

Die Menschheit nutzt schon seit Jahrtausenden Stoffe aus der Natur als
Baustoffe, Nahrung, Arzneimittel oder zur Herstellung von Kleidung.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein unterschied man dabei strikt anorganische
Stoffe, welche aus der unbelebten Natur gewonnen wurden und organische
Stoffe, die nur in Lebewesen durch das Wirken einer von Gott verliehenen
"vis vitalis" - Lebenskraft - entstanden.
Diese Trennung in organische und anorganische Stoffe wird verständlich,
wenn man sich die Entwicklung der Chemie und die Nutzung chemischer Kenntnisse
in der Vergangenheit ansieht.
Schon seit Jahrhunderten nutzt der Mensch viele Stoffe aus seiner Umwelt.
Anfänglich wurden nur schon vorhandene Substanzen oder Rohstoffe,
zum Beispiel Steine, Holz, Fasern oder Knochen benutzt. Schon früh
in der Geschichte der Menschheit versuchte man jedoch, aus Pflanzenteilen,
Früchten oder Samen mit verschiedenen Techniken die wertvollen Inhaltsstoffe
zu gewinnen und aufzubewahren.
Dass Alkohol (Ethanol) durch natürliche "wilde" Gärung von Obst oder Säften, verursacht durch überall vorkommende Wildhefen, entsteht, entdeckten unsere Vorfahren wahrscheinlich eher durch Zufall. Wein, Met oder auch das seit vielen Jahrhunderten gebraute Bier waren erste Anwendungen (bio)chemischer Reaktionen.
Die gezielte Herstellung und Gewinnung von Stoffen gelang aber zuerst
einmal nur im Bereich der unbelebten Natur. Im Altertum beschäftigten
sich Gelehrte in verschiedenen Hochkulturen mit der Gewinnung von Rohstoffen,
zum Beispiel aus Gestein.
Schon damals konnte man Metalle aus Erzen erschließen oder Glas
mithilfe von Sand und Zusatzstoffen herstellen. Die den Vorgängen
zugrunde liegenden chemischen Reaktionen wurden jedoch noch nicht erkannt.
Die Alchemisten des Mittelalters
besaßen detaillierte, in Jahrzehnten gesammelte Kenntnisse über
viele Metalle, jedoch fehlten auch ihnen noch die wissenschaftliche Grundlagen.
Mit unserem Wissen über den Atombau der Elemente könnten wir
ihnen heute leicht beweisen, dass es nicht möglich ist, aus Kupfer
oder Blei mit dem " Stein der Weisen" Gold zu machen.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein arbeiteten die Forscher in den entstehenden
Laboren fast nur mit Rohstoffen aus der unbelebten, anorganischen Natur.
Diese Minerale ließen sich vielfältig umwandeln, verarbeiten
und gezielt verändern.
Allmählich entwickelte sich eine chemische Industrie und erste Chemiefabriken
entstanden.
Bis 1800 konnte man bereits Eisen aus Eisenerzen, Säuren wie Schwefelsäure, Baustoffe wie Zement oder Koks aus Steinkohle herstellen.
Der Begriff "organische Chemie"
Trotz dieser Zunahme von chemischen Kenntnissen konnten Rohstoffe
aus der belebten Natur, also von Tieren oder Pflanzen wie Holz, Heilsubstanzen,
Fasern zwar genutzt, aber nicht im Labor erzeugt werden. Die Forscher
waren der einheitlichen Ansicht, dass allen Lebewesen von Gott eine Lebenskraft
- "vis vitalis" -
geben sei, mit deren Hilfe sie Stoffe im Körper erzeugen und umwandeln
können. Ohne diese Lebenskraft, also im Labor, sei eine Herstellung
solcher Stoffe nicht möglich. Daraus resultierte die Einteilung der
Chemie in zwei Hauptbereiche.
Die anorganische Chemie umfasste alle Reaktionen und Umwandlungen deren
Ausgangsstoffe aus der unbelebten Natur stammten.
Die Bezeichnung organische Chemie wurde von JÖNS JACOB BARON BERZELIUS,
einem schwedischen Wissenschaftler und Lektor der Chemie im Jahre 1807
als Abgrenzung zu den anorganischen Verbindungen geschaffen. Er isolierte
zum Beispiel 1806 Milchsäure aus Muskelfleisch und 1815 Stärke
aus Pflanzensamen.
Diese strikte Trennung in organische und anorganische Chemie bestand bis zum Jahre 1828. Dann gelang es dem deutschen Chemiker FRIEDRICH WÖHLER, eine bisher nur von Lebewesen erzeugte Substanz - Harnstoff - im Labor aus anorganischen Stoffen herzustellen. Diese Harnstoffsynthese bewies, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen organischen und anorganischen Verbindungen gibt.
Obwohl man heute weiß, dass organische Stoffe genauso wie anorganische
reagieren, wird die historische Einteilung beibehalten. Heute definiert
man organische Verbindungen jedoch als Verbindungen des Kohlenstoffs,
ausgenommen die Oxide, Carbide, die Kohlensäure und die Salze der
Kohlensäure. Organische Stoffe enthalten daher alle das Element Kohlenstoff
und fast immer auch Wasserstoff.
Nur wenige weitere der über hundert Elemente des Periodensystems
wie Sauerstoff, Stickstoff, Schwefel oder Phosphor sind insgesamt am Aufbau
der organischen Verbindungen beteiligt.
Heute kennt man mehrere Millionen organischer Verbindungen und durch
die Industrie kommen jährlich zehntausende neue hinzu. Heute ist
es auch möglich, Stoffe nach dem Vorbild natürlicher Stoffe
herzustellen (z. B. Aromastoffe) bzw. ganz neue Stoffe zu synthetisieren,
deren Eigenschaften eine gute Verwendbarkeit ermöglichen (z. B. Kunststoffe).
Dieser riesigen Anzahl organischer Stoffe stehen nur etwa Hunderttausend
anorganische Stoffe gegenüber.