



Zur Klärung dieser Widersprüche entwickelte der dänische
Physiker NIELS BOHR (Bild 1)
ein neues, leistungsfähigeres Atommodell. Dabei nutzte er die ersten
Erkenntnisse der modernen Quantenmechanik und formulierte sogenannte
Postulate, in denen er annahm, dass die Gesetze der klassischen Physik
im atomarem Bereich nicht gelten und durch andere Gesetze ersetzt werden
müssen.
Die Grundidee war zunächst ein dynamisches Gleichgewicht zwischen
der COULOMB-Kraft und der Zentrifugalkraft. Wenn die Elektronen auf stabilen
Bahnen um den Kern kreisen, muss die Zentrifugalkraft genau gleich der
Anziehungskraft des Elektrons durch die positive Kernladung sein. Aus
der Gleichsetzung der Kräfte und der Berücksichtigung des Bahndrehimpulses
der Elektronen (Bild 2) konnte BOHR den Radius der Elektronenbahnen im
Wasserstoffatom berechnen.

Für den Wert n = 1 ergibt sich daraus der Radius des Wasserstoffatoms im Grundzustand, der sogenannte bohrsche Atomradius, der sehr gut mit den experimentell für das Wasserstoffatom ermittelten Werten übereinstimmte.

Im Jahr 1913 verknüpfte BOHR das rutherfordsche Atommodell mit der planckschen Hypothese der Energiequanten und der einsteinschen Lichtquantenvorstellung und formulierte seine berühmten Postulate, die die Grundlagen des nach ihm benannten Schalenmodells (Bild 3) darstellen.
1. Postulat
Von allen theoretisch möglichen Elektronenbahnen werden einige diskrete
Kreisbahnen (Schalen) als erlaubt angesehen, auf denen sich das Elektron
bewegen kann, ohne zu strahlen.
2. Postulat
Wenn ein Elektron von einer Bahn zu einer anderen wechselt, wird Energie
in Form von Lichtquanten (Photonen) abgegeben (Emission) oder aufgenommen
(Absorption).
3. Postulat
Die erlaubten Bahnen entsprechen jeweils einem bestimmten Energieniveau
des Elektrons. Wechselt ein Elektron die Bahn, so entspricht die abgegebene
bzw. aufgenommene Energie der Energiedifferenz der Bahnen.

4. Postulat
Nur solche Bahnen sind im Atom stabil bei denen der Bahndrehimpuls
des Elektrons ein ganzzahliges Vielfaches von
ist.

Mit dem letzten Postulat führte BOHR die Zahl n zur Charakterisierung
der Elektronenschalen K (n = 1), L (n = 2), M (n = 3), N (n = 4) usw.
ein. Diese wurde später als Hauptquantenzahl bezeichnet und bestimmt
hauptsächlich die Lage der Energieniveaus der Elektronen.
ARNOLD SOMMERFELD führte deshalb zur Interpretation eine weitere Bestimmungsgröße, die Nebenquantenzahl l ein. Er erklärte die bei Feinstruktur der Linienspektren durch das Auftreten von Ellipsenbahnen, wie sie in der Astronomie zu beobachten sind. Auf diesen Bahnen können Elektronen ebenfalls um den Atomkern "kreisen" (Bild 4). Die Ellipse ist durch ihre beiden Halbachsen definiert, so dass zwei Quantenzahlen, nämlich die Hauptquantenzahl n und die Nebenquantenzahl l zur Charakterisierung zur Verfügung standen. Daraus ergaben sich zu jedem Hauptenergieniveau mit n > 1 mehrere Unterniveaus bzw. Unterschalen (s-, p-, d-, f-Niveaus).
Jedes Hauptenergieniveau kann von maximal
Elektronen besetzt werden, jedes Unterniveau von
Elektronen. Diese Elektronenbesetzung der Schalen stimmt hervorragend
mit dem Aufbau des Periodensystems der Elemente überein. Voll besetzte
Schalen mit 2 (n = 1), 8 (n = 2) bzw. 18 (n = 3) Elektronen stellen stabile
Elektronenkonfigurationen
dar. Auf der Grundlage des Atommodells nach BOHR und SOMMERFELD können
die Elektronenkonfigurationen aller Atome und Ionen unter Berücksichtigung
der Unterniveaus formuliert werden. Dabei zeigt sich, dass alle Elemente
in einer Hauptgruppe über die gleiche Valenzelektronenkonfiguration
verfügen, woraus sich die weitgehend ähnlichen chemischen Eigenschaften
ergeben.
Die Elemente in einer Periode haben dagegen die höchste besetzte
Schale gemeinsam.
Die Vorstellungen von N. BOHR und A. SOMMERFELD wurden noch 1913 durch die Experimente von J. FRANCK und G. HERTZ bestätigt, die die Existenz der diskreten Energieniveaus in den Atomen bewiesen. Die Erkenntnisse von BOHR und SOMMERFELD konnten auch genutzt werden, um zu erklären warum Atome in Verbindungen danach streben, eine Achterschale (Oktettregel nach LEWIS) oder eine andere Valenzelektronenkonfiguration zu erreichen. Weiterführende Aussagen zur chemischen Bindung waren jedoch nicht möglich. Trotz seiner hohen Leistungsfähigkeit war das theoretische Gebäude dieses älteren quantenmechanischen Atommodells nicht konsistent, sondern war ein Spagat zwischen der klassischen Physik und der Quantentheorie, sodass die Theorie viele Kritiker hatte. Es wurde schon Ende der zwanziger Jahre durch das moderne quantenmechanische Atommodell abgelöst. Dieses Modell ist jedoch wesentlich komplizierter und weniger gut verständlich. Deshalb wird das sehr anschauliche Atommodell nach BOHR und SOMMERFELD auch heute noch für die Erklärung vieler Zusammenhänge genutzt:
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Aussagen, Leistungen
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Grenzen
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| Elektronen können sich nur auf bestimmten Bahnen (Schalen) aufhalten. Jeder dieser Bahnen entspricht ein diskretes Energieniveau. | Die Bewegung der negativen Elektronen um den positiven Kern widerspricht den Gesetzen der klassischen Physik. Die bohrschen Postulate müssen deshalb als willkürliche Annahmen gewertet werden. |
| Der Radius der Bahn des Wasserstoffelektrons (bohrscher Atomradius) kann berechnet werden. | Bei Mehrelektronensystemen stimmen berechnete Radien und experimentelle Werte nicht überein. |
Die Spektren von Wasserstoffatomen sind quantitativ
interpretierbar. Die Spektralserien des Wasserstoffes werden aus Naturkonstanten
h, e und
berechnet. |
Spektren von Mehrelektronensystemen können erst durch die Verfeinerung nach SOMMERFELD qualitativ interpretiert werden. |
| Die Elektronenkonfigurationen aller Atome und Elektronen können aufgestellt und verglichen werden. | Es sind nur sehr begrenzte Aussagen zur chemischen Bindung möglich. |
| Änderungen des Baus der Elektronenhülle können mit periodischen Änderungen der Eigenschaften von Elementen in Beziehung gesetzt werden. Dabei ergibt sich ein direkter Zusammenhang zwischen dem Atombau und dem Periodensystem der Elemente. | Ab der 3. Periode des PSE entspricht die Anzahl der
Elemente in einer Periode nicht mehr der maximalen Elektronenbesetzung
der Schalen nach der Formel . |
| Mit der Verbindung rutherfordscher Vorstellungen und erster quantenmechanischer Ideen (Planck, Einstein) wurde eine Brücke zwischen den Gesetzen der klassischen Physik und der Quantenphysik geschlagen. | Die Existenz diskreter Bahnen der Elektronen im Atom widerspricht den Erkenntnissen der Quantenphysik. |