
Da Zufallsgrößen
oftmals sehr komplizierte mathematische Gebilde sind, sucht man nach zahlenmäßigen
Kenngrößen, die über
die Zufallsgröße Wesentliches aussagen und zugleich aus Beobachtungsdaten
zumindest näherungsweise einfach zu bestimmen sind.
Eine derartige Kenngröße ist der Erwartungswert.
annehmen
kann, und zwar jeweils mit der Wahrscheinlichkeit
.
Dann nennt man die folgende Kenngröße den Erwartungswert
der Zufallsgröße X:
.
In Übereinstimmung mit den praktischen Erfahrungen und den Erkenntnissen
des empirischen Gesetzes der großen
Zahlen kann der Erwartungswert auch verstanden werden als der sich
auf lange Sicht stabilisierende Mittelwert
aller registrierten
aus einer langen Reihe unabhängiger Realisierungen einer endlichen
Zufallsgröße X.
Der Erwartungswert EX lässt sich auch als ein Schwerpunkt
(im Sinne der Mechanik) interpretieren. Dazu fasst man die Wahrscheinlichkeitsverteilung
von
als Verteilung der Masse 1 auf die Punkte
eines masselosen Waagebalkens auf, wobei jedem Punkt
die Masse
zugeordnet wird. Es sei
der Schwerpunkt dieser Masseverteilung. Dann muss (in Verallgemeinerung
des Hebelgesetzes) die Summe aller Drehmomente bezüglich
gleich null sein:

Der Waagebalken befindet sich genau dann im Gleichgewicht, wenn er im
Punkt EX unterstützt wird. Der Erwartungswert ist also als Schwerpunkt
einer Masseverteilung
interpretierbar.
Um die Vorstellungen vom Wesen des Erwartungswertes einer endlichen Zufallsgröße
zu vertiefen, kann es hilfreich sein, interaktiv das Verhältnis der
Werte einer Zufallsgröße zu ihrem Erwartungswert zu analysieren.
Wir betrachten dazu als Beispiel:

X ist auf dem nebenstehend abgebildeten Bildschirm
durch ein Stabdiagramm dargestellt und der Erwartungswert von X durch
ein Kreuz gekennzeichnet. Es gilt
(Programm für TI-92 s. Bild 1, oben) |
![]() |
Aus obigem Beispiel kann man entnehmen, dass der Erwartungswert nicht
sein muss
- ein Wert der Zufallsgröße X;
- der wahrscheinlichste Wert der Zufallsgröße X;
- der Wert in der Mitte aller Werte der Zufallsgröße;
- ein Wert mit der Bedingung
.
Für die Erwartungswerte endlicher Zufallsgrößen gelten eine Reihe wichtiger und nützlicher Rechenregeln:


Der Begriff des Erwartungswertes kann ausgedehnt werden auf diskrete,
aber nicht endliche, sowie auf stetige
Zufallsgrößen.
,
so gilt
(falls diese Summe existiert). Wir betrachten dazu das folgende Beispiel:
Es ist

und

Man erwartet also die erste Vier "im Mittel" nach vier Würfen.
Mithilfe moderner Taschencomputer kann EX auch ohne Differenzialrechnung
ermittelt werden (s. Bild 2).
(falls das Integral existiert). Auch hierzu soll wieder ein Beispiel
angefügt werden.
Man kann davon ausgehen, dass Anja kein Zeitintervall für ihr Eintreffen
bevorzugt. So ergibt sich eine Gleichverteilung auf dem Intervall
,
d.h. eine Dichtefunktion f mit

Für den Erwartungswert gilt dann:

Die zu erwartende Ankunftszeit ist demnach 18.45 Uhr.