GEORGES DE CUVIER wurde 1769 zu einer Zeit geboren, in der kaum ein Naturforscher an der Unveränderlichkeit der Arten zweifelte. In Frankreich war es einzig der Naturforscher BUFFON, der vorsichtig den Entwicklungsgedanken ins Spiel brachte. Es sollten noch 90 Jahre vergehen, bis DARWIN seine Abstammungslehre verbreiten würde.
Interessen, Ausbildung und wissenschaftlicher
Werdegang
CUVIER interessierte sich schon früh für die Naturwissenschaften.
Nach Abschluss seiner Ausbildung in der Hohen Karlsschule in Stuttgart
von 1784 bis 1788 war er Hauslehrer eines Grafen in der Normandie. Schnell
eignete sich CUVIER umfassende Kenntnisse der dort beheimateten Tiere
und Pflanzen an. An wirbellosen Meerestieren führte er anatomische
Untersuchungen durch.
Der Naturforscher É. GEOFFROY DE SAINT HILAIRE (1772 – 1844)
rief CUVIER 1795 an die École central nach Paris. CUVIER hielt
zoologische Vorlesungen, wurde Mitglied der Akademie der Wissenschaften
und gab 1798 das Buch "Elementarer Entwurf der Naturgeschichte der
Tiere", ein illustriertes Zoologielehrbuch, heraus.
Vier Jahre später (1802) erhielt er eine Professur für Vergleichende
Anatomie, die er dank neuer Untersuchungsmethoden zu einer modernen Disziplin
ausgestaltete. In diesen Jahren stellte CUVIER das "Gesetz von der
Korrelation der Organe" auf. Dabei bezog er sich auf mumifizierte Katzen
und Iltisse aus Ägypten, die er untersucht hatte. Deren starke Ähnlichkeit
mit lebenden Exemplaren war CUVIER Beweis genug, dass Arten keinen Änderungen
unterworfen sind.
In seine vergleichenden anatomischen Studien bezog CUVIER auch zunehmend die fossilen Reste ausgestorbener Tiere ein, die er in den Steinbrüche des Montmartre in Paris fand und die er mit rezenten (in der Gegenwart vorkommenden) Tieren verglich. So konnte er fossile Knochen als Reste einer ausgestorbenen Elefantenart bestimmen. Dieses Ergebnis verarbeitete er in dem Buch "Untersuchungen über die fossilen Knochen der Vierfüßer" (1812). Aufgrund dieser Arbeit gilt CUVIER als Begründer der Wirbeltierpaläontologie, der Lehre von den ausgestorbenen Wirbeltieren.
Werke, Adelstitel und Gründer
neuer Universitäten
Inzwischen hatte sich CUVIER mit grenzenlosem Fleiß ein enormes
Wissen angeeignet. Er ging dazu über, systematische Arbeiten zu verfassen
und sah das Tierreich in vier Hauptgruppen gegliedert, die untereinander
nicht in Verbindung stehen. Jeder Hauptgruppe war ein Grundbauplan zugeordnet,
der bei den Vertretern dieser Gruppe mehr oder weniger modifiziert vorhanden
sein sollte. Diese Typenlehre liegt dem fünfbändigen Werk "Das
Tierreich, geordnet nach seiner Organisation" (1817) zugrunde. Durch
Napoleon erhielt CUVIER den Auftrag, neue Universitäten zu gründen.
Wegen seiner vielfältigen Verdienste um die Wissenschaft wurde er
zum Baron geadelt.
Im Jahr 1830 war CUVIER in einen Akademiestreit verwickelt, in dem er
mit seiner Autorität und einer bestechenden Redekunst seine Gliederung
des Tierreiches verteidigte. Dabei wurden auch Fragen der Abstammungslehre
gestreift, wobei CUVIER seine Gegner mundtot machte und die Katastrophentheorie
für gültig erklärte, die im Grunde schon durch neuere Forschungen
in Frage gestellt war. CUVIER vertrat die feste Ansicht, dass Arten unveränderlich
seien (Dogma der Konstanz
der Arten). Er nahm an, dass Tiere früherer Zeiten durch gewaltige
Naturkatastrophen ausgestorben sind (Katastrophentheorie, die mit der
christlichen Vorstellung der Sintflut
übereinstimmte).
CUVIER starb 1832 in Paris. Es ist eine Ironie der Evolutionsforschung, dass ausgerechnet seine Arbeitsergebnisse zur Stützung des Abstammungsgedankens herangezogen wurden. Mit seinen Arbeiten auf den Feldern der Vergleichenden Anatomie, der Paläontologie, der zoologischen Klassifikation und der Wissenschaftsorganisation hat sich CUVIER zu Recht einen guten Namen in der Biologie und den Naturwissenschaften überhaupt erworben.