
Die
Zeit, in der er lebte
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden in Europa und den USA bedeutende
politische und wirtschaftliche Entwicklungen statt. Die industrielle Revolution
griff von England auf ganz Europa über. Besonders Frankreich
und Deutschland durchlebten stürmische Zeiten. In Frankreich kam es
1848 zu mehreren Auftsänden der Bevölkerung und zur Ausrufung
der zweiten französischen Republik.
Bei den Präsidentschaftswahlen im gleichen Jahr wurde LOUIS-NAPOLEON
BONAPARTE, Neffe des ersten Kaisers NAPOLEON BONAPARTE, zum Präsidenten
gewählt. Dieser löste 1851 die Nationalversammlung wieder auf
und verfolgte seine demokratisch gesinnten Gegner erbarmungslos. Nachdem
der oppositionelle Widerstand gebrochen war, ließ sich der Neffe BONAPARTEs
nach dem Vorbild seines Onkels am 2. Dezember 1852 zum Kaiser NAPOLEON III.
krönen.
Im zweiten Kaiserreich entwickelte sich Frankreich vor allem wirtschaftlich zu einer Industrienation. NAPOLEON III. förderte die die Wissenschaften und die Kultur. Aufgrund außenpolitischer Niederlagen (mexikanischer Krieg und deutsch-österreichischer Krieg 1866) und einer weltweiten Wirtschaftskrise schwand jedoch die Macht des Kaisers. Er ließ sich auf den Deutsch-Französischen Krieg mit Preußen ein und erlitt 1870 bei Sedan eine vernichtende Niederlage.
Daraufhin kam es erneut zu einem Arbeiteraufstand in Paris, der zur Abdankung des Kaisers und zur Ausrufung der dritten französischen Republik führte. Diese führte den Krieg mit Preußen weiter und gab sich erst 1871 geschlagen. Daraufhin gab es erneute Unruhen in Paris und es kam zur Ausrufung der Pariser Kommune, die jedoch nach wenigen Wochen mit Unterstützung Preußens niedergeschlagen wurde. Erst danach entwickelte sich die 3. Republik zur dauerhaften Regierungsform in Frankreich.
Es ist aus heutiger Sicht mehr als erstaunlich, zu welchen Leistungen
die Wissenschaft und die Industrie in diesen politisch stürmischen
Zeiten fähig waren.
Die Erfindungen der Physiker WERNER VON SIEMENS und THOMAS EDINSON erlaubten
die Versorgung von Städten und Industrieanlagen mit elektrischer
Energie.
Die Erkenntnisse der Chemie wurden zunehmend ebenfalls industriell genutzt.
Durch neue großtechnische Verfahren der Eisenherstellung, z. B.
des BESSEMER-Verfahrens, wurde die Herstellung neuer und besserer Maschinen
möglich. Der belgische Chemiker ERNEST SOLVAY schuf die technischen
Voraussetzungen für die großtechnische Herstellung von Soda.
ADOLF VON BAEYER gelang erstmals die Synthese des beliebten Naturfarbstoffs
Indigo, er legte damit die Grundlage für dessen großtechnische
Herstellung.
Neben der Entdeckung des Periodensystems der Elemente durch MENDELEJEW
und MEYER und der Begründung der organischen Strukturchemie durch
KEKULÉ erlebte besonders die physikalische Chemie eine bemerkenswerte Entwicklung.
Die drei Hauptsätze der Thermodynamik wurden formuliert und die Grundlagen
der Katalyse von OSTWALD systematisch untersucht und für großtechnische
Prozesse genutzt.
Dass die zugrunde liegenden chemischen Reaktionen sehr oft Gleichgewichtsreaktionen
sind, erkannte man frühzeitig.
Da es von herausragendem wirtschaftlichen Interesse war, diese Prozesse
mit möglichst hohen Ausbeuten zu fahren, wurde der Einfluss der Reaktionsbedingungen
auf die Lage der Gleichgewichte intensiv untersucht. Einer der Pioniere
auf diesem Gebiet war der junge französische Chemiker und Ingenieur
HENRY LE CHATELIER.
Leben und Leistungen
LE CHATELIER wurde am 08.10.1850 in Paris als Sohn eines Bergbauingenieurs
geboren. Seine Jugend verbrachte er in der Stadt an der Seine, wo er 1870
an der Ècole Polytechnique zu studieren begann. Neben dem Studium arbeitete
er im chemischen Labor von CLAIRE DEVILLE und erhielt dadurch eine umfassende
Ausbildung in Naturwissenschaften und Technik.
Nach kurzer Tätigkeit als Bergbauingenieur erkannte er seine eigentliche
Berufung zur Chemie und wurde 1877 Lehrer an der Ècole de Mines in Paris,
an der er selbst einige Jahre studiert hatte. An dieser Ausbildungsstätte
für Bergbauingenieure und Metallurgen beschäftigte sich
LE CHATELIER vor allem mit chemisch-technischen Problemen.
Er untersuchte Verbrennungsprozesse und deren effektive Bekämpfung
bei den damals in den Kohlegruben und anderen Minen häufig auftretenden
Schlagwetterkatastrophen. In diesem Zusammenhang bestimmte LE CHATELIER
die spezifische Wärme von Gasen und Flammentemperaturen. Er fand
als einer der Ersten heraus, dass die spezifische Wärme von Gasen
mit steigender Temperatur zunimmt.
Um 1880 begann er, sich intensiver der Energieumwandlung bei chemischen Reaktionen - und damit der chemischen Thermodynamik - zu widmen. LE CHATELIER wies nach, dass durch chemische Reaktionen Arbeit verrichtet werden kann und nannte die freie Energie, die bei einer Reaktion in Arbeit umgewandelt werden kann, "bewegende Kraft".
Berühmt wurde er durch seine Untersuchungen zum chemischen Gleichgewicht. Daraus leitete LE CHATELIER die Bedingungen für die Einstellung eines chemischen Gleichgewichts ab:
Außerdem erkannte er, auf welche Weise die Reaktionsbedingungen Temperatur und Druck die Lage des chemischen Gleichgewichts beeinflussen. 1887 formulierte er danach das Prinzip des kleinsten Zwangs, das nahezu zeitgleich auch vom Physiker KARL FERDINAND BRAUN (1850-1918) entdeckt wurde. Dieses Prinzip - heute auch als Prinzip von LE CHATELIER bekannt - erlaubt qualitative Aussagen zur Abhängigkeit der Lage eines Gleichgewichts von der Temperatur und dem Druck (Bild 2). Es besagt:
| Übt man auf ein im Gleichgewicht befindliches stoffliches System einen Zwang aus, so verschiebt sich das Gleichgewicht so, dass das System dem äußeren Zwang ausweicht, wobei dessen Wirkungen verringert werden. |
Obwohl dieses Prinzip erst 20 Jahre nach dem Massenwirkungsgesetz
(MWG) von GULDBERG und WAAGE formuliert wurde und im Gegensatz zu dieser mathematischen
Gleichung nur qualitative Schlussfolgerungen zur Lage des Gleichgewichts
zulässt, hat es dennoch enorme Bedeutung insbesondere für die
chemische Industrie, z. B. für die Synthesen von Ammoniak und Schwefelsäure.
Das liegt unter anderem daran, dass das MWG als mathematische Gleichung
viele Jahre nicht beachtet und seine herausragende Bedeutung erst Ende
des 19. Jahrhunderts von OSTWALD und VAN'T HOFF erkannt wurde. Außerdem ist
das phänomenologische Prinzip von LE CHATELIER leicht verständlich.
LE CHATELIER wurde durch diese Forschungen weltbekannt und hielt ab 1898
Vorlesungen am Collège de France. Später erhielt er einen Ruf als
Professor für Chemie an die berühmte Pariser Universität
Sorbonne.
Wissenschaftlich wandte er sich der Metallurgie zu, der er seit seinem
Studium an der Ècole de Mines eng verbunden war. Nachdem LE CHATELIER
ein neues bis heute vielfach genutztes Platin-Rhodium-Thermoelement
entwickelt hatte, beschäftigte sich der Franzose mit
der thermischen Analyse von Stählen und anderen Legierungen. Seine
Arbeiten zur Veränderung der Eigenschaften durch spezielle thermische
Behandlungen von Stählen waren von enormer Bedeutung für die
Werkstoffkunde und Metallurgie.
Im Alter von 69 Jahren gab LE CHATELIER sein Lehramt an der Sorbonne
auf und verbrachte seinen Lebensabend in der Provence. Hier starb er am
17. September 1936 in Miribelle-Echelles.