
Bis zum Beginn
des 20. Jahrhunderts sind unter der großen Zahl auf dem Gebiet der
Mathematik tätiger Wissenschaftler nur wenige Namen von Frauen zu finden;
zu nennen wären lediglich HYPATIA VON ALEXANDRIA (um 400), die Kommentare
zur klassischen Mathematik verfasste, die an der Universität von Bologna
lehrende Italienerin MARIA GAËTANA AGNESI (1718 bis 1799) sowie die
Französin MARIE-SOPHIE GERMAIN (1776 bis 1831).
Dieser Zustand war letztlich den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen
geschuldet, die von Vorurteilen gegenüber Frauen geprägt waren
und diese vom wissenschaftlichen Leben nahezu ausschlossen. Eine der wenigen
(und zugleich ersten) Frauen, die trotz aller Hindernisse ein Hochschulstudium
als Voraussetzung für eine wissenschaftliche Laufbahn aufnehmen konnten,
war die Russin SOPHIA WASSILJEWNA KOWALEWSKAJA (Bild 1).
SOPHIA (oder SONJA, wie sie sich selbst gern nannte) KOWALEWSKAJA wurde
am 15. Januar 1850 als zweites Kind eines hohen Offiziers der zaristischen
Armee und dessen 20 Jahre jüngeren Ehefrau in Moskau geboren. Die
Mutter selbst war eine sehr gebildete Frau. Der Vater verfügte über
einen bedeutenden Landbesitz im Witebsker Gebiet und nach seinem Ausscheiden
aus der Armee im Jahre 1858 zog sich die Familie dorthin zurück.
Sophia und ihre wenige Jahre ältere Schwester wurden standesgemäß
von eigens angestellten Erzieherinnen unterrichtet. Die Geschwister zeigten
reges Interessen an geistiger Betätigung, wobei sich Sonja (auch
unter dem Einfluss eines Onkels) stärker mathematischen Problemen
hingezogen fühlte. Als 14-Jährige fand sie in der häuslichen
Bibliothek das Buch "Elemente der Physik", verfasst von Professor
TYRTOW, einem Nachbarn der Familie. Sophia erarbeitete sich dieses Buch
(u.a. die ihr bis dahin völlig unbekannte Sinusfunktion) selbstständig.
Später sprach sie mit TYRTOW darüber und dieser drängte
Sophias Vater (gegen dessen Grundeinstellung), das Mädchen ab 1868
in Petersburg in höherer Mathematik unterrichten zu lassen.
Da ein Studium im damaligen Russland für Frauen nicht möglich
war, trachteten viele von ihnen danach, ins Ausland zu gelangen. Wohl
vor allem aus diesem Grunde heiratete Sophia im September 1868 den Studenten
der Geologie WLADIMIR KOWALEWSKY (einen später bekannten Paläontologen).
Im April 1869 ging das Ehepaar zum Studium nach Heidelberg, wo Sophia
die Erlaubnis zum Besuch mathematischer Vorlesungen erhielt.
Nach zwei Semestern wechselte SOPHIA KOWALEWSKAJA nach Berlin, um bei dem seinerzeit bekanntesten deutschen Mathematiker KARL WEIERSTRASS (1815 bis 1897) insbesondere die Theorie der Differenzialgleichungen studieren zu können. Allerdings blieben ihr im damaligen Preußen als Frau die Türen der Hörsäle verschlossen, sodass sie lediglich Privatkonsultationen wahrnehmen konnte. WEIERSTRASS unterrichtete die junge Frau vier Jahre lang zweimal wöchentlich und unterstützte deren Antrag auf Zulassung zur Promotion an der Göttinger Universität. Dafür legte SOPHIA KOWALEWSKAJA vorsichtshalber drei wissenschaftliche Abhandlungen vor, die nach Meinung WEIERSTRASS' jede für sich allein für eine Dissertation ausgereicht hätten. Auf Antrag hin erließ man ihr die mündliche Prüfung, sodass SOPHIA KOWALEWSKAJA im Alter von 24 Jahren (in Abwesenheit) mit "summa cum laude" in Göttingen promovierte.
Nach der Promotion kehrte SOPHIA KOWALEWSKAJA mit ihrem Mann nach Petersburg
zurück, wo 1878 die gemeinsame Tochter Sophia (Fufa) geboren wird.
In jener Zeit arbeitete SOPHIA KOWALEWSKAJA mathematisch kaum, und erst
1880 nahm sie wieder Kontakt zu WEIERSTRASS auf, um ein Jahr später
(nach Zerrüttung der Ehe) nach Berlin zurückzukehren. Sie bemühte
sich innerhalb Europas um eine Anstellung als Mathematikerin, was für
sie als verheiratete Frau allerdings sehr schwierig war. Erst nachdem
sich ihr Mann im Jahre 1883 das Leben nahm und sie somit den Status einer
Witwe erlangt hatte, bot man ihr durch die Vermittlung des schwedischen
Mathematikers und WEIERSTRASS-Schülers GÖSTA MITTAG-LEFFLER
(1846 bis 1927, Bild 2) eine Stelle als Privatdozentin in der neu gegründeten
Stockholmer Universität an. Hier hält SOPHIA KOWALEWSKAJA im
Wintersemester 1883/84 ihre erste Vorlesung, um schließlich 1884
(zunächst befristet auf fünf Jahre) als Professorin für
höhere Analysis
ernannt zu werden. Zugleich ist sie als Mitherausgeberin und Redakteurin
der Fachzeitschrift "Acta Mathematica" tätig.
SOPHIA KOWALEWSKAJA unterhält Kontakte zu bedeutenden Mathematikern
jener Zeit, die sie auch durch Reisen in europäische Städte
wie Paris, Petersburg, Berlin u.a. pflegt. Ende 1888 verleiht ihr die
Pariser Akademie der Wissenschaften den renommierten Bordin-Preis für
die Arbeit "Über die Bewegung eines starren Körpers um
einen festen Punkt unter Einfluss der Schwerkraft".
Zu dieser Zeit bemüht sich SOPHIA KOWALEWSKAJA um eine Anstellung
in Frankreich oder Russland. Zwar wird sie korrespondierendes Mitglied
der Petersburger Akademie, eine Stelle erhält sie jedoch nicht. Wiederum
durch Fürsprache von GÖSTA MITTAG-LEFFLER wird ihr dann im Juni
1889 in Stockholm eine Professur auf Lebenszeit übertragen. Von dieser
hat SOPHIA KOWALEWSKAJA allerdings wenig, da sie schon am 10. Februar
1891 an den Folgen einer Tuberkulose verstirbt.
Erwähnt werden soll noch, dass SOPHIA KOWALEWSKAJA auch schriftstellerisch
tätig war. Ihre Kindheitserinnerungen erschienen 1889 zuerst in schwedischer,
später auch in russischer Sprache. Zudem setzte sie sich zeit ihres
Lebens engagiert für eine höhere Bildung der Frauen und deren
wissenschaftliche Karriere ein.