

Aussehen
und Vorkommen
Zur Zeit sind weltweit ca. 2 000 Cyanobakterien bekannt. Die einzelnen Zellen
weisen eine 5- bis 10-mal höhere Größe auf als normale Bakterienzellen.
Die Zellform ist kugelig bis stäbchen- und fadenförmig. Die Einzelzellen
sind bei den meisten Arten zu größeren, oft von voluminösen
Gallerten umgebenen Kolonien zusammengeschlossen. Vor allem in größeren
Zellverbänden zeigen einzelne Zellen spezielle Differenzierungen:
Überdauerungszellen (Akineten) besitzen eine stark verdickte Zellwand
und dienen so dem Schutz vor Trockenheit und Hitze. Grenzzellen (Heterocysten)
enthalten Nitrogenase zur Fixierung des Luftstickstoffs.
Die Färbung der Zellen reicht von blau-grün, grasgrün bis zu rot oder dunkelbraun – je nach Pigmentgehalt im Cytoplasma. Die typisch blau-grüne Färbung, der sie auch ihren Namen verdanken, stammt vom Phycocyanin (bläuliche Farbpigmente), die rötliche Färbung wird durch Phycoerythrin (rötliche Farbpigmente) hervorgerufen (Die Rosa-Färbung der Afrikanischen Flamingos stammt von gefressenen rötlichen Algen der Gattung Spirulina, die sie mit ihrer Nahrung aufnehmen.) Phycocyanin und Phycoerythrin gehören zu den Phycobilinen. Sie sind Farbstoffe, die auch eine wichtige Rolle bei der Fotosynthese spielen. Höhere Pflanzen und Grünalgen enthalten beispielsweise Chlorophyll, Rotalgen und Cyanobakterien enthalten neben dem Chlorophyll auch Phycobiline. Phycobiline ermöglichen die Nutzung eines großen Lichtspektrums. Auf diese Weise können Cyanobakterien auch Schwachlichtbereiche erfolgreich besiedeln.
Cyanobakterien sind weltweit in Süß-, Brack- und Salzwasser sowie überall im Boden verbreitet (selten in saurem Milieu). Mit bloßem Auge sichtbar sind Ansammlungen von Cyanobakterien z. B. als schwarzblaue Beläge auf feuchtem Gestein oder meterlange Büschel rot, blau oder grün gefärbter Wasserblüten. Auf dem Land besiedeln sie bevorzugt Oberflächen von Felsen oder wachsen in Kalk- und Kreidefelsen hinein. Wegen ihrer hohen Resistenz gegen Hitze, Kälte und Salz findet man sie in heißen Quellen (bis ca. 75 °C), in Salzseen und sogar unter dem Eis der Antarktis.
Erdgeschichtliche Bedeutung
Cyanobakterien kann man aufgrund ihrer genetischen Ausstattung den gramnegativen
Eubakterien zuordnen. Sie
waren als erste Lebewesen der Erdgeschichte in der Lage, Fotosynthese
mit Wassermolekülen als Wasserstoffdonatoren zu betreiben. Damit
waren sie für die allmähliche Anreicherung von Sauerstoff in
der Erdatmosphäre verantwortlich.
Die ersten Prokaryoten (Organismen ohne Zellkern) auf der Früherde
vor knapp 4 Milliarden Jahren waren heterotroph. Das bedeutet, sie nutzten
die aus anorganischen Stoffen entstandenen organischen Verbindungen, um
ATP (Energie) zu gewinnen. Als der Vorrat an organischen Molekülen
zunehmend knapp wurde, hatten diejenigen Prokaryoten einen Selektionsvorteil,
welche Licht zur Energiegewinnung und zur Reduktion von Kohlenstoffdioxid
nutzen konnten. Vermutlich waren auf der Früherde eine Zeitlang sehr
viele Prokaryoten zur Fotosynthese fähig. Die Mehrzahl davon hat
diese Fähigkeit im Laufe der Entwicklung wieder verloren.
Generell sind viele Cyanobakterien sehr symbiosefreudig mit höher
entwickelten Eukaryoten (Organismen mit Zellkern). Cyanobakterien-Symbiosen sind beispielsweise
bekannt mit einigen marinen Schwämmen, mit einigen Algen, Flechten
und auch mit Landpflanzen. Nach der Endosymbiontentheorie der Entstehung
der Eukarya sind die Chloroplasten
der Eukaryoten aus Cyanobakterien hervorgegangen. Laut dieser Vorstellung
hat sich ein größerer Eukaryot symbiontisch einige Cyanobakterien
einverleibt, aus denen später die Chloroplasten hervorgingen (Cyanobakterien
sind in der Lage, in Zellen anderer Lebewesen einzudringen.).
Das erdgeschichtliche Alter der Cyanobakterien ist hoch. Man kann heute
nachweisen, dass die Anhäufung von Sauerstoff in der Atmosphäre
vor mindestens 2,7 Milliarden Jahren begann und vor 2,2 Milliarden Jahren einen
Wert erreichte, der den heutigen bereits erheblich überstieg. Schon
zu dieser Zeit müssen Blaugrüne Bakterien deshalb einen beträchtlichen
Anteil der vorhandenen prokaryotischen Lebewesen ausgemacht haben.
Älteste, den Cyanobakterien ähnelnde Fossilien, hat man in Stromatolithen
gefunden, deren Alter auf 3,5 Milliarden Jahre bestimmt werden konnte.
Solche Stromatolithen kommen heute noch an wenigen Stellen der Erde vor,
z. B. in der Shark Bay in Westaustralien. Ähnlich geschichtete
Cyanobakterien findet man jedoch relativ häufig in Lagunen und Salzmarschen,
wo sich Bakterienmatten bilden. Die Schichtung entsteht durch regelmäßige
Sedimentablagerung und Verklebung der Schleimhüllen der Kleinstlebewesen.
Die Bakterien wandern aus der jeweils gebildeten Sedimentschicht heraus
und bilden darüber eine neue Matte.
Morphologie
Im einfachsten Fall bestehen Cyanobakterien aus einzelnen Zellen, die
teilweise eine schleimige Hülle haben. Außerdem kommen Zellreihen
vor, die auch Trichome genannt werden. Wenn sie von einer Scheide eingehüllt
sind, spricht man von einem Filament. Manchmal sitzen in den Filamenten
mehr als eine Zellreihe. Sehr kompliziert gebaut sind Thallustypen, bei denen
verzweigte Filamente auftreten. Dabei kann es zu einer deutlichen Differenzierung
in verschiedene Zelltypen kommen. Der Hauptbestandteil der Zellwand
der Cyanobakterienzellen ist, wie bei den übrigen Eubacteria, das Peptidoglycan
(= Murein). Dieses Riesenmolekül besteht aus Polysaccharidketten,
die durch kurze Peptide aus 4 Aminosäuren zusammengehalten werden.
Diese Ketten bestehen u. a. aus Diaminopimelinsäure, einer Aminosäure,
die bei Eukaryoten nicht gefunden wird.
Auch die zentral im Protoplast eingelagerten DNA-Stränge entsprechen den Verhältnissen bei anderen Eubakterien (Echte Bakterien). Das Protoplasma enthält Gasvesikel, Glykogengranula, Polyphosphatkörner und Carboxysomen, die – wie bei den übrigen Bakterien – das Enzym Ribulose -1,5 bisphosphatcarboxylase/Oxygenase enthalten. Im äußeren Teil des Protoplasmas liegen Thylakoidmembranen mit den Phycobilisomen, die die für die Fotosynthese wichtigen akzessorischen Phycobilinpigmente enthalten. Die Thylakoidmembranen sind Einstülpungen der Plasmamembran, die die Zelle umgibt. Bei einigen Cyanophyceen kommen die Fotosynthesepigmente nicht nur in diesen Thylakoidmembranen, sondern auch oder nur in der äußeren Cytoplasmamembran vor (z. B. bei Gloeobacter violascens). Die wichtigsten Fotosynthesepigmente sind die Chlorophylle a und b. Neben den Phycobilinen kommen als akzessorische Pigmente noch Carotinoide vor, die von den Carotinoiden der Eukaryoten verschieden sind.
Heterocysten
Heterocysten nennt man etwas
größere Zellen im Zellverband von Cyanobakterien. Sie entstehen
aus normalen vegetativen Zellen, in denen sich die Speichergranula und
die Fotosynthesethylacoide auflösen und stattdessen neue Membranstrukturen
entwickeln. Außerhalb der Zellwand wird eine mehrschichtige Hülle
angelagert. Die Heterocysten dienen der Bindung von Luftstickstoff. Sie
enthalten das molybdänhaltige Enzym Nitrogenase. Normalerweise wird
die Bildung von Heterocysten angeregt, wenn der Gehalt an organisch gebundenem
Stickstoff in den Zellen der Blaugrünen Bakterien geringer wird.
Heterocysten stehen mit anderen vegetativen Zellen über Plasmabrücken
(Mikroplasmodesmata) in Verbindung. Sie werden dann von diesen Zellen
versorgt.
Akineten
Eine zweite, von den normalen vegetativen Zellen abweichende Zellform
bei Cyanobakterien sind die Akineten.
Es handelt sich um Dauersporen, die ungünstige Umweltbedingungen
gut überleben. Akineten bilden sich aus normalen Zellen, wobei sie
an Größe zunehmen. Die Gasvakuolen verschwinden und die Dichte
des Cytoplasmas nimmt zu. Ebenso die Zahlen der Ribosomen und der Cyanophycingranula.
Akineten sind in der Regel voll mit Speichernährstoffen und sie sind
von einer dicken, dreischichtigen Hülle außerhalb der Zellwand
umgeben.
Spezielle Leistungen und ihre ökologischen
Auswirkungen
Fotosynthese/Kohlenstoffassimilation: Die Fotosynthese
der Cyanobakterien entspricht der Fotosynthese der eukaryotischen Algen
und der Höheren Pflanzen. Zwei Fotosysteme sind hintereinandergeschaltet,
Wasser dient als Wasserstofflieferant. In der fotosynthetischen Redoxkette
wird ATP gebildet. Heute spielen Cyanobakterien vor allem als wichtiger Bestandteil
des marinen Phytoplanktons (Picophytoplankton) beim globalen Stoffkreislauf
eine wichtige Rolle.
Stickstoffassimilation: Es gibt drei
Wege der Zelldifferenzierung
zur Assimilation von Luftstickstoff (
):
|
a) |
mit Heterocysten, |
|
b) |
ohne Heterocysten und |
|
c) |
eine Tag-Nacht-Differenzierung (tags Fotosynthese, nachts Stickstoffassimilation). |
Für die Stickstoffeinfuhr in Reisfelder ist vor allem das Blaugrüne Bakterium Aulosira fertilissima verantwortlich. Synechococcus und Synechocystis sind wichtig für den Stickstoffeintrag in die Weltmeere.
Hitzeresistenz: Zahlreiche Cyanobakterien haben besonders hitzestabile Enzymausstattungen. Sie können in heißen Quellen bis 75 °C überleben, während eukaryotische Algen eine Maximaltemperatur von 60 °C erreichen können.
Salzresistenz: Cyanobakterien leben
in hypersalinen (sehr salzhaltigen) Gewässern. Dies ist osmotisch
möglich durch eine Bildung hoher Mengen an Glycin, Beatin und Beatin-Glutamat
im Cytoplasma, um ein Schrumpfen der Zellen zu verhindern.
Trockenresistenz: Viele Cyanobakterien sind extrem austrocknungsresistent (Anhydrobionten). Sie bilden ein besonderes Wasserstressprotein und den Zucker Trehalose. Nostoc commune hat trocken nur etwa 0,5 % ihres Nassgewichts.
Symbiosefähigkeit: Cyanobakterien können mit einer Vielzahl anderer Lebewesen symbiotische Beziehungen eingehen. Besonders bekannt und auffällig sind die Flechtensymbiosen von Cyanobakterien, oft in einer Dreiersymbiose, in der auch noch eukaryotische Algen eingebunden sind. Mehrere Pflanzen gehen Symbiosen mit Luftstickstoff assimilierenden Cyanobakterien ein, z. B. die Moosgattung Blasia, die Hornmoosgattung Anthoceros, der Schwimmfarn Anabaena, die Palmblatt-Nacktsamer (Dion, Cycas und andere) und die Bedecktsamer der Gattung Gunnera (ugs. Mammutblatt). Als intrazelluläre Symbionten werden Cyanobakterien auch Cyanellen genannt.
Gleiten und Schwimmen: Viele Cyanobakterien können durch Bildung von Gasblasen und Gasresorption in Gewässern auf- und absteigen. Andere führen – wie Oscillatoria die "Schwingfadenalge" – schwingende Bewegungen ihrer Trichome aus. Wieder andere können oft sogar fototaktisch durch Schleimabgabe vorwärts kriechen.
Fototropismus: Koloniebildende Cyanobakterien können gezielt auf das Licht zuwachsen. Besonders auffällig ist dies bei Stromatolithen.
Cyanobakterien sind typische Besiedler extremer und extremster Lebensräume
(Extremophile). Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass
ihrem Stoffwechsel viele Feedback-Mechanismen fehlen, die bei Eukaryoten
vorhanden sind. Dadurch sind sie unter Normalbedingungen konkurrenzschwach.