Literarisches Schaffen
THOMAS HARDY schrieb zunächst Gedichte, bevor er sich dem Roman zuwandte.
Unter dem Einfluss ARTHUR SCHOPENHAUERs entwickelte er ein zutiefst pessimistisches
Weltbild, das seine Romane beherrscht. Diese werden aufgrund ihrer realitätsnahen
Schilderung der Personen und Ereignisse dem Realismus
zugeordnet. Sie führen die Verlorenheit, Vereinzelung und Entfremdung
des Einzelnen als Preis von Industrialisierung
und Modernisierung plastisch vor Augen.
HARDY gestaltet die Charaktere seiner Romanen sehr einfühlsam: Sie
treten leidenschaftlich gegen die eigene Veranlagung und ihre Umwelt an,
werden dann jedoch von einer unheimlichen, gleichgültigen Schicksalsmacht
aufgeschreckt, umher getrieben und gebrochen. Das Romangeschehen mischt
reale Ereignisse mit Fantastischem, Alltägliches mit Außergewöhnlichem
und stellt irdisches Geschehen in kosmische Zusammenhänge. Der düsteren
Schicksalsmacht entspricht die Schilderung der Landschaft, oft der Heidelandschaft
in der fiktiven Grafschaft Wessex (= Dorset und Wilthsire). Die ländliche
Idylle steht als Symbol für die Tragik
der zum Scheitern verurteilten menschlichen Existenz. In seinen frühen
Romanen wie Far From The Madding Crowd (1874,
dt. Am grünen Rand der Welt) werden die
menschlichen Leidenschaften letztlich in traditionelle Strukturen wie
Ehe und Dorfgemeinschaft aufgefangen.
HARDYs spätere Romane handeln hingegen von Menschen in ausweglosen-vereinsamten
Situationen wie
Tess of D'Urbervilles (1891, dt. Tess von D'Urbervilles).
Die Melkerin Tess wird durch den aristokratischen Lüstling Alex d'Urbervilles
vergewaltigt. Ihr Ehemann reagiert daraufhin mit moralischer Härte,
an der Tess zerbricht. Am Ende ersticht Tess ihren Peiniger in einem Akt
der Selbstbefreiung, was sie am Ende
durch den Tod am Strang bezahlen muss. In der Verfilmung 1979 von ROMAN
POLANSKI wird Tess eindrucksvoll von NASTASSJA KINSKI verkörpert.
Einen Wendepunkt in HARDYs Schaffen stellt der düstere Roman Jude
the Obscure (1895, dt. Juda, der Unberühmte)
dar, in dem der Titelheld vergeblich gegen soziale Schranken und die Konventionen der bürgerlichen Ehe aufbegehrt.
Abgesehen von unüberwindbaren Klassenschranken scheitern die hochfliegenden Pläne des sensiblen Juda, sich durch
ein Studium vom armen Waisenjungen zum Bischof hochzuarbeiten, auch an
anderen Gegebenheiten. Er lässt sich von der sinnlichen Arabella
in eine Ehe manövrieren, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt
ist. Nach der Trennung wird Juda der freigeistigen Sue Bridehead hörig,
obwohl diese Beziehung ihn durch Sues Emanzipationsdemonstrationen zum Außenseiter der Gesellschaft
werden lässt.
HARDYs Romane mit ihrem pessimistischem Weltbild, in dem sich Konventionen und Moral sowie Intellekt und persönlicher Wille als machtlos gegen das Schicksal erweisen, riefen ein Sturm der Entrüstung hervor. So suchte HARDY nach feindseligen Besprechungen vor allem von Jude the Obscure ab 1896 seine Überzeugungen wieder in Gedichte zu fassen. Sein teils in Blankversen teils in Prosa verfasstes Werk The Dynasts (1903-1908), eine Darstellung Englands zur Zeit der Napoleonischen Kriege, ist der umfassendste Ausdruck seiner Weltsicht.
Werke (Auszug)
Romane
Desperate Remedies (1871)
Under the Greenwood Tree (1872, dt. Die Liebe
der Fancy Day)
The Return of the Native (1878, dt. Die Heimkehr)
The Mayor of Casterbridge (1885, dt. Der Bürgermeister
von Casterbridge)
Kurzgeschichten
Wessex Tales (1888)
Life's Little Ironies (1894, dt. Bosheiten
des Schicksals)
Gedichte
Poems of the Past and Present (1901)
Satires of Circumstance (1914)
Winter Words (1928)