
GERONIMO (auch
GIROLAMO, GEROLAMO bzw. HIERONYMUS) CARDANO war eine der schillerndsten
Figuren in der Geschichte der Mathematik. Hochbegabt, ehrgeizig und scharfsinnig
brachte er Großes zustande, andererseits war er abergläubisch
und charakterschwach, führte ein unruhiges Leben voller Höhen
und Tiefen. Wir wissen darüber recht gut Bescheid, vor allem dank seiner
Autobiografie, die er kurz vor seinem Tode noch aktualisierte und in der
er sich selbst ohne Beschönigung beschreibt (Ich
strebe Wundern nach und bin heimtückisch).
CARDANO wurde am 24. September 1501 als uneheliches Kind in Pavia geboren.
Durch seinen Vater, einen Mailänder Juristen, wurde es ihm ermöglicht,
ab 1520 Medizin und Mathematik an der Universität von Pavia zu studieren.
Nachdem er 1526 zum Doktor der Medizin promoviert hatte, ließ er sich
in Mailand als Arzt nieder, fand jedoch wegen seiner (unehelichen) Herkunft
keine Aufnahme in das Ärztekollegium. Später praktizierte er auch
in Pavia und Padua. In diesen Jahren setzte er seine Beschäftigung
mit mathematischen Problemen fort und hielt darüber sogar Vorlesungen.
Von 1545 an veröffentlichte er verschiedene mathematische Werke, führte
aber zwischenzeitlich ein unstetes Wanderleben, das ihn nach Schottland,
Frankreich und Deutschland brachte, und beschäftigte sich intensiv
mit Astrologie, stellte Horoskope u.a. für CHRISTUS, was ihm den Zorn
der katholischen Kirche sicherte. Später trat CARDANO als Dozent und
Professor der Medizin in Mailand, Pavia und Bologna auf. Er musste erleben,
dass sein Sohn wegen Mordes hingerichtet wurde, kam 1570 in Bologna wegen
seiner Schulden selber ins Gefängnis und ging danach nach Rom, wo er
am 21. September 1576 verstarb. Es wurde überliefert, er habe sich
zu Tode gehungert, weil er in einem Horoskop seinen Tod für dieses
Jahr vorausgesagt hätte und sich nicht Lügen strafen wollte.
CARDANOS Beitrag zur Entwicklung der
Algebra
Das aus mehreren Büchern bestehende Hauptwerk CARDANOS trägt
den Titel "Ars magna sive de regulis algebraicis" (Die große
Kunst oder das Buch von den algebraischen Regeln). Es erschien 1545 in
Nürnberg und war die bis dahin umfassendste systematische Darstellung
über Algebra. Neben vielem
Überlieferten fanden sich darin zahlreiche neue Elemente und vor
allem die berühmte Formel zur Lösung
kubischer Gleichungen. Mit dieser Problematik hatten sich die besten
italienischen Mathematiker befasst, und es war gelungen, Gleichungen der
Form
(mit positiven p und q) zu lösen. (Man schrieb Gleichungen damals
nur mit positiven Gliedern und musste so zahlreiche einzelne Typen unterscheiden).
Angesichts eines bevorstehenden Rechenwettstreits, bei dem er fürchtete,
mit solchen Aufgaben konfrontiert zu werden, hatte der venezianische Rechenmeister
NICCOLÒ TARTAGLIA (etwa 1500 bis 1557; Bild 2) nach wochenlangem
Suchen einen Weg zur Lösung der Gleichung
(mit p, q positiv) gefunden.
Außerdem gelang es, kubische Gleichungen der Form
durch die geschickte Substitution
auf eine Hilfsgleichung zurückzuführen, in der das quadratische
Glied beseitigt war. (Lediglich bei einer bestimmten Konstellation von
Koeffizienten war das nicht möglich; man nannte diesen "nicht-rückführbaren"
Fall den casus irreducibilis.) Damit war der
Weg frei zur Lösung kubischer Gleichungen und zur Gewinnung einer
Lösungsformel.
TARTAGLIA hielt sein Verfahren zunächst geheim. Er ließ es
sich jedoch von CARDANO entlocken, nachdem dieser einen Eid geschworen
hatte, es nicht zu veröffentlichen. Entgegen diesem Versprechen nahm
CARDANO jedoch die Formel in seine "Ars magna" auf. Obwohl er
dort TARTAGLIAS Urheberschaft durchaus würdigte, kam es zum Streit
zwischen beiden, der zuweilen in Handgreiflichkeiten ausartete, und am
Ende war es doch CARDANO, dessen Namen diese Formel heute trägt.
Andererseits sind CARDANOS Verdienste um die Entwicklung der Algebra
unbestritten. In einer Zeit, in der man bei Gleichungen negative Glieder
vermied, rechnete er unbekümmert mit komplexen
Zahlen. So akzeptierte er zum Beispiel als Lösungen der quadratischen
Gleichung
ohne Scheu die "Wurzeln"
,
auch rechnete er
.
CARDANO erkannte, dass kubische Gleichungen bis zu drei Lösungen
haben können und entdeckte auch Zusammenhänge zwischen den Koeffizienten
und den Wurzeln, wie z.B.
(wobei a der Koeffizient von
ist) und
(wobei c das absolute Glied ist). Damit gehen die "Wurzelsätze",
die heute den Namen VIETAS tragen, wenigstens teilweise auf ihn zurück.
CARDANO gibt auch Verfahren zur Lösung
biquadratischer Gleichungen an, die von seinem Schüler LUDOVICO
FERRARI (1522 bis 1565) entwickelt wurden und bei denen man durch eine
Reduzierung zunächst auf kubische Gleichungen zurückgeht. Für
Gleichungen höheren als vierten Grades enthält die "Ars
magna" Näherungsverfahren,
die als regula aurea (Goldene Regel) bezeichnet werden.
Weitere wissenschaftliche Leistungen
CARDANOS
In einem weiteren Buch mit dem Titel "Liber de ludo aleae" (Buch
über das Würfelspiel), versuchte CARDANO, der selbst ein leidenschaftlicher
Würfelspieler war, seine empirisch gewonnenen Einsichten logisch
zu untermauern. So beschäftigte er sich beispielsweise mit der Frage,
ob bei viermaligem Würfeln häufiger eine Sechs auftritt als
keine Sechs. Damit schuf er erste Ansätze für die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
In weiteren Abhandlungen ging er auch auf geometrische Probleme sowie
auf Folgen und Reihen ein.
Seine Beschäftigung mit physikalischen Problemen führte CARDANO
zu einigen Erfindungen, die heute seinen Namen tragen wie die kardanische
Aufhängung (etwa für Kompasse) bzw. die Kardanwelle
und das Kardangelenk.