
Chromosomenkarten
Das Zurechtfinden in diesem sehr unübersichtlichen "Buch"
des menschlichen Genoms wird jedoch durch sogenannte Chromosomenkarten (Karyogramme) erleichtert. Man
erhält diese Chromosomenkarte, indem Chromosomen aus stark vergrößerten
Mikrofotos herausgeschnitten und nach Form und Größe geordnet werden.
In dieser Chromosomenkarte werden die homologen Chromosomenpaare von 1
bis 22 durchnummeriert und zu sieben Gruppen mit den Kennbuchstaben A
bis G zusammengefasst. Diese 44 Chromosomen sind Körperchromosomen
(Autosomen). Das 23. Chromosomenpaar
sind Geschlechtschromosomen
(Gonosomen; XX = weiblich, XY
= männlich).
Man unterscheidet zwei verschiedene Arten dieser Orientierungshilfen, die genetischen und die physikalischen Karten des menschlichen Genoms. Ein Chromosom wird identifiziert, indem es durch verschiedenste Techniken in kleine DNA-Abschnitte zerlegt wird.
Die genetischen Karten
Die genetische Karte liefert
dann die Informationen über den relativen Ort von kurzen DNA-Abschnitten
und anderen Erkennungszeichen auf der Grundlage, wie häufig sie gemeinsam
vererbt werden. Kurze DNA-Abschnitte können zwischen verschiedenen
Menschen kleine Unterschiede aufweisen und sind mehr oder weniger gleichmäßig
über die Chromosomen verteilt. Die beiden Chromosomen eines Chromosomenpaars
werden meist nicht als Ganzes auf die nächste Generation vererbt,
sondern tauschen mit ihrem Schwesterchromosom Stücke aus. Je näher
zwei Orte auf einem Chromosom beieinanderliegen, umso wahrscheinlicher
ist es, dass diese während der Zellteilung gemeinsam vererbt werden
und nicht einem Austausch mit einem Schwesterchromosom unterliegen.
Für das Beispiel vom "Buch" des menschlichen Genoms würde das bedeuteten: Beim Zerreißen einer Seite ist es wahrscheinlicher, dass zwei Worte, die weit voneinander entfernt stehen, getrennt werden, als zwei Worte, die benachbart sind. Die statistische Häufigkeit, mit der zwei DNA-Abschnitte gemeinsam vererbt werden, dient demnach als Maß für deren relative Entfernung zueinander. Mithilfe der Statistik ist es also häufig möglich, den Abstand von bestimmten Genen zu bekannten DNA-Abschnitten zu bestimmen.
Die physikalischen Karten
Die physikalische Karte kennzeichnet eine echte räumliche, also "physikalische"
Distanz im Gegensatz zu den oben erwähnten statistischen Distanzen.
Sie lokalisiert Gene in Bezug zu bekannten Nukleotidsequenzen, welche
als Erkennungszeichen auf dem Chromosom fungieren. Ein solches Erkennungszeichen
kann z. B. eine Nukleotidsequenz sein, die nur ein einziges Mal im Genom
existiert.
Ähnliche Studien werden auch an der Labormaus (Mus musculus), dem
Fadenwurm (Caenorhabditis elegans), der Fruchtfliege (Drosophila melanogaster),
der Hefe (Saccharomyces cerevisiae) und dem Bakterium Escherichia coli durchgeführt. Deren Gene sind uns z. T. ähnlicher, als es das so unterschiedliche Aussehen zunächst vermuten ließe.