
Gleichungen als typisches Arbeitsmittel und zugleich bedeutsamer Arbeitsgegenstand der Mathematik treten in der Schulmathematik vor allem als lineare, quadratische, goniometrische und Wurzelgleichungen auf. Sie werden zur Berechnung von Funktionswerten für gegebene Argumente, zur Bestimmung der Nullstellen und zur Ermittlung von Extrempunkten von Funktionen, zur analytischen Untersuchung von Eigenschaften geometrischer Gebilde u.a. genutzt. In allen diesen Fällen handelt es sich um Gleichungen, deren Lösungen Zahlen oder Größen sind.
Differenzen- und Differenzialgleichungen sind von anderer Natur, denn
sie besitzen als Lösungen Folgen bzw.
Funktionen. Dennoch sind sie uns nicht ganz
unbekannt. So kann beispielsweise eine geometrische Folge explizit durch
beschrieben
werden, aber auch durch die rekursive Bildungsvorschrift 
Die Gleichung
bzw. die umgestellte Form
ist eine einfache Differenzengleichung:
Sie beschreibt die Änderung des Wertes der Folgenglieder in Abhängigkeit
vom Index i und von anderen Folgengliedern. Eine Lösung dieser Gleichung
ist die Folge
was man durch Einsetzen in die Differenzengleichung überprüfen
kann.
Auch für Differenzialgleichungen
kann man anhand bekannter Inhalte leicht ein Beispiel finden. So gilt
für die Ableitung der Funktion
die Beziehung
Daraus
folgt 
Dies ist eine Differenzialgleichung, sie beschreibt die Funktion
durch die markante Eigenschaft, dass Funktionswert und Ableitungswert
stets gleich sind. Eine Lösung der angegebenen Differenzialgleichung
ist natürlich die Funktion
,
was wiederum durch Einsetzen überprüft werden kann.
Differenzen- und Differenzialgleichungen stehen in einem engen Zusammenhang.
Wird in der Differenzialgleichung
der Differenzialquotient
näherungsweise durch den Differenzenquotienten
mit
sehr kleinem h ersetzt, so erhält man die Gleichung 
Die Gleichung
besagt, dass sich der Funktionswert
an der Stelle
als Produkt von
ergibt. Multipliziert man den Wert
wiederum mit
so erhält man
Auf diesem Weg kann ausgehend von einem bekannten Funktionswert eine Näherungslösung
der Differenzialgleichung schrittweise aufgebaut werden. Dabei entsteht
die Folge
von Funktionswerten, die durch die rekursive Bildungsvorschrift
,
also durch eine Differenzengleichung, beschrieben wird. In der
Abbildung (vgl. auch Bild 1) ist
als Lösung der Differenzialgleichung
und die Folge
als Lösung der Differenzengleichung
dargestellt.

Generell gilt, dass der Zusammenhang zwischen Differenzen- und Differzialgleichungen
durch die Unterschiede, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen
Differenzen- und Differenzialquotienten
geprägt ist.
Differenzengleichungen bieten einen elementaren mathematischen Zugang
zu anspruchsvollen praktischen Fragestellungen, z.B. aus der Populationsdynamik,
der Finanzmathematik und der Technik. Sogar komplexe dynamische Systeme
werden heute unter Zuhilfenahme von Differenzengleichungssytemen simuliert
und untersucht.
(Dynamische Systeme sind Systeme, deren Elemente sich
ständig ändern, wobei die Struktur des Systems jedoch erhalten
bleibt. Die meisten der Systeme, in die der Mensch einbezogen ist, wie
Sozialsysteme, Wirtschaftssysteme, Ökosysteme, technische Systeme,
besitzen diese Eigenschaft.) Dabei setzt das Bearbeiten von Differenzengleichungen
lediglich eine gewisse Gewandtheit in der Buchstabenrechnung voraus. Es
umfasst im Wesentlichen das Abarbeiten von iterativen Berechnungsverfahren
und rekursiven Bildungsvorschriften, das Finden expliziter Bildungsvorschriften
für Folgen, das Lösen von Gleichungssystemen und ähnlich
elementare Anforderungen.
In der Geschichte
der Mathematik tauchen Differenzengleichungen ab dem 12./13. Jahrhundert
auf. Mit der erfolgreichen Entwicklung der Algebra und Arithmetik (Einführung
komplexer Zahlen, Lösen von Gleichungen auch höheren Grades,
Verbesserung des Gleichungskalküls, Gleichungssysteme) wuchsen in
der Folgezeit auch die Möglichkeiten zur Bearbeitung anspruchsvollerer
Differenzengleichungen.
Beginnend in der Mathematik der Renaissance, vor allem aber im 17. Jahrhundert
entfalteten sich angeregt durch breites, oft praktisch begründetes
Interesse an der Mechanik Vorüberlegungen zur Differenzial- und Integralrechnung.
Diese Entwicklung gipfelte in der Schaffung des Kalküls der Infinitesimalrechnung
durch GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ (1646 bis 1727, Bild 2) in den Jahren 1673 bis 1676.
Die Beschäftigung mit Differenzialgleichungen war Bestandteil der
Entstehung der Infinitesimalrechnung. Die Mathematiker
spürten, dass der neue Kalkül hervorragend auf Fragen anwendbar
war, die man bisher mit Differenzengleichungen bearbeitete. In der Folgezeit
wurden eine Reihe von Differenzialgleichungstypen durch geschickten Einsatz
des Kalküls der Differenzialrechnung gelöst und auf physikalische
und technische Probleme angewandt, wobei man Differenzengleichungen als
numerische Lösungsverfahren für Differenzialgleichungen verwendete
und weiterentwickelte.
In den letzten Jahrzehnten hat die Anwendung von Differenzial- und in deren Gefolge vor allem von Differenzengleichungen deutlich zugenommen. Zwei Gründe lassen sich dafür finden: