
Als Arbeiterliteratur bezeichnet man diejenige Literatur, die im proletarischen Milieu spielt und deren Protagonisten Arbeiter sind.
Das 19. Jahrhundert
Mitte
des 19. Jahrhunderts, mit der Industriellen
Revolution, wurde das Arbeitermilieu (sowohl die Berufswelt als auch das Alltagsleben)
in realistisch-naturalistischer Darstellung für die Literatur entdeckt. In
den Industrieländern Europas und den USA beschrieben Autoren wie
Daneben gab es das Phänomen der "Gegen-decadénce". Dieser Strömung innerhalb der Arbeiterliteratur ging es lediglich um die kulturelle Förderung der Arbeiter. Sie lehnte avantgardistische Schreibweisen ebenso ab wie pessimistische Sichtweisen. Statt dessen "feierten .. (sie) .. die Arbeitsfreude, den Stolz auf die unerhörte Gewalt, den Triumph des Werktätigen" (WINCKLER).
20.
Jahrhundert
Zu dieser Strömung gehörte der 1912 von JOSEF
WINCKLER (1881–1966), WILHELM VERSHOFEN (1878–1960) und JAKOB KNEIP (1881–1958)
gegründete Bund der "Werkleute
auf Haus Nyland", dem später auch HEINRICH LERSCH (1889–1936), MAX
BARTHEL (1893–1975) und GERRIT ENGELKE (1890–1918) angehörten. Pathos, Technikbejahung
und Verklärung kennzeichneten die Sprache der "Werkleute".
Einen besonderen Einfluss auf das Sujet des Arbeitermilieus hatte der Erste Weltkrieg und seine Folgen. Viele bürgerliche Intellektuelle sahen nun ein Ende der bürgerlichen Kultur für gekommen (Bild 2). Sie schlossen sich
Gruppierungen an und vollzogen einen totalen Bruch mit der überlieferten bürgerlichen Literatur. In diesem Geiste entstanden der Dadaismus und der Surrealismus.
Einige Autoren schlossen sich der KPD an (JOHANNES R. BECHER, LUDWIG RENN), andere nahmen aktiv an der Münchener Räterepublik teil (ERNST TOLLER).
Die veränderte Rolle
des Proletariats und die Literatur
1924 wurde die Büchergilde
Gutenberg als Buchgemeinschaft der Gewerkschaften gegründet. Die Büchergilde
verlegte Werke von
kamen in Originalausgaben heraus.
Der "Rote
Eine-Mark-Roman" der KPD war der Versuch, mit der Massen- und Trivialliteratur
zu konkurrieren. In dieser Reihe erschienen u. a.
WIELAND HERZFELDE gründete den Malik-Verlag, in dem dadaistische und andere avantgardistische Literatur verlegt wurde.
Theater
für Arbeiter
Das Theater für Arbeiter wurde bereits durch die SPD am Ende des 19. Jahrhunderts angeregt. So entstand die Volksbühnenbewegung. Anfang der Zwanzigerjahre entstanden die Agitprop-Gruppen der KPD
ERWIN PISCATOR (1893–1966) gründete 1920 das "Proletarische Theater, Bühne der revolutionären Arbeiter Groß-Berlins". Zwar scheiterte das Projekt ein Jahr später (Verbot), doch bereitete es die legendäre Piscator-Bühne vor. Seit 1924 als Regisseur an der Berliner Volksbühne brachte er die beiden Revuen
auf die Bühne (1924/27). Mit WALTER MEHRINGs
(1896–1985) "Der Kaufmann von Berlin" wurde 1927 die Piscator-Bühne
eröffnet. 1931 übersiedelte PISCATOR in die Sowjetunion, wo er SEGHERS'
"Aufstand der Fischer von Sankt Barbara" verfilmte. Nach einer Interims-Zeit
von 1936-1939 in Paris übersiedelte er in die USA.
Einige Autoren
wandten sich enttäuscht von der KPD ab. Zu ihnen gehörte der anfangs
expressionionistische Autor MAX BARTHEL, der sich wie sein Freund HERMANN LERSCH
vom „Nyland-Bund" später in die nationalsozialistische Literaturmaschinerie
einspannen ließ. Aber auch nicht mit der KPD sympathisierende Arbeiterautoren,
Vertreter der sogenannten Heimatkunstbewegung, wurden während der Zeit des
Nationalsozialismus zu Repräsentanten der "Blut-
und Boden-Literatur". Andererseits wandten sich Autoren von der NSDAP
ab und traten der KPD bei, z. B. BODO UHSE (1904–1963). ARNOLT BRONNEN (1895–1959),
der Anfang der 1920er-Jahre mit BRECHT gemeinsam expressionistische Stücke
geschrieben hatte, unterzeichnete 1933 mit 88 weiteren Schriftstellern ein "Gelöbnis
treuester Gefolgschaft" für HITLER und arbeitete für den Reichsrundfunk
und die Ufa als Dramaturg, bevor er sich am aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten
beteiligte. Mitte der 1950er-Jahre übersiedelte er in die DDR und
trat der SED bei.
Zusammenarbeit kommunistischer,
sozialdemokratischer und bürgerlicher Autoren
Bis etwa 1928/1930
arbeiteten KPD- bzw. der Partei nahe stehende Autoren mit politisch Andersdenkenden
zusammen. So verfassten ERNST TOLLER (Anarchist) und ERWIN PISCATOR (Kommunist)
gemeinsam das Revuestück "Hoppla, wir leben! Ein Vorspiel und fünf
Akte" (1927) für die Piscator-Bühne. Der Sozialdemokrat KURT TUCHOLSKY
(Text) gab gemeinsam mit dem Kommunisten JOHN HEARTFIELD (Collagen) "Deutschland,
Deutschland über alles. Ein Bilderbuch" (1929) heraus. Auch BERTOLT
BRECHT, sich als parteiloser Kommunist verstehend und zunächst Dramaturg
am Deutschen Theater in Berlin, arbeitete u. a. mit LION FEUCHTWANGER, CARL ZUCKMAYER,
PISCATOR, KURT WEILL zusammen. Seine Bearbeitung der "Beggar's Opera"
von JOHN GAY "Dreigroschenoper" ist das
erste Stück des epischen Theaters. Auch die Surrealisten arbeiteten
unabhängig von ihren Parteimitgliedschaften bis 1928/31 an gemeinsamen Projekten
(PAUL ELUARD und LOUIS ARAGON mit ANDRÉ BRETON, HERMANN KASACK mit BRECHT).