

Die Leseerwartung an faktuale und fiktionale Texte
Man unterscheidet
Der Leser hat an Texte, die Fakten mitteilen, andere Erwartungen als an Texte, die er der Dichtung zurechnet (Leseerwartung).
Der Unterschied zwischen faktualen
und fiktionalen Texten
Die Unterscheidung
von faktualer und fiktionaler Prosa findet sich bereits In ARISTOTELES' „Poetik“ (4.Jh v. Chr.), und zwar in der Feststellung, dass sich Geschichtsschreiber
und Dichter dadurch voneinander unterscheiden, "dass
der eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte".
Für ARISTOTELES ist die Dichtkunst, die Kunst allgemein, aus dem
angeborenen Nachahmungstrieb der Menschen entstanden. Zudem empfinde der
Mensch eine natürliche Freude bei der Betrachtung von Kunstwerken,
denn das Lernen und (Wieder-)Erkennen bereite ihm Vergnügen.
ARISTOTELES folgend, bedeutet Dichtung also
die künstlerische Nachahmung von
Wirklichkeit.
Betrachten wir im Folgenden zwei sehr unterschiedliche Texte im Hinblick auf das Verhältnis von Fiktion und Fakten: THOMAS MANNs "Buddenbrooks" (1901) und TIM STAFFELs "Terrordrom" (1997). Beide Romane wurden von jungen Männern geschrieben, beide Romane fangen die Stimmung am Ende eines Jahrhunderts ein, beide Romane sind fest "verortet", der eine in der ehrwürdigen Hansestadt Lübeck, der andere in der alten und neuen deutschen Hauptstadt Berlin, und beide behandeln auf ihre Weise die Auflösung von vermeintlich Festgefügtem.
Ein literarischer Textmischt Realitätselemente mit Erfundenem/Fiktionalem. Deshalb wird auch das Fiktionale vom Leser für möglich gehalten.
Äußere
Fakten und innere Vorgänge
In einem Gebrauchstext wie beispielsweise einer Dichterbiografie werden die äußeren
Fakten und Ereignisse aus dem Leben eines Dichters berichtet: Geburts-
und Sterbedatum, Ausbildung, Erscheinungsdaten der Werke usw. Ein literarischer
Text gibt hingegen auch über das Innenleben
seiner Figuren Auskunft. Der Leser erfährt vom Erzähler,
was seine Figuren denken, empfinden, meinen, wünschen, glauben und
hoffen. Diese „Verben der inneren Vorgänge“ (KÄTHE HAMBURGER), die in den
verschiedenen Formen der erlebten Rede und der Bewusstseinswiedergabe
auftauchen, unterscheiden einen fiktionalen Text von einem Sachtext.
Die Biografie des livländischen
Dichters JAKOB MICHAEL
REINHOLD LENZ (1751-1792) ist bekannt, die Werke, die er als
junger Mann schuf, gehören zu den wichtigsten Zeugnissen der deutschen
Sturm-und-Drang-Dichtung. Das biografische Interesse an LENZ richtet sich
vor allem immer wieder auf seine demütigende Ausweisung aus Weimar
nach dem Bruch mit GOETHE und die bald darauf ausbrechende schizophrene
Erkrankung nach einem Jahr des Herumirrens in der Schweiz. Während
des ersten schweren Schubes der Krankheit im Januar 1778 fand LENZ bei
dem Pfarrer OBERLIN im elsässischen Waldersbach Aufnahme. Gerade
diese unglückliche Phase im Leben des Dichters hat am meisten Beachtung
erfahren, denn GEORG BÜCHNER hat
1835 nach den Aufzeichnungen des Pfarrers OBERLIN ein beeindruckendes
Novellenfragment geschaffen, gleichsam einen Befund der Symptome der Krankheit,
aber auch einen Versuch, der Persönlichkeit des Dichters LENZ, seinem
Leiden am Leben und seiner visionären Bilder habhaft zu werden.
"Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg." Mit diesem biografischen Fakt beginnt die Novelle. Die nächsten Sätze
beschreiben den nasskalten düsteren Wald, den LENZ durchquert, und
übersteigen die rein faktische Mitteilung, indem sie auf den inneren
Zustand LENZ' verweisen, der schon im fünften Satz beschrieben ist. "Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm
nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte
er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf
gehen konnte."
Ein literarischer Erzähltext beschreibt auch das Denken und Fühlen einzelner Figuren.
Die
Tempusformen in faktualen und fiktionalen Texten
Ein Wirklichkeitsbericht, wie ihn beispielsweise
eine Dichterbiografie darstellt, bezieht sich auf ein vergangenes, abgeschlossenes
Geschehen und präsentiert es in der Tempusform des historischen Präteritums/Imperfekts.
Auch ein Erzähltext setzt ein
Geschehen als vergangen voraus, denn nur was vergangen ist, kann erzählt
werden. Der entscheidende Unterschied zum Wirklichkeitsbericht liegt darin,
dass der Leser durch die Art der Gestaltung in das Geschehen hineingezogen
wird, er es als gegenwärtig empfindet. Dabei kommt nicht nur das "epische Präteritum" (KÄTHE
HAMBURGER) in Gebrauch, sondern auch andere Tempusformen, insbesondere
in Passagen, die aus der Perspektive einer handelnden Figuren erzählt
sind. Es werden sogar Zeitadverbien verwendet, die auf eine andere Zeitebene
verweisen. Der Leser akzeptiert diese Rückwendungen und Vorausdeutungen,
wenn sie sich in den Erzählfluss einfügen und er sie als logisch
empfindet. ("Er ist achtunddreißig geworden.
Bald wird es wieder schneien. In der Nacht werden die Flocken wie Asche
herabsegeln." - THOMAS LEHR, "Nabokovs Katze",
1999)
Ein fiktiver Erzähltext lässt
vergangenes Geschehen als gegenwärtig erleben.

