



Auf der Suche nach
"dem durchschnittlichen, dem normalen Menschen" (l'
homme moyen) ließ der auf vielen Gebieten tätige belgische
Wissenschaftler LAMBERT ADOLPHE JACQUES QUÉTELET (1796 bis 1874; Bild 1)
in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts biometrische Messungen in großem
Umfang durchführen. In vielen Fällen wurde dabei seine Vorstellung
bestätigt, dass die Häufigkeitsverteilung der gemessenen Werte
(etwa zum Brustumfang) einer symmetrischen Glockenkurve entspricht. Das
mag wohl auch ein wichtiger Grund dafür gewesen sein, dieser gleichsam
als naturgemäß angesehenen Verteilung den Namen Normalverteilung
zu geben, wobei diese Bezeichnung auch zu allerlei Fehldeutungen führte
– vor allem dann, wenn alles nicht Normalverteilte als anormal eingestuft
wurde.
Das Geburtsdatum der Normalverteilung lag aber fast 100 Jahre früher,
als ABRAHAM DE MOIVRE (1667 bis 1754) im Jahre 1733 in einer kleinen Abhandlung
die Normalverteilung als Grenzverteilung der Binomialverteilung herleitete.
Die große Anziehungskraft, die von dieser Verteilung auf viele Gelehrte
ausging, resultierte hauptsächlich aus den mathematischen Arbeiten
von PIERRE SIMON DE LAPLACE (1749 bis 1827) und CARL FRIEDRICH GAUSS (1777
bis 1855), die diese im Zusammenhang mit einer Theorie der Beobachtungsfehler
Anfang des 19. Jahrhunderts veröffentlicht hatten. Daran anschließend
spricht man auch von der gaußschen Glockenkurve.
Die Normalverteilung, für die im Folgenden eine Definition angegeben wird, zählt auch heute noch zu den bekanntesten und am häufigsten verwendeten Verteilungen.

und
. Anmerkung: Man nennt dann die Zufallsgröße
X auch
oder kurz
.
Als Schreibweise verwendet man vielfach
.
Für die Verteilungsfunktion
F einer normalverteilten Zufallsgröße ergibt sich damit:
| Der Graph der Dichtefunktion f einer normalverteilten Zufallsgröße ist eine Glockenkurve (s. nebenstehendes Bild) | ![]() |
Führt man (wie in der Analysis) eine Kurvendiskussion durch, so
ergibt sich weiterhin:
Der Graph der Dichtefunktion f hat als einzigen Extrempunkt den Hochpunkt
(lokalen Maximumpunkt)
,
die Wendepunkte
und die Symmetrieachse mit der Gleichung
.
Indem man interaktiv die Werte für
und
verändert (Bild 2 und interaktives Beispiel 1), kann man erkennen,
dass sich
ändert,
ändert (je kleiner
ist, umso stärker konzentriert sich der Graph von f um den Wert
).Den Inhalt der Fläche unterhalb des Graphen von f über
dem Intervall
interpretiert man in der Stochastik (d.h., wenn f als Dichtefunktion
einer normalverteilten Zufallsgröße aufgefasst wird) als
die Wahrscheinlichkeit . |
![]() |
Jede
Zufallsgröße X mit der Dichtefunktion f besitzt den Erwartungswert
.
Dies kann man sich zum einen durch eine Plausibilitätsbetrachtung
klarmachen: Der Graph der Dichtefunktion f von
verläuft axialsymmetrisch zur Geraden mit der Gleichung
.
Folglich kann
als Schwerpunkt
der Wahrscheinlichkeitsverteilung und somit als Erwartungswert
von X betrachtet werden.
Zum anderen lässt sich ferner unter Verwendung von
mit Mitteln der Analysis beweisen, dass gilt:

Schließlich gibt es auch die Möglichkeit, das zur Bestimmung
von EX zu berechnende Integral für verschiedene Werte von
und
interaktiv auszurechnen und zu prüfen, ob sich
ergibt (s. Bild 3 und interaktives Beispiel 2).
Jede Zufallsgröße
besitzt
die Streuung (bzw. Varianz)
.
Auch dies kann man sich durch eine Plausibilitätsbetrachtung verdeutlichen.
Der Parameter
charakterisiert die Wendestellen
des Graphen ihrer Dichtefunktion f.
Je größer
ist, desto breiter ist der glockenförmige Graph von f und desto größer
müsste demzufolge die Streuung
von X sein.
Interaktiv kann man das zur Bestimmung von
zu berechnende Integral für verschiedene Werte von
und
ausrechnen und prüfen, ob sich
ergibt (Bild 4 und interaktives Beispiel 2).
Die Normalverteilung besitzt eine große praktische Bedeutung, was vor allem aus folgenden Eigenschaften resultiert:
und die Streuung
zu bestimmen, denn diese beiden Kennzahlen konstituieren eine Normalverteilung
vollständig. Ist X eine normalverteilte Zufallsgröße mit den Parametern
und
, dann
ist die standardisierte Zufallsgröße
ebenfalls normalverteilt, und zwar
.
Man bezeichnet diese als standardnormalverteilt
und den Graphen ihrer Dichtefunktion als gaußsche
Glockenkurve. Wahrscheinlichkeiten für beliebige normalverteilte
Zufallsgrößen können demzufolge auf Wahrscheinlichkeiten
einer einzigen, speziellen Normalverteilung zurückgeführt werden.
Das vereinfacht viele praktische Berechnungen erheblich.