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Die Räuber
Die RäuberSchillers

Werkgeschichte
Die Werkgeschichte des Dramas beginnt früh: SCHILLER arbeitete während seiner Zeit auf der Karlsschule in Stuttgart an seinem ersten großen Drama "Die Räuber". DANIEL CHRISTIAN SCHUBARTs Erzählung "Zur Geschichte des menschlichen Herzens" aus dem Jahr 1775 war das literarische Vorbild für das Drama. Man vermutet die Jahre 1779-1780 als Entstehungszeit der "Räuber". SCHILLER orientierte sich am dramatischen Gerüst von SHAKESPEAREs "Richard II.". Dieses und andere Werke des großen englischen Dramatikers hatte er auf der Karlsschule kennengelernt, und, da Privatlektüre verboten war, heimlich gelesen. Im Dezember 1780 lag eine druckreife Fassung vor. Dafür musste der Autor einige Änderungen vornehmen. Auch wurde das Stück in das ausgehende Mittelalter verlegt. Es erschien anonym und mit fingiertem Druckort.

Uraufführung
1781 entstand eine Bühnenfassung, die ein sehr großer Erfolg wurde. Am 13. Januar 1782 war die Uraufführung von "Die Räuber" am Mannheimer Hof- und Nationaltheater (Bild 1). AUGUST WILHELM IFFLAND spielte in der Aufführung den Franz Moor

"Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür! Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht."
(ein Augenzeuge, zitiert nach: Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Um ein Nachwort ergänzte Neuausgabe. München: C. H. Beck Verlag, 2007, S. 753).

Rasch verbreiteten sich Nachdrucke und Bearbeitungen des Stückes in ganz Deutschland.

Folgen
Die Uraufführung hatte weitreichende Folgen für die deutsche Literaturgeschichte. SCHILLER wurde zunächst, weil er illegal zur Aufführung fuhr, für zwei Wochen in Haft genommen. Zudem wurde ihm durch Herzog KARL EUGEN jegliche literarische Tätigkeit verboten. Der Herzog hatte einer Beschwerde des Landes Graubünden gegen "Die Räuber" stattgegeben (Graubündener Protest). Das Schreibverbot war der Anlass der Flucht SCHILLERs aus dem Land Württemberg auf das thüringische Gut Bauerbach zu HENRIETTE VON WOLZOGEN, der Mutter eines Schulfreundes, wo er Asyl fand. Hier vollendete er "Louise Millerin", das später auf Anregung AUGUST WILHELM IFFLANDS in "Kabale und Liebe" umbenannt wurde.

Inhaltsangabe
"Die Räuber" beschreibt das Verhältnis zweier Brüder zueinander. Karl Moor ist der Ältere und Erbe des väterlichen Vermögens. Franz Moor, der ungeliebte, ewig zurückgesetzte Sohn, verleumdet den Bruder beim Vater durch gefälschte Briefe, in denen Karl als steckbrieflich gesuchter Verbrecher dargestellt wird. Er setzt so erst die "Räuberkarriere" Karls in Gang. Karl glaubt, Rächer der Unterdrückten zu sein, bis durch eine Befreiungsaktion Unschuldige, auch Kinder und Greise, ums Leben kommen. Er möchte diesem Räuberdasein den Rücken kehren.
Franz indessen genügt es nicht, Karl vertrieben zu haben, er will den Tod seines Vaters und das Erbe antreten. Der Vater und Karl überleben Anschläge auf ihre Personen, treffen im väterlichen Haus, wo der Vater im Hungerturm eingesperrt ist, zusammen. Karl, der die Mordpläne des Bruders erfährt, zieht gegen ihn und zündet das väterliche Haus an. Franz begeht Selbstmord, der Vater stirbt an der Wahrheit, dass Karl der gesuchte Räuber und Mörder ist. Karl stellt sich dem Gericht, nachdem er erkennen muss, dass sein privates Glück mit der geliebten Amalia nicht aufgeht.

SCHILLER war offensichtlich selbst überrascht, als er den großen Erfolg des Stückes vor Augen hatte. Das nachgelassene Fragment "Die Braut in Trauer" sollte vermutlich einen "zweiten Teil der Räuber" bilden.

Interpretationsansatz
Im Folgenden kann nur ein Interpretationsansatz geliefert werden: Sehr viele unterschiedliche Meinungen zu SCHILLERs "Räubern" kursieren. Jeder Leser sollte auf Grundlage der Fakten, nämlich des literarischen Werkes selbst, versuchen, die Fragen, die es an uns heutige Leser stellt, neu zu beantworten.
SCHILLERS Werk "Die Räuber" wird oft vorgeworfen, kein typisches Drama des Sturm und Drang zu sein. Es fällt vom Entstehungszeitpunkt her eindeutig in die Hoch-Zeit dieser wilden, teilweise radikalen Phase der Aufklärung. Auch die Figur des Karl Moor hat der Zeit gemäße typische Charaktereigenschaften:

Seine Kumpane in der Räuberbande (Spiegelberg) entwickeln sich zu wirklichen Räubern und Strauchdieben, die rücksichtslos ihre Untaten begehen. Karl bildet also das idealische Gegenbild zu ihnen. Aber auch gegenüber Franz, seinem Bruder, verkörpert er das Schöne, Wahre, Gute (ein Motto der Klassik).

Karls Scheitern
Im Willen, Recht zu begehen, tötet Karl jedoch und wird somit schuldig. Hier liegt sein Scheitern begründet. Das Scheitern des Bruders Franz hingegen erfolgt aus dem Wissen um die Unrechtmäßigkeit seines Handelns.

Die Sprache des Dramas
Die Sprache des Dramas kann "Die Räuber" am ehesten historisch einordnen helfen. Als Sturm-und-Drang-Drama erkennt man es anhand der expressiven Sprache. Sie entspricht in ihrem Pathos der in jener Zeit vorherrschenden empfindsamen Tendenz innerhalb der Aufklärung. Ein Beispiel für diese Rührseligkeit ist der Untertext (die Regieanweisung) im Dialog zwischen Karl und seinem Vater im 5. Akt, 2. Szene:

Schlägt mit dem Dolch auf einen Stein, daß es Funken gibt, [...] in Thränen ausbrechend, [...] Heftig die Hände ringend, [...] Betroffen, sehr gerührt, [...] geht weit von ihm weg, [...] reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht, [...] in der heftigsten Bewegung, [...] in der fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend, [...] stürzt vor ihm nieder, [...] mit Schmerz, [...] weichmüthig aufstehend, [...] steht stumm und starr wie eine Bildsäule. [...] Die ganze Bande in fürchterlicher Pause, u.s.w.

Die Figurensprache des alten Moors scheint geeignet, den Pathos des Sturm und Drang zu verdeutlichen. Es sind oft kurze Sätze, teilweise Interjektionen, die mit einem Ausrufezeichen abschließen und so die Dynamik der Sprache symbolisieren sollen.

  • D. a. Moor Oh! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
  • D. a. Moor (auffahrend). Franz! Franz! was sagst du?
  • D. a. Moor Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
  • D. a. Moor Gerecht! sehr gerecht! - Mein, mein ist alle Schuld!

SCHILLER hat die Erfahrung der Karlsschule hinter sich und weiß um die Macht der Fürsten. In der "Thalia" schrieb SCHILLER später über diese Zeit:

"Ich schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient. Frühe verlor ich mein Vaterland, um es gegen die große Welt auszutauschen, die ich nur eben durch die Fernröhre kannte. Ein seltsamer Mißverstand der Natur hat mich in meinem Geburtsort zum Dichter verurteilt. Neigung für Poesie beleidigte die Gesetze des Instituts, worin ich erzogen ward, und widersprach dem Plan seines Stifters. Acht Jahre rang mein Enthusiasmus mit der militärischen Regel; aber Leidenschaft für die Dichtkunst ist feurig und stark, wie die erste Liebe. Was sie ersticken sollte, fachte sie an.Verhältnissen zu entfliehen, die mir zur Folter waren, schweifte mein Herz in eine Idealenwelt".
(Friedrich Schiller: [Ankündigung der Rheinischen Thalia], in: ders.: Sämtliche Werke, Auf Grund der Originaldrucke herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert in Verbindung mit Herbert Stubenrauch, Band 1–5, 3. Auflage, München: Hanser, 1962, S. 854)

Karl Moor muss deshalb zweifeln an den Insignien des Sturm und Drang. Prometheus, für GOETHE noch Inbegriff des unbotmäßigen Helden, aber auch des ewig Neugierigen, Wissensdurstigen, ist für SCHILLERs Helden nur noch ein Popanz:

Moor. Der lohe Lichtfunke Prometheus' ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl - Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Hercules, und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat. Ein französischer Abbé dociert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Collegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals - feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen.
(Friedrich Schiller: Die Räuber. in: Schillers Sämmtliche Werke, Erster Band.Stuttgart: J. G. Cotta'sche Buchhandlung, 1879)

Die Empörung des jungen SCHILLER ist die Empörung über die Vätergeneration. Und hier ist er ganz ein Stürmer und Dränger und in seiner Resolutheit und Unbedingtheit dem jungen GOETHE vergleichbar. Er will eine Veränderung der Weltordnung aus der eigenen Kraft heraus:

"Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Seculum", (ebenda)

lässt SCHILLER Karl sagen.

"Pfui! pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts nütze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Alterthums mit Commentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. … Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Conventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen - belecken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. - Verdammen den Sadducäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare - fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, - wenden kein Aug' von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perrücke frisiert ist. - Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht - - So warm ich ihnen die Hand drückte - 'nur noch einen Tag' - Umsonst! - Ins Loch mit dem Hund! - Bitten! Schwüre! Thränen! (Auf den Boden stampfend.) Hölle und Teufel!" (ebenda)

Karl weiß, dass das Ideal der Aufklärung, mittels der Bildung des Volkes eine Veränderung der Gesellschaft zu erreichen, scheitern muss. Er glaubt, in der Rolle des edlen Räubers eher sein Ziel zu erreichen. Allerdings kommen ihm Zweifel am edlen Tun bei der Begegnung mit seinem Vater im 5. Akt. Der Vater verkörpert die Moral, gegen die Karl sich gewandt hat. Er, der im Namen der vermeintlichen Gerechtigkeit so viel Schuld auf sich geladen hat, erbittet die Gnade des Vaters, die dieser ihm nicht geben kann. Fleht Karl zunächst noch

"Erbarmung sei von nun an die Losung", (ebenda)

in der Hoffnung, Erbarmen zu finden, weiß er doch zugleich, dass nichts ein Erbarmen rechtfertigt. Noch gäbe es die Chance, den Vater unwissend zu lassen. Indem er sich jedoch als der vermisste Sohn, ein Räuber und Mörder, offenbart, stirbt der Vater.

Rücksichtslosigkeit haben beide Brüder, Karl und Franz, in sich. Aber während Karl aus Idealismus handelt, sind Franz` Motive egoistischer Natur: Nicht für alle will er Macht erreichen, sondern nur für sich selbst:

Frisch also! muthig ans Werk! - Ich will Alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, daß ich nicht Herr bin. Herr muß ich sein, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht. (ebenda)

Konfliktlösung
SCHILLER entscheidet sich für eine Konfliktlösung, die nicht dem Genius des Sturm und Drangs entsprach. Er hätte für den eigentlich als positiv angelegten Helden Karl Moor auch einen glücklichen Ausgang planen können: Die Schuld, die im Namen vermeintlicher Gerechtigkeit begangen wurde, hätte vom Vater verziehen werden können. Es spricht aber für die Kompromisslosigkeit und auch für die Realitätsnähe des Autors, wenn er den Vater-Sohn-Konflikt doppelt tragisch ausgehen lässt:

Indem SCHILLER beide Brüder scheitern lässt, verdeutlicht er das Scheitern einer "ganzen sittlichen Welt". Schuldig werden kann jeder, der gegen Recht und Gesetz handelt. Dabei zählen die Motive des Handelns nicht.
Die Frage, wann Gewaltausübung in Schuld umschlägt, beschäftigt das gesamte Stück. Karl hätte sich durch Wohlbedachtheit retten können. Seine Ideale hat er ungenügend an den Kumpanen überprüft, die nicht diesen Idealen anhingen. So wurde zunächst in seinem Namen gemordet, später durch seine Hand. Diese Morde sind unsühnbar. Deshalb muss auch Karl letztlich untergehen.
Nichts hat also Bestand: Weder der Egoismus des Bruders, noch die überkommene Moral des Vaters, noch der Idealismus Karls selbst. Selbst die Liebe ist korrumpierbar, wie die Figur Amalias zeigt.

"unbekannt mit Menschen und Menschenschicksal mußte mein Pinsel notwendig die mittlere Linie zwischen Engel und Teufel verfehlen, mußte er ein Ungeheuer hervorbringen, das zum Glück in der Welt nicht vorhanden war, dem ich nur darum Unsterblichkeit wünschen möchte, um das Beispiel einer Geburt zu verewigen, die der naturwidrige Beischlaf der Subordination und des Genius in die Welt setzte", (a.a.O.)

schrieb SCHILLER in der selben Ausgabe der Thalia über "Die Räuber".

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