










Gruppeneigenschaften
Die Elemente der 6. Hauptgruppe werden auch als Chalkogene
(Erzbildner) bezeichnet. Zu ihnen gehören Sauerstoff (O), Schwefel
(S), Selen (Se), Tellur (Te) und Polonium (Po). Die Chalkogene besitzen
sechs Außenelektronen, sie müssen also zwei Elektronen aufnehmen
bzw. zwei Atombindungen ausbilden, um Edelgaskonfiguration mit acht Außenelektronen
zu erreichen. Die Elemente Schwefel, Selen und Tellur können allerdings
bis zu sechs Atombindungen schließen, für sie gilt die Oktettregel
nicht streng.
Der Metallcharakter der Chalkogene nimmt innerhalb der Gruppe von oben
nach unten zu. Sauerstoff und Schwefel sind typische Nichtmetalle, Selen
und Tellur besitzen in einigen Modifikationen Halbleitereigenschaften
und zählen deshalb zu den Halbmetallen. Chemisch gesehen reagieren
sie aber vorwiegend wie Nichtmetalle. Polonium hingegen ist ein radioaktives
Metall. Die Schmelz- und Siedepunkte der Chalkogene nehmen mit steigender
Ordnungszahl zu. Sauerstoff ist gasförmig, die anderen Elemente sind
fest. Die Elektronegativitätswerte nehmen mit steigender Ordnungszahl
ab.
Eigenschaften der einzelnen Elemente
Sauerstoff
Sauerstoff ist ein farbloses und geruchsloses Gas, das aus zweiatomigen
Molekülen besteht. In den Molekülen sind die beiden Sauerstoffatome
durch zwei Atombindungen miteinander verbunden. Da die Doppelbindung relativ
stabil ist, erfolgen Reaktionen mit Sauerstoff (Oxidationen) meist erst
bei höheren Temperaturen.
Eine zweite Modifikation des Sauerstoffs ist das Ozon,
das aus gewinkelten
-Molekülen
besteht.
Ozon ist ebenfalls ein Gas, sein Schmelz- und Siedepunkt liegen aber höher
als der von
. Es
besitzt einen charakteristischen Geruch, den man z. B. gut in Copyshops
wahrnehmen kann.
Die Bildung von Ozon aus Sauerstoff ist endotherm. Es entsteht z. B. in
der oberen Atmosphäre aus Sauerstoffmolekülen, die durch UV-Strahlung
angeregt wurden, und bildet die schützende Ozonschicht. Diese ist
für uns wichtig, weil sie UV-Strahlung, die uns schaden würde,
von der Erdoberfläche fernhält.

In Bodennähe führen Autoabgase im Sommer zur Bildung von Ozon,
das wesentlichen Anteil am Sommersmog hat. Hier ist es nicht erwünscht,
weil es Augen und Schleimhäute reizt und die Atmungsorgane schädigt.
Schwefel
Schwefel ist ein gelber Feststoff
(Bild 3). Er besitzt die Tendenz, Ketten oder Ringe zu bilden. Die zahlreichen
Modifikationen des Schwefels basieren auf den verschiedenen Molekülgrößen
und deren
unterschiedlichen Anordnungen. Die bei Standardbedingungen stabile Modifikation
ist rhombischer Schwefel (
),
der aus
-Ringen
besteht und von der Seite betrachtet wie eine Krone aussieht (Kronenschwefel,
Cyclooctaschwefel).
Cyclooctaschwefel ist bei Raumtemperatur wenig reaktionsfähig. Bei
höheren Temperaturen reagiert er jedoch direkt mit vielen Metallen
und Nichtmetallen.
Selen, Tellur und Polonium
Von Selen (Bild 4) gibt es ebenfalls
verschiedene Modifikationen. Im roten Selen liegen
-Ringe vor. Wenn man es erhitzt, wandelt es sich bei ca. 100°C in
das sogenannte graue Selen, die stabilste Modifikation, um. Graues Selen
hat Halbleitereigenschaften. Es ist ein Fotohalbleiter,
d. h. seine Leitfähigkeit wird durch Licht verstärkt.
Tellur (Bild 5) kommt in zwei Modifikationen
vor, von denen nur eine stabil ist. Die stabile Modifikation ist silberweiß-metallisch,
sehr spröde und wie Selen ein Halbleiter. Die zweite Modifikation,
braunes pulvriges Tellur, wandelt sich schon bei Raumtemperatur in silberweißes
Tellur um.
Polonium ist radioaktives Metall und
kommt in mehreren Zerfallsreihen vor. Das am häufigsten vorkommende
natürliche Isotop
hat eine Halbwertzeit von 138,4 Tagen.
Verwendung der Elemente
Schwefel wird hauptsächlich zur
Herstellung von Schwefelsäure (>85%), außerdem zum Vulkanisieren
von Kautschuk, zur Herstellung von Zündhölzern, Feuerwerkskörpern
und Schießpulvern eingesetzt.
Graues Selen ist ein Halbleiter, dessen
Leitfähigkeit durch Licht verstärkt wird. Es findet z. B. Anwendung
in Belichtungsmessern in Fotoapparaten und Videokameras und in Fotokopierern.
Tellur wird als Legierungsbestandteil
verwendet.
Polonium wird in der Strahlenchemie
und -biologie als
und in Satelliten als Wärmequelle genutzt.
Vorkommen und Gewinnung
Sauerstoff kommt elementar in der Luft
vor (21 Vol.%). Außerdem ist Sauerstoff in vielen chemischen Verbindungen
wie in Silicaten, Carbonaten und Oxiden und im Wasser enthalten. Es ist
das häufigste Element in der Erdkruste.
Gewonnen wird reiner Sauerstoff aus der Luft seit 1905 nach dem LINDE-Verfahren
(Bild 6). Dieses Verfahren basiert auf der fraktionierten Destillation
von verflüssigter Luft. Bei der Gewinnung des Sauerstoffs werden
auch die in der Luft enthaltenen Edelgase isoliert.
Beim LINDE-Verfahren wird
die Luft auf 200 bar komprimiert und die dabei entstehende Wärme
durch Kühlen abgeführt. Über ein Drosselventil wird dann
die Luft entspannt, wobei sie sich infolge der dabei geleisteten Arbeit
abkühlt (JOULE-THOMSON-Effekt). Der Prozess wird wiederholt, bis
die Luft kondensiert, d. h. vom gasförmigen in den flüssigen
Zustand übergeht.
Schwefel kommt in der Natur elementar
in größeren Lagerstätten vor. Außerdem sind Sulfide
und Sulfate von Bedeutung für die technische Gewinnung von Schwefel.
Wichtige Mineralien sind z. B. Pyrit (
),
Zinkblende (ZnS), Bleiglanz (PbS), Zinnober (HgS) und Gips (
)
Ca. 20% der Weltproduktion des Schwefels werden nach dem FRASCH-Verfahren
aus den elementaren Vorkommen gewonnen (Bild 7). Dabei wird mit heißem
Wasserdampf der Schwefel unter Tage geschmolzen und mit Druckluft an die
Erdoberfläche gepresst. Der dabei geförderte Schwefel ist bereits
sehr rein (99,5 - 99,9%).
Die Hauptmenge des Schwefels wird heute nach dem CLAUS-Prozess
aus
-haltigen
Gasen (Erdgas, Raffineriegas) hergestellt. Dabei wird zuerst ein Teil
des Schwefelwasserstoffs zu Wasserdampf und Schwefeldioxid verbrannt:

Die Sauerstoffzufuhr muss so eingestellt werden, dass nur die Hälfte
des Schwefelwasserstoffs zu Schwefeldioxid umgesetzt wird, sodass in der
nachgeschalteten Reaktorzelle ein
-
Verhältnis von 2:1 vorliegt. Dabei entsteht dann elementarer Schwefel.

Selen und Tellur sind als Selenide und Telluride spurenweise in den sulfidischen Erzen vorhanden. Mineralien von Selen und Tellur sind sehr selten. Tellur kommt ganz selten sogar gediegen vor. Beim Rösten von sulfidischen Erzen entstehen auch Selendioxid und Tellurdioxid, aus denen die Elemente erhalten werden können. Außerdem werden sie aus dem Anodenschlamm gewonnen, der bei der elektrolytischen Kupferraffination entsteht.
Wichtige Verbindungen
Sauerstoffverbindungen
Die wichtigste Verbindung des Sauerstoffs ist das Wasser
. Es ist eine
der beständigsten Verbindungen der Erde. Selbst bei 2 000 °C
sind nur 2 % der Wassermoleküle in die Elemente gespalten. Das Wasservolumen
der Erde beträgt etwa
,
was einem Würfel von 1 100 km Kantenlänge entspricht.
Eine zweite Verbindung des Sauerstoffs mit Wasserstoff ist das Wasserstoffperoxid
.
Es ist eine farblose, in dicker Schicht bläulich erscheinende sirupartige
Flüssigkeit mit einem Siedepunkt von 150 °C. Handelsüblich
ist eine 30% ige Lösung ("Perhydrol"). Die O-O Bindung
im Wasserstoffperoxid ist schwach. Deshalb zersetzt es sich bei höheren
Temperaturen oder in Anwesenheit von Schwermetall-Ionen, eventuell auch
explosionsartig.

Verwendet wird Wasserstoffperoxid als Desinfektionsmittel und als Bleichmittel.
Schwefelverbindungen
Mit Wasserstoff bildet Schwefel Schwefelwasserstoff
, ein giftiges,
übel nach faulen Eiern riechendes Gas. Es entsteht u.a. neben Methan
bei Fäulnisprozessen. Die Salze des Schwefelwasserstoffs sind die
Sulfide (Anion
)
und die Hydrogensulfide (Anion
).
Schwefel bildet mit Sauerstoff verschiedene Oxide.
Die wichtigsten sind Schwefeldioxid (
)
und Schwefeltrioxid (
).
Schwefeldioxid
ist ein farbloses, stechend riechendes Gas mit einem Siedepunkt von -10
°C. Es löst sich in Wasser, wobei Schweflige Säure gebildet
wird. Viele Farbstoffe werden durch Schwefeldioxid entfärbt (Bild
10).
Schwefeldioxid wird technisch durch die Verbrennung von Schwefel hergestellt.
Außerdem entsteht es beim Rösten von sulfidischen Erzen an
der Luft:

Das Schwefeldioxid wird vorrangig zu Schwefelsäure verarbeitet.
Schwefeltrioxid
ist das Anhydrid der Schwefelsäure, das bei der katalytischen Oxidation
von
entsteht.
Leitet man Schwefeltrioxid in Wasser ein, so entsteht Schwefelsäure.

Schwefelsäure
Schwefelsäure (Bild
11) hat in der Industrie große Bedeutung. Sie dient hauptsächlich
zur Produktion von Düngemitteln, außerdem wird sie z. B. zur
Herstellung von Tensiden, Farbstoffen und Chemiefasern verwendet. Weil
sie Wasser entziehend wirkt, wird sie auch als Trockenmittel eingesetzt.
Reine Schwefelsäure ist eine farblose ölige Flüssigkeit.
Sie ist eine starke Säure. Mit Wasser ist sie in jedem Verhältnis
mischbar. Die Reaktion mit Wasser ist stark exotherm, weshalb insbesondere
hier der Spruch gilt: "Erst das Wasser dann die Säure, sonst
passiert das Ungeheure." Durch die entstehende Wärme verdampft
das Wasser schlagartig und reißt dabei Schwefelsäuretröpfchen
mit.
Sulfate
Die Salze der Schwefelsäure, die Sulfate,
kommen häufig in der Natur vor, z. B. Calciumsulfat (Anhydrit, Gips)
und Bariumsulfat (Schwerspat).
Calciumsulfat hat je nach der Menge
des eingelagertem Kristallwassers unterschiedliche Namen und Eigenschaften.
Wasserfreies Calciumsulfat
wird Anhydrit genannt. Das Hemihydrat
wird "gebrannter Gips" genannt und dient als Baustoff. Mit Wasser
reagiert gebrannter Gips unter Volumenzunahme zum Dihydrat
,
das auch Gips genannt wird. Diese Volumenzunahme ermöglicht die Anfertigung
von Gipsformen, die feinste Strukturen wiedergeben, denn sie bewirkt,
dass Gips in die kleinsten Ausbuchtungen gedrückt wird (Bild 12).
Bariumsulfat ist ein schwer lösliches,
chemisch beständiges Salz. Es wird als Weißpigment (Permanentweiß)
z. B. in Malerfarben verwendet und dient als Füllstoff bei der Produktion
von Papier und Gummi. Außerdem wird es als Kontrastmittel bei Röntgenuntersuchungen
eingesetzt. Hierfür darf es keine Spuren von löslichen Bariumverbindungen
enthalten, da diese giftig sind.
Natriumsulfat (Glaubersalz) wird in
der Glas-, Textil- und Papierindustrie verwendet. Außerdem wird
es in der Medizin als Abführmittel eingesetzt.
Verbindungen von Selen und Tellur
Die Verbindungen von Selen und Tellur ähneln im Allgemeinen den entsprechenden
Schwefelverbindungen, wobei die Ähnlichkeit bei Selen stärker
ausgeprägt ist als bei Tellur.
Wie Schwefelwasserstoff sind auch Selen- und Tellurwasserstoff farblose,
sehr giftige und unangenehm riechende Gase.
Selen und Tellur verbrennen an der Luft zu farblosen Dioxiden (
,
). Auch die
Trioxide (
,
) sind bekannt.
Beim Lösen von Selendioxid in Wasser entsteht Selenige Säure
, aus der
durch Oxidation z. B. mit
Selensäure
hergestellt werden kann.
Die Tellursäure hat die Formel
und weicht aufgrund der Größe des Telluratoms in ihrer Summenformel
und ihrem Bau von ihren "Verwandten", der Schwefelsäure
und der Selensäure ab. Ein Telluratom ist oktaedrisch von sechs OH
Gruppen umgeben. Die Tellursäure ist also eine sechswertige Säure.