





Nachweisreaktionen organischer Verbindungen sind oft wenig spezifisch, d. h. die durchgeführte Farbreaktion (Bild 1) oder Fällung weist nicht auf einen speziellen Stoff, sondern nur auf eine ganze Stoffklasse hin. Die Ursache liegt u. a. darin, dass die Vielfalt der ca. 10 Mio. heute bekannten organischer Verbindungen viel größer ist, als die der anorganischen Stoffe (ca. 500 000). Deshalb identifiziert man organische Stoffe in der klassischen chemischen Analytik meist, indem man die einzelnen funktionellen Gruppen nachweist und dann die Zusammensetzung der Moleküle mittels quantitativer organischer Elementaranalyse bestimmt. Bestehen dann noch Zweifel an der Struktur, dann untersucht man physikalische Eigenschaften wie Schmelzpunkte, Siedepunkte oder Brechungsindizes und vergleicht diese mit tabellierten Werten der in Frage kommenden Verbindungen. In der modernen Analytik, also in gut ausgestatteten Forschungsinstituten geht man einen anderen Weg: Dort sind spektroskopische und andere instrumentelle Methoden verfügbar, mit denen man auch organische Stoffe schnell und eindeutig identifizieren kann.
Auch makromolekulare
Naturstoffe sind am einfachsten mit teuren, computergestützten
Analysemethoden nachweisbar. So nutzt man beispielsweise zur spezifischen
Identifizierung von Eiweißen oder Nucleinsäuren moderne elektrophoretische
Verfahren. In früheren Zeiten oder in einfach ausgestatteten Laboratorien
bzw. Schulen sind solche Methoden jedoch kaum verfügbar und man greift
deshalb immer noch auf die klassischen Nachweisreaktionen der Naturstoffe
zurück. Diese sind für manche Stoffklassen ebenso unspezifisch
wie für andere organische Verbindungen. Dagegen funktionieren andere
Nachweise nur mit den gesuchten Verbindungen wie Stärke (siehe unten).
Deshalb ist es auch bei organischen Verbindungen wichtig, dass man zuerst
das Aussehen und den Geruch der Stoffprobe betrachtet und daraus schon
erste Schlussfolgerungen für das weitere Vorgehen zieht. Eine farblose,
sehr viskose Flüssigkeit kann z. B. kein Kohlenhydrat sein,
maximal eine wässrige Zuckerlösung. Umgekehrt ist ein weißer,
kristalliner Feststoff kein Fett, da Fette Stoffgemische von öliger
oder wachsartiger Konsistenz sind. Auch die Durchführung von Vorproben
erspart eine Menge unnützer Arbeit. Ist man sich bei Feststoffen
nicht sicher, ob es sich um einen Zucker oder ein Fett handelt, dann gibt
man eine kleine Stoffprobe in Wasser. Löst sich die Substanz auf,
dann handelt es sich wahrscheinlich um ein Mono- oder Disaccharid, löst
es sich nicht, dann liegt ein Fett oder ein Polysaccharid vor.
Identifizierung von Kohlenhydraten
Zur Identifizierung von Kohlenhydraten
gibt es mehrere Möglichkeiten. Am einfachsten ist die Umsetzung mit
konzentrierter Schwefelsäure (gegebenenfalls unter vorsichtigem Erwärmen).
Dabei wird dem Kohlenhydrat das Wasser entzogen und aus dem weißen
Feststoff entsteht schwarzer Kohlenstoff (Bild 2). Wenn man mit dem
Bunsenbrenner zu stark erwärmt, verkohlen jedoch auch andere Naturstoffe,
sodass weitere Testreaktionen unumgänglich sind.
Eine der beliebtesten ist die fehlingsche
Probe, die darauf hinweist, dass der analysierte Stoff ein Zucker
wie Glucose ist, der aufgrund seiner Aldehyd-Gruppe reduzierend wirkt.
Nach Zugabe von fehlingscher Lösung I und II und Erwärmen beobachtet
man einen ziegelroten Niederschlag von Kupfer(I)-oxid (Bild 3). Dieser
Nachweis ist jedoch kein spezifischer Glucose-Nachweis. Auch Fructose,
Maltose, Lactose sowie gewöhnliche Aldehyde gehen die gleiche Reaktion
ein. Um die Zucker ohne strukturanalytische Methoden zweifelsfrei zu identifizieren,
müssen daher die physikalischen Eigenschaften (Schmelzpunkt, optischer
Drehwert etc.) untersucht werden.
Auch andere Nachweisreaktionen für Kohlenhydrate sind wenig spezifisch.
Bei der Umsetzung mit ammoniakalischer Silbernitratlösung oder wird
ebenfalls nur die reduzierende Wirkung der Aldehyd-Gruppe nachgewiesen,
indem Silber-Ionen zu schwarzem metallischen Silber reduziert. Fructose
und andere Hexosen (Ketosen) sind mit der SELIWANOFF-Reaktion
nachweisbar. Dazu versetzt man die Substanz mit verdünnter Salzsäure
und Resorcin. und erwärmt vorsichtig. Ketosen wie Fructose reagieren
in einer mehrschrittigen Reaktion mit Resorcin zu einem roten Farbstoff,
der aber nicht als Niederschlag ausfällt (Bild 4). Aldosen geben
diese Reaktion erst nach längerem Erwärmen.
Ein spezifischer Nachweis ist dagegen der Stärkenachweis
mit Iodkaliumiodid-Lösung. Stärke besteht zu ca. 25% aus dem
Polysaccharid Amylose, das eine schraubenförmige Struktur besitzt
(Bild 5). In die Hohlräume dieser Struktur werden Iodmoleküle
eingelagert und das entstandene Produkt weist eine typische blauschwarze
Färbung auf. Der Nachweis wird kaum durch andere Stoffe gestört.
Die Farbe ist so intensiv, dass der Iod-Stärke-Komplex auch als Indikator
für die iodometrische Titration genutzt wird.
Identifizierung von Eiweißen
Die Stoffklasse der Eiweiße
kann durch mehrere Reaktionen sehr sicher nachgewiesen werden. Ein sehr
einfacher Test ist die Denaturierung der Proteine beim Erwärmen oder
durch Zugabe von Essig- oder Salzsäure (Bild 6). In beiden Fällen
wird die Tertiär- und die Quartärstruktur irreversibel zerstört,
das Eiweiß gerinnt. Noch sicherer sind die Xanthoprotein-Reaktion
und die Biuret-Reaktion. Bei der Xanthoprotein-Reaktion
setzt man der Analysensubstanz einige Tropfen konzentrierter Salpetersäure
zu und beobachtet bei Eiweißen, die aromatische Aminosäurereste
enthalten eine Gelbfärbung (griech.: xanthos
= gelb). Die Gelbfärbung geht auf die Nitrierung des Aromaten in
den Seitenketten der Aminosäuren zurück. Für die Biuret-Probe
versetzt man die Probe mit 5 ml verdünnter Natronlauge und 5 Tropfen
Kupfer(II)-sulfat-Lösung. In Gegenwart von Peptiden färbt sich
die Lösung violett (Bild 7). Die charakteristische Färbung
beruht auf der Bildung eines Kupfer(II)-Komplexes mit den freien Elektronenpaaren
von 4 Stickstoffatomen der Peptidbindung als Liganden. Beide Nachweise
sind insofern spezifisch als sie nur von der Stoffklasse der Proteine
eingegangen werden. Aufgrund der ungeheuren Vielfalt der Eiweiße
ist es unmöglich, einzelne Proteine mit einfachen chemischen Reaktionen
eindeutig zu identifizieren. Dazu müssen leistungsfähige, instrumentelle
Analysemethoden wie Röntgenstrukturanalyse
und Elektrophorese herangezogen werden. Auch die Nucleinsäuren
und ihre Nucleotidsequenz müssen mit solchen Methoden analysiert
werden.