


Lebensgeschichte
Natürlich ahnte davon niemand etwas, als am 04.01.1785 JACOB LUDWIG
CARL GRIMM und ein Jahr später am 24.02.1786 sein Bruder WILHELM
KARL geboren wurden. Vielmehr verlebten sie nach der Übersiedlung
von Hanau nach Steinau eine unbeschwerte Kindheit. Diese endete jäh,
als der Vater - ein Amtmann - im Jahre 1796 starb. Es folgten
mehrere Umzüge. Eine Schwester der Mutter - HENRIETTE ZIMMER
- nahm die Brüder bei sich auf und kümmerte sich um ihre
Ausbildung.
Nach einem Eignungstest, den sie nicht
besonders gut bestanden, konnten sie in Kassel das Lyzeum besuchen. Durch
viel Fleiß und Nachhilfestunden gehörten sie bald zu den Klassenbesten.
Schon frühzeitig entdeckten sie ihre Leidenschaft für das Bücherlesen.
Naturstudien und das Sammeln von Pflanzen, Schmetterlingen usw. ließen
in JACOB den Wunsch reifen, Botaniker zu werden. Aber auch ihr literarisches
Interesse erwachte frühzeitig.
Trotz ihrer geringen Freizeit sammelten und zeichneten sie, kauften Kupferstiche
und die ersten Bücher für ihre noch heute berühmten Sammlungen.
FRIEDRICH MATTHISSON (1761-1831), CHRISTOPH AUGUST TIEDGE (1752-1841),
die Brüder CHRISTIAN und FRIEDRICH LEOPOLD STOLBERG (1748-1821;
1750-1819) - beide Mitglieder im "Göttinger
Hain", einem Kreis junger Dichter - und der französische
Fabeldicher JEAN DE LA FONTAINE (1621-1695) zählten zu den Dichtern,
die die Lebenssicht und den Weltblick der Brüder erweiterten.
Kindheit und Studienjahre
Während der Kindheit und Studienjahre
vollzogen sich politische und gesellschaftliche Umwälzungen, von
denen nicht nur Europa, sondern auch die "Neue Welt" betroffen
war. Die wachsende Macht des Bürgertums, verbunden mit der Industrialisierung
der gewerblichen Produktion, die Fortschritte in den Naturwissenschaften,
eine Vielzahl technischer Erfindungen und der Aufschwung in den Geisteswissenschaften
prägten das Leben und Schaffen der Brüder.
JACOB beendete seine Schulbildung 1802
mit dem Abschluss der Unterprima, WILHELM
verließ ein Jahr später die Untersekunda und folgte seinem
Bruder nach Marburg, um dort ebenfalls Rechtswissenschaften zu studieren.
Dort konnten sie die Bibliotheken nutzen und wurden durch Professor CARL
VON SAVIGNY in den Kreis der Romantiker
eingeführt. Besonders JACOB interessierte sich für das Mittelalter.
WILHELM, von den Neigungen seines Bruders zur schöngeistigen Literatur
der Vorväter begeistert, gründete im Jahre 1804 eine Lesegemeinschaft,
an der sich 28 literarisch interessierte Kommilitonen beteiligten, um
über die Werke von KLOPSTOCK, GOETHE und SCHILLER
zu diskutieren.
1804 ging SAVINGNY nach Paris. JACOB folgte ihm, um ihm bei seinen Forschungen
zu helfen. Von dort schrieb er an die in Kassel zurückgebliebene
Familie: "... Von den ersten Tagen weiß
ich nichts zu sagen, als daß ich sehr traurig war ..."
Als 1805 SAVIGNY seine Forschungen abgeschlossen hatte, waren die Voraussetzungen
für einen längeren Aufenthalt JACOBS in Paris nicht mehr gegeben
und so kehrte er, wohl auch aus Gründen seiner Heimatliebe, zu seiner
Familie nach Kassel zurück.
Mittlerweile waren nicht nur JACOB und WILHELM nach Kassel übergesiedelt,
auch ihre Brüder KARL, FERDINAND und LUDWIG, die Mutter und die 12-jährige
LOTTE - ihre einzige Schwester - wohnten im sogenannten "Märchenhaus".
Nach JACOBS Rückkehr war die Familie wieder vereint und dank der
großzügigen Unterstützung der Tante lebten sie in guten
Verhältnissen. Als im Jahre 1807 die Mutter starb, war das ein herber
Schlag.
JACOB wurde Familienoberhaupt.
WILHELM legte 1806 sein juristisches Examen
ab, seine Bemühungen um eine Anstellung scheiterten jedoch wegen
des wenige Monate später erfolgenden Einmarsches der Franzosen in
Kassel. JACOB dagegen fand für einige Monate eine Anstellung im Kriegskollegium
des Kurfürstentums Hessen-Kassel. Als NAPOLEON
das Land besetzte, gelang es JACOB im Juli 1808 wegen seiner guten Französischkenntnisse,
eine Anstellung als Privatbibliothekar bei NAPOLEONs Bruder JÉRÔME, dem neuen KÖNIG VON WESTFALEN, zu finden.
Von 1806 bis 1829 arbeiteten beide Brüder am Kasseler Museum Fridericianum.
Danach wurden sie zu Professoren in Göttingen berufen. Der Aufenthalt
in Göttingen dauerte nur halb so lange wie der in Kassel. Der Grund
dafür war folgender. Man feierte in Göttingen 100 Jahre Universität
(1937), als KÖNIGIN VIKTORIA zur selben Zeit in England gekrönt
wurde. Sie besiegelte die Trennung Hannovers von England. KÖNIG
VON HANNOVER wurde ERNST AUGUST,
der mit seiner Krönung die Verfassung
aufhob.
Professoren, Militär und die Beamten wurden ihres Eides enthoben,
was besonders an den Universitäten
auf Proteste stieß. JACOB und
WILHELM wollten ihren Eid nicht brechen und so schrieben sie zusammen
mit ALBRECHT, DAHLMANN, EWALD, GERVINUS und WEBER einen Protestbrief
an den König. Als Antwort folgte ihre Entlassung, die trotz großer
Studentenproteste nicht zurückgenommen wurde. Dieser Brief ging in
die Geschichte ein als Brief der "Göttinger
Sieben".
Jacob und Wilhelm Grimm gingen auf Einladung des KÖNIGS VON PREUSSEN
nach Berlin, in der Hoffnung die Erarbeitung eines siebenbändigen
deutschen Wörterbuches vorantreiben zu können. BETTINA
VON ARNIM verschaffte ihnen eine Stellung. Ab April 1841 hielten sie
Vorlesungen an der Universität zu Berlin.
Die ungewöhnliche Geschwisterbeziehung
zwischen JACOB und WILHELM GRIMM war das eigentliche Fundament ihres Schaffens.
Trotz unterschiedlicher Arbeitsweisen, abweichender politischer Überzeugungen
und ungleicher Temperamente gestalteten sie ihr Leben in allen wichtigen
Fragen gemeinsam. Bis zu Wilhelms Tod 1859 (JACOB starb 1863) lebten,
wirtschafteten und arbeiteten sie in einem Haushalt. JACOB schrieb über
ihre Beziehung am 12. Juni 1805:
"- denn, lieber Wilhelm, wir wollen uns
einmal nie trennen, und gesetzt, man wollte einen anderswohin tun, so
müßte der andere gleich aufsagen. Wir sind nun diese Gemeinschaft
so gewohnt, daß mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben
könnte."
Literarisches Schaffen
Erste Schaffensjahre in Kassel 1805 bis 1829
Die ersten wissenschaftlichen Aufsätze
erschienen im Jahre 1807 im "Neuen literarischen Anzeiger" in
München. Während JACOB mehr zur exakten Wissenschaft tendierte,
folgte WILHELM eher poetisch-künstlerischen Neigungen. Ihre ersten
Werke 1811 brachten sie noch getrennt heraus, JACOB sein Buch über
den Meistergesang, WILHELM seine Übersetzung
der altdänischen Gedichte aus
dem achten Jahrhundert. Aber schon bald gelang es ihnen, das Markenzeichen
der "Brüder" in das öffentliche Bewusstsein einzuführen.
Schon 1812 erschienen "Die beiden ältesten Gedichte aus dem
achten Jahrhundert" herausgegeben durch die BRÜDER
GRIMM.
Sämtliche bis 1826 erschienenen Werke erhielten dieses Markenzeichen.
In dieser Zeit produzierten die Brüder Werke wie die "Kinder-
und Hausmärchen" (Bild 2, PDF 1), die dreibändige Zeitschrift "Altdeutsche
Wälder", die "Lieder der alten Edda", den mittelhochdeutschen
"Armen Heinrich" des Hartmann von Aue, die "Deutschen Sagen"
und die "Irischen Elfenmärchen". Damit endet das gemeinsame
Schaffen, denn nur noch die Neuauflagen der Märchen werden mit
den Namen beider Brüder verlegt.
Dieser gemeinsame Ausgangspunkt blieb aber Grundlage für alle späteren
Arbeiten. JACOB legte mit einem gewaltigen Kraftaufwand Fundamente für
die historische deutsche Grammatikforschung ("Deutsche Grammatik", 1819–37, vier Bände), die Rechtsgeschichte ("Deutsche Rechtsaltertümer", 1828), das europäische
Tierepos ("Reinhart Fuchs", 1834), die germanische Götterlehre ("Deutsche Mythologie",
1835), die deutschen Dorfrechte ("Weisthümer",
1840-63, vier Bände) und die Geschichte
der deutschen Sprache (1848).
WILHELM hatte sich der Runenforschung gewidmet ("Über deutsche Runen", 1821), zahlreiche mittelhochdeutsche
Texte editiert, Werke seines Freundes ACHIM VON ARNIM und als Hauptwerk
die "Deutsche Heldensage" (1829) herausgebracht. Erst in späteren Jahren haben die Brüder
noch einmal gemeinsam gearbeitet und ihr "Deutsches
Wörterbuch" in Angriff genommen.
1852 bis 1854 veröffentlichte JACOB zehn Lieferungen mit zusammen
2 300 Wörterbuchspalten im Lexikonformat, eine in über hundert
Jahren von keinem Nachfolger erreichte Leistung, WILHELM trat ihm erst
1855 helfend zur Seite und schaffte, durch den Verleger und das Vorbild
des Bruders unter Dauerdruck stehend, eine Lieferung jährlich. Es
ist allerdings zu erwähnen, dass WILHELM seine Texte genauer ausformte
und sorgfältiger stilisierte. Die Differenzen im Arbeitserfolg beruhten vor allem in den abweichenden Lebenszielen, der unterschiedlichen
Zeiteinteilung, Konzentrationsfähigkeit und Arbeitslust. JACOB pausierte,
um andere Arbeiten voranzutreiben und setzte die Arbeit am Wörterbuch
erst nach WILHELMS Tod 1859 fort. JACOB überlebte seinen Bruder WILHELM
um 4 Jahre und starb am 20.09.1863. Fast einhundert Jahre nach seinem
Tod wurde das "Deutsche Wörterbuch" mit einem Umfang von 33 Bänden vorläufig fertiggestellt.
Werke
Gemeinsame Werke 1812-1826
Werke von JACOB GRIMM
Werke von WILHELM GRIMM
