Mathematik Abitur
Tangentenproblem
Anstieg einer Sekante Sekanten

In der historischen Entwicklung der Differenzialrechnung spielte das so genannte Tangentenproblem eine große Rolle. Was hat es damit auf sich?
Der Begriff "Tangente" ist aus der Kreislehre bekannt. Geometrisch wird als Tangente an einen Kreis diejenige Gerade bezeichnet, die mit dem Kreis genau einen Punkt gemeinsam hat. Diese Erklärung könnte auch noch auf die Ellipse sinngemäß übertragen werden, aber wäre zum Beispiel schon nicht mehr für die Parabel im Punkt (0; 0) ausreichend. Dort sind im oben genannten Sinn zwei Geraden möglich (Bild 1), die x- und die y-Achse.

Noch komplizierter wird der Sachverhalt für irgendeinen beliebigen Funktionsgraphen. Existiert dort in einem vorgegebenen Punkt die Tangente an den Graphen? Wie kann man ihre Steigung bzw. ihre Gleichung ermitteln?

Zu einer Lösung des Tangentenproblems führt folgende Überlegung: An den in Bild 2 dargestellten Graphen der Funktion f soll im Punkt die Tangente gelegt werden.
Bekannt ist: Eine Gerade wird durch zwei Punkte oder durch einen Punkt und den Anstieg der Geraden bestimmt. Von der Tangente ist aber bislang nur der Punkt bekannt. Deshalb wählen wir einen beliebigen zweiten Punkt P auf dem Graphen der Funktion. Damit ist die Sekante festgelegt.

Bewegt sich der Punkt P auf dem Graphen gegen den festen Punkt , so führt die Sekante eine Drehung um aus. Je näher dabei P dem Punkt kommt, desto mehr nähert sich die Sekante einer Grenzlage, in der sie zur Tangente des Graphen von f in wird (s. interaktives Beispiel).
Den Anstieg der Tangente in bezeichnet man auch als Anstieg der Funktion in . Diese Erklärung der Tangente erfasst selbst Sonderfälle, wie sie bisher nicht vorstellbar waren - zum Beispiel den Fall, dass die Tangente den Graphen der Funktion durchsetzt (Bild 3).

Auf Grundlage dieser Erklärung des Tangentenbegriffs kann das Tangentenproblem rechnerisch gefasst werden. Dazu betrachten wir eine auf dem Intervall I definierte Funktion f und eine Stelle im Inneren des Intervalls. Ist x eine weitere beliebige Stelle in I mit , d.h., , so lässt sich die Gleichung der Sekante durch und P (Bild 4) z.B. mittels der Koordinaten von und dem Anstieg (der Steigung) m der Geraden bestimmen. Dabei gilt für den Anstieg m der Sekante:




Führt man nun einen "Grenzübergang" durch, indem h immer kleiner wird (man sagt auch: h durchläuft die Glieder einer Nullfolge), so ist zu erkennen, dass sich auch der Anstieg der Sekante ändert, dass m also eine Funktion von h ist, die in einer Umgebung von 0 definiert ist.
Diese Differenzenquotientenfunktion bezeichnen wir mit :

Falls bzw. zur Funktion f existiert, so bezeichnet man diesen Grenzwert als Ableitung der Funktion f an der Stelle und schreibt dafür . Die Ableitung gibt den Anstieg (die lokale Steigung) der Tangente an den Graphen der Funktion im Punkt an. Man schreibt dafür:

bzw.

Mit Hilfe des gewonnenen Ansteigsbegriffs kann man den bisher benutzten geometrischen Begriff einer Tangente (nachdem eine Tangente eine Gerade ist, die eine geometrische Figur in genau einem Punkte berührt) zu einem analytischen Tangentenbegriff erweitern. Danach versteht man unter der Tangente an einen Funktionsgraphen in einem Punkte eine Gerade, die durch verläuft und den Anstieg hat.

Allerdings können in der analytischen Fassung des Tangentenbegriffes jetzt auch Fälle auftreten, wo die Tangente den Funktionsgraphen in mehreren Punkten berührt. Sie kann den Graphen sogar schneiden oder aber auch gar nicht existieren. Im Unterschied zum geometrischen Tangentenbegriff gibt es beim analytischen Tangentenbegriff keine senkrechten Tangenten, da an solchen Stellen der Grenzwert der Differenzenquotientenfunktion nicht als endlicher Grenzwert existiert. Die nachfolgenden Bilder zeigen sechs typische Fälle.




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