Für viele Funktionen ist es nicht ganz einfach, Funktionswerte
zu berechnen. Dies gilt insbesondere für transzendente Funktionen
wie Winkel-, Logarithmus- und Exponentialfunktionen.
Natürlich kann man heutzutage viele derartige Funktionswerte durch
einfachen Druck auf entsprechende Tasten des Taschenrechners erhalten.
Die folgende Tabelle gibt einige Beispiele dafür an.
| Gesuchter Funktionswert | ![]() |
![]() |
![]() |
| Tachenrechner-Ergebnis | 0,40271 | 0,45803 | 2,2880265 |
In der historischen Entwicklung waren
Werte für Winkelfunktionen bereits
in der Antike bekannt. Im Standardwerk zur Astronomie, dem Almagest
von KLAUDIOS PTOLEMAIOS (um 85 bis um 165), sind für den Einheitskreis
für Mittelpunktswinkel von
die zugehörigen Sehnenlängen
tabelliert und zwar mit einer Schrittweite von 0,50. Der arabische Mathematiker
AL-BÎRUNÎ (973 bis 1048) verfasste Sinustafeln,
die auf acht Stellen genau waren. Auch Tangens- und Kotangenstafeln waren
den arabischen Mathematikern bekannt.
Werte der Logarithmusfunktionen wurden
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts tabelliert. Im Jahre 1614
gab JOHN NAPIER (1550 bis 1617) die erste Logarithmentafel
heraus, 1620 erschienen die Tafeln von JOBST BÜRGI (1552 bis 1632)
und 1617 die von HENRY BRIGGS (1561 bis 1631), der erstmals dekadische
Logarithmen verwandte.
Die Berechnungen von Werten dieser und anderer transzendenten Funktionen
waren aufwendig und wurden erst etwas einfacher, als man den Zusammenhang
zu den Potenzreihen erkannte.
Dennoch bestand das Problem, zu Werten, die zwischen den tabellierten
lagen, entsprechende Funktionswerte oder umgekehrt zu Funktionswerten,
die nicht direkt in den Tabellen vorkamen, die entsprechenden Argumente
zu ermitteln.
Wir betrachten dazu ein Beispiel
(des Berechnens von Zwischenwerten).
und
.
Gesucht sind 
für
. Lösung: Die Differenz der Argumente
beträgt
,
die der zugehörigen Funktionswerte beträgt
.
Teilaufgabe a): Gesucht ist die zur Differenz
der Argumente
gehörende Differenz f der Funktionswerte. Man setzt die Proportion
an und
erhält:

Diesen Wert addiert man zu 0,5165, was zum Ergebnis
führt (ein Taschenrechner liefert 0,51578).
Teilaufgabe b): Gesucht ist die zur Differenz
der
Funktionswerte gehörende Differenz d der Argumente. Man setzt die
Proportion
an und erhält:

Diesen Wert addiert man zu 31,10, was zum Ergebnis
führt (ein Taschenrechner liefert
).
Das im Beispiel angewandte Verfahren heißt Interpolation
(lat. interpolatio svw. Umgestaltung; lat.
inter svw. zwischen).
Bei diesem Vorgehen sind von einer Funktion f(x) an den beiden Stellen
die
Funktionswerte
gegeben. Für eine Stelle
,
die zwischen
liegt
ist der Funktionswert
gesucht. Stetigkeit der Funktion f(x) wird vorausgesetzt.
Man ersetzt nun die Funktion zwischen den Punkten
durch eine lineare Funktion, d.h., das Bild wird durch die Sekante zwischen
ersetzt
(s. Bild 1 bzw. folgendes Textbild).
Setzt man
sowie
,
so ergibt sich nach Strahlensatz die Proportion
.
Da man D und F kennt, kann man bei gegebenem d den Wert für f und
daraus
oder bei gegebenem f den Wert für d und daraus den Wert für
berechnen.
Bei diesen Werten handelt es sich um Näherungswerte, deren Abweichung
von den genauen Werten umso geringer ist, je weniger das Bild der Funktion
f zwischen den Punkten
von einer Geraden abweicht.

Da bei diesem Vorgehen das Bild der Funktion partiell durch eine Gerade
ersetzt wird, nennt man das geschilderte Vorgehen auch lineare
Interpolation.
Eine bessere Annäherung an das Bild einer Funktion f(x) und damit
einer größere Genauigkeit des interpolierten Wertes erreicht
man, wenn man mehr Punkte heranzieht und eine Funktion ermittelt, deren
Bild durch alle diese Punkte geht. Dies leistet zum Beispiel das newtonsche
Interpolationsverfahren.