Physik und Mathematik (Was ist ein Naturgesetz?)
Zur Entwicklung der Physik
Die uns geläufige Art, physikalische Gesetze mathematisch zu formulieren,
war vor 400 Jahren noch nicht bekannt. Exakte Naturwissenschaft wurde aber
erst durch die Mathematik möglich. Damit eng verbunden ist die Entwicklung
der Ansicht über Naturgesetze überhaupt.
Der deutsche Astronom und Mathematiker
JOHANNES
KEPLER (1571 bis 1630, Bild 1) war
einer der ersten Forscher, der
Naturgesetze
als mathematische Gleichungen dargestellt hat und der fest an die
Einfachheit und Harmonie der Natur glaubte. Eine Auffassung, dass die von
ihm und anderen entdeckten Gesetze nur zeitbedingte Gültigkeit hätten,
war für ihn unannehmbar. Als leidenschaftlicher Realist glaubte er,
Gott habe die Welt unter Verwendung bestimmter Grundmuster geschaffen, die
es auch im menschlichen Geist geben müsse. Daraus resultierte seine
unerschütterliche Überzeugung, dass wir die uns umgebende Welt
verstehen können.
Die mathematischen Formulierungen KEPLERS waren
erste Ansätze. Weiter ging sein Zeitgenosse, der italienische Physiker
und Astronom
GALILEO GALILEI
(1564 bis 1642, Bild 2). Er begann, die Natur systematisch zu
manipulieren,
um sie zu zwingen, die ihr innewohnenden Gesetze preiszugeben. Um den freien
Fall von Körpern messbar zu machen, verlangsamte er ihn auf einer geneigten
Ebene. Durch systematische experimentelle Untersuchungen und mit großem
Geschick ausgeführte Messungen gelang ihm eine erfolgreiche mathematische
Beschreibung der Bewegung. Damit war die Frage beantwortet, wie sich Körper
bewegen. Die Frage,
warum sie sich in dieser
Art bewegen (Erklärung), ließ GALILEI bewusst offen. Eine derartige
Beschränkung ist wesentlich für erfolgreiches Arbeiten. Als Ergebnis
seines erfolgreichen Forscherlebens entwickelte GALILEI die Anfänge
einer
einheitlichen Physik, die sich auf
alle
Naturerscheinungen anwenden ließ.
Der weitere systematische Ausbau der Physik ist das Lebenswerk von ISAAC
NEWTON (1643 bis 1727, Bild 3).
Insbesondere entwickelte er ein tieferes Verständnis für die
Einheit der Natur. Hinter den oberflächlich
verschiedenen Erscheinungen erkannte er immer mehr die Gemeinsamkeit.
Das schlägt sich in einer immer stärkeren mathematischen Durchdringung
seiner Physik nieder. NEWTONS Physik ist eine mathematische
Physik. Gab es die erforderliche Mathematik noch nicht, dann entwickelte
er sie.
Als Beispiel wählen wir das newtonsche
Bewegungsgesetz (2. Grundgesetz). Es brauchte viele Jahre bis zur heutigen
Form. Zuerst lautete es:
- Ein Körper muss sich auf dem Weg bewegen,
auf den er gedrängt wird.
Dann:
- Die Bewegungsänderung ist immer proportional
zu der Kraft, mit der sie erfolgt.
Und schließlich:
- Die Änderung des Zustandes der Bewegung oder
Ruhe ist proportional zu der auf ihn wirkenden Kraft und geschieht entlang
der Geraden, längs der die Kraft wirkt.
Ein langer Weg bis zur heutigen Fassung:
Warum ist die
Mathematik so gut geeignet für die Physik?
Das ist die Fragestellung, die sich aufdrängt! Die benutzte Mathematik
ist in den meisten Fällen nicht eigens für die Physik entwickelt
worden. Meist ist sie ohne Anwendungszweck oder für ganz andere Anwendungen
geschaffen worden zu einer Zeit, als es Physik im heutigen Sinne noch gar
nicht gab.
Hängt es mit der inneren Logik der gesamten Welt zusammen – etwa im
Sinne "Gott ist Mathematiker" – oder ist es nur ein Spiegelbild
unseres eigenen beschränkten Geistes? Sicher hängt das Problem
mit der Frage nach dem
Wesen
der Mathematik zusammen, auf die es zwei diametral verschiedene Antworten
gibt. Für beide Antworten gibt es einleuchtende Gründe.
Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Antworten ist, ob Mathematik
entdeckt oder
erfunden
wird. Ersteres ist die Antwort der
Platoniker.
Danach muss es Mathematik, also Dinge wie Mengen, Gruppen, rationale und
irrationale Zahlen u.a. irgendwie in der Natur geben, und wir entdecken
sie. Dann müssen Bewohner ferner Sternensysteme die gleiche Mathematik
wie wir entdecken, man könnte sich mittels mathematischer Begriffe
mit ihnen verständigen.
Die entgegengesetzte Auffassung vertreten u.a. die
Konzeptualisten.
Für sie ist die Mathematik eine freie Schöpfung des menschlichen
Geistes. Eine Verständigung mit Außerirdischen wäre mit
ihrer Hilfe nicht möglich.
Unabhängig von diesen Auffassungen gibt es wesentliche Unterschiede
zwischen mathematischen Aussagen und Naturgesetzen. Es ist möglich,
dass sich unsere gesamte heutige Naturwissenschaft eines Tages als falsch
erweist, in der Mathematik ist das nicht möglich. In den Naturwissenschaften
bedeutet "richtig" Übereinstimmung mit der objektiven Realität,
in der Mathematik bedeutet es logische Konsistenz.
Es gibt keine Möglichkeit, zu entscheiden, welche Auffassung über
die Mathematik richtig ist, aber auf jeden Fall ist unsere Welt zutiefst
mathematisch.