleisten und ihren korrekten Gebrauch festzulegen. Mit JONATHAN SWIFT und seiner Proposal for Correcting, Improving and Ascertaining the English Tongue (1712) erreichten die Akademiebestrebungen ihren Höhepunkt.
Aus verschiedenen Gründen scheiterte jedoch der Aufbau einer englischen Sprachakademie: Gegen SWIFTS Forderungen wurde Kritik laut, die eher auf persönlich-politische als auf inhaltliche Motive zurückzuführen ist, aber ihre Wirkung nicht verfehlte. Ein genereller Vorbehalt lautete, dass eine Sprache nicht endgültig fixiert werden könne. Außerdem widerstrebte den Kritikern der Gedanke, sich die Regeln des Sprachgebrauchs von einer Institution vorschreiben zu lassen. So wurde darauf verwiesen, dass sich die englische Sprache auch ohne eine Akademie regulieren werde. Zudem verstarb im Jahre 1714 mit Königin ANNE die wichtigste Förderin des Akademie-Vorhabens. In der landesweiten Trauer über ihr Ableben geriet das Projekt in den Hintergrund.
Nach dem Scheitern der Akademie fehlten auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts Normwerke, die über die korrekte Schreibung und Grammatik der englischen Sprache Auskunft geben konnten. JOHNSON reagierte auf diesen Bedarf, indem er sich die Fixierung und Erklärung der englischen Sprache zur Aufgabe machte. Zu Beginn seiner neunjährigen Tätigkeit beabsichtigte JOHNSON, den Wortbestand kritisch zu überprüfen und "barbarische" Wörter zu entfernen. Im Laufe seiner Arbeit änderte er seine Absicht dahingehend, dass er die gegenwärtige Sprache weniger aktiv formen als vielmehr aufzeichnen wollte.
JOHNSONS Dictionary
JOHNSONS Lexikon umfasst
die größte bis dato zusammengestellte Sammlung englischer Wörter
und bot eine standardmäßige Schreibweise an. Allerdings setzte
es sich nicht in allen Fällen durch: So haben sich die Schreibweisen logic statt logick sowie error statt errour etabliert. JOHNSON erläuterte die Verwendung der jeweiligen Einträge
anhand zahlreicher Zitate aus der englischen Literatur. Die Zitate sind
der Chronologie nach angeordnet, wobei mehr als ein Drittel von WILLIAM
SHAKESPEARE, JOHN MILTON und JOHN DRYDEN stammt.
An zwei Begriffen aus der Architektur soll die Anlage des Dictionary verdeutlicht werden:
CASTLE: A strong house, fortified against assaults.
| The castle of Macduff I will
surprise. (Shakespeare, Macbeth) To forfeit all your goods, lands, tenements And castles (Shakespeare, Henry VIII) |
EDIFICE: A fabrick; a building; a structure.
My love was like a fair house built on another man's ground; so
that I have lost my edifice by The Maker's high magnificence, who built The edifice, where all were met to see
him, "As Tuscan pillars owe their original to this country, the
architects always give them a place in "He must be a idiot that cannot discern more strokes of workmanship
in the structure of an animal |
In der Bevorzugung klassischer englischer Autoren offenbart sich JOHNSONS persönlicher Geschmack. Sein Stil galt lange Zeit als vorbildlich und wurde später als Johnsonese bezeichnet. Bei der Erklärung von Begriffen und auch in seinen eigenen Werken eine starke Neigung zur Verwendung von Latinismen hatte. So ist die Umschreibung to repress the instantaneous motions of merriment eine umständliche Formulierung für die Aufforderung, mit dem Lachen aufzuhören. Diese schwerfällige Ausdrucksweise hat JOHNSON Kritik eingebracht, so dass in der Bezeichnung Johnsonese auch ein abwertender Unterton mitklingt.
Wie sehr das Dictionary tatsächlich auf die Sprache gewirkt hat, ist schwer nachzuweisen. Aufgrund seiner weiten Verbreitung mag es durchaus dazu beigetragen haben, unerwünschte Sprachentwicklungen zu minimieren und unvermeidliche Veränderungen zu verzögern - wie dies JOHNSON selbst bemerkte: "It remains that we retard what we cannot repel, and that we palliate what we cannot cure." Da auch gekürzte Ausgaben auf dem Markt waren, hat das Dictionary noch im 19. Jahrhundert zur Verbreitung der korrekten Rechtschreibung unter den weniger Gebildeten beigetragen.
Angesichts des Scheiterns einer englischen Akademie ist SAMUEL JOHNSON als eine Ein-Mann-Akademie anzusehen. Er erbrachte mit seinem Dictionary im Endeffekt dieselbe Leistung wie die berühmten Institutionen in Italien und Frankreich. Die Gesamtanlage des Werks, die Festlegung der Wortliste: Dies alles lag allein in JOHNSONS Hand. Bei der Recherche der von ihm ausgewählten Zitate wurde er allerdings von einem Dutzend Helfer unterstützt. Die Würdigung von JOHNSONS Verdienste um die englische Sprache geht deutlich aus den folgenden zwei Gedichtzeilen seines Freundes, des Schauspielers DAVID GARRICK, hervor: "And Johnson, well arm'd like a hero of yore (of yore - aus alter Zeit) / Has beat forty French, and will beat forty more." JOHNSON selbst beurteilte die Bedeutung seines Regelwerkes mit den Worten: "It is more important for a law to be known, than for it to be right."
Das Dictionary of the English Language war
für mehr als ein Jahrhundert gleichsam die Bibel der englischen Rechtschreibung.
Seine Vorbildhaftigkeit behielt das Referenzwerk bis zum Erscheinen des Oxford English Dictionary (1884).
Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass JOHNSON sein Werk unabhängig
von adligen Geldgebern realisierte, da sich sein Finanzier in der Planungsphase
zurückgezogen hatte. Damit symbolisierte es auch die neue Unabhängigkeit
des Literaten.
Für seine herausragende Leistung erhielt JOHNSON seit 1762 von der Krone eine jährliche Pension. 1765 wurde ihm die Ehrendoktorwürde des Dubliner Trinity College verliehen. Im selben Jahr veröffentlichte er eine kommentierte Shakespeare-Ausgabe und leistete damit einen wichtigen Beitrag zum historischen Verständnis des wohl bedeutendsten englischen Schriftstellers aller Zeiten. Als krönenden Abschluss seines Schaffens verfasste JOHNSON eine Biografiensammlung englischer Dichter, The Lives of the English Poets (1779-81), die vielen gebildeten Lesern erst den tatsächlichen Umfang der englischen Literatur bewusst machte. Diese beiden großen Werke lassen JOHNSONS umfangreiche Literaturkenntnisse deutlich zu Tage treten.
JOHNSON aus
Sicht eines Freundes
Bereits 1763 traf JOHNSON mit JAMES
BOSWELL zusammen, mit dem er eine gemeinsame Reise zu den Hebriden unternahm. Die Erlebnisse dieser Unternehmung fanden ihren literarischen
Niederschlag in dem "Tagebuch einer Reise nach den Hebriden mit Dr.
Samuel Johnson" (The Journal of a Tour to the Hebrides,
with Samuel Johnson, LL.D.,[Containing Some Poetical Pieces by Dr. Johnson, Relative to the
Tour and Never Before Published; a Series of His Conversations, Literary
Anecdotes, and Opinions of Men and Books]). Die Aufzeichnungen dieser
Reise, mit der für BOSWELL der lang gehegte Wunsch in Erfüllung
ging, dem Freund seine schottische Heimat zu zeigen, erschien 1785 -
ein Jahr nach JOHNSONS Tod.
Dasselbe gilt für BOSWELLS Biografie The Life of Samuel Johnson, LL.D.[Comprehending
an Account of His Studies amd Numerous Works, in Chronological Order; a
Series of His Epistolary Correspondence and Conversations With Many Eminent
Persons; and Various Original Pieces of His Composition, Never before Published], die 1791 als die bereits sechste Lebensgeschichte nach JOHNSONS Ableben
veröffentlicht wurde. In dieser Lebensbeschreibung zeichnete BOSWELL
auch die berühmt gewordenen Gespräche mit weiteren Freunden (EDMUND
BURKE, OLIVER GOLDSMITH, DAVID GARRICK) auf. BOSWELLS mit Spannung erwartetes
Werk, das ein besonders präzises Charakter- und Geistesporträt
von JOHNSONS letzten 21 Lebensjahren darstellt, gehört zu den berühmtesten
Biographien der Literaturgeschichte.