
Ursprung der Novelle
Die Novelle gehört zur erzählenden
Dichtung, zur Gattung Epik.
Ihren Ursprung hat sie in der italienischen
Renaissance. Man erzählte sich zur geselligen Unterhaltung
Geschichten, in deren Mittelpunkt nicht eine Figur, sondern ein überraschendes
Geschehen, eine Neuigkeit (italienisch: novella = "Neuigkeit")
stand. Im Laufe ihrer Entwicklung hat sich ihr Charakter verändert.
Was unterscheidet eine Novelle von anderen Erzählformen,
der Erzählung, der Kurzgeschichte oder dem Roman?
GOETHE bezeichnete 1827 eine kurze Erzählung, die er gerade beendet
hatte, als "eine sich ereignete unerhörte Begebenheit".
Speziell die deutsche Novelle gilt
als die strengste Form der Prosaerzählung.
In einem dramatisch zugespitzten Geschehen läuft die Handlung der
Novelle auf einen außerordentlichen
Vorfall hinaus (Nähe zum Drama).
Dieser Vorfall weicht extrem von der alltäglichen Wahrscheinlichkeit
ab, dennoch muss er im Bezug zur tatsächlichen Realität -
anders als beim Märchen - möglich sein.
Die erdachte Realität der Novelle konzentriert sich auf das Bedeutende,
anders als der Roman verzichtet die
Novelle auf die breite Schilderung
von Details.
Ähnlich dem Drama endet die Novelle mit einer Lösung
des sich zuspitzenden Konflikts.
Einige der bekanntesten deutschen Novellendichter
sind: HEINRICH VON KLEIST ("Der Findling", "Michael Kohlhaas"),
ANNETTE VON DROSTE-HÜLSHOFF ("Die Judenbuche"), GOTTFRIED
KELLER ("Kleider machen Leute"), THEODOR STORM ("Der Schimmelreiter"),
THOMAS MANN ("Tonio Kröger", "Mario und der Zauberer").
Interpretation einer Novelle am Beispiel
von Thomas Manns "Mario und der Zauberer"
Die Textinterpretation
dient der Deutung eines literarischen Textes in Verbindung mit der Aussageabsicht
des Autors, eingebettet in den historischen Kontext. Sie ermöglicht
ein tieferes Textverständnis und kann darüber hinaus das Ziel
verfolgen, den Text anderen verständlich zu machen und nahezubringen.
Jede Textinterpretation setzt eine solide Textkenntnis
voraus.
Die bestimmende Zeitform ist das Präsens.
Die Einleitung der Interpretation
beinhaltet Informationen über den Autor und sein Werk.
THOMAS MANN schrieb die Novelle "Mario
und der Zauberer" 1930.
Die wachsende nationalsozialistische Gefahr in Deutschland erinnerte THOMAS
MANN an Erlebnisse während eines Urlaubs in Italien
1926.
Im Hauptteil findet die eigentliche
Textinterpretation statt. Man beginnt mit einer kurzen Textwiedergabe.
Anschließend setzt man sich mit Besonderheiten des Inhalts,
des Textaufbaus und der Sprache
auseinander. Dies geschieht in enger Verbindung mit der Deutung der Aussageabsicht
des Autors.
Die spezifischen Merkmale des Genres
Novelle werden am konkreten Text untersucht:
Wie wird die Novelle eröffnet?
Was steht im Zentrum der Novelle?
Worin besteht das Außerordentliche
der Novelle, das Unvorstellbare, der Brennpunkt, das Spezifische des Genres?
Wie realisiert der Aufbau des Textes
das außerordentliche Geschehen?
Was ist das Thema der Novelle?
Das fingierte Geschehen, die dramatische Zuspitzung des Konflikts und
dessen Lösung werden vor dem realen historischen Hintergrund gedeutet
und in einen außerhalb der Fiktion liegenden Zusammenhang eingeordnet.
Welche künstlerischen Mittel setzt
der Autor ein?
Viele Novellen erkennt man als solche an ihrer Eröffnung. Bereits der erste Satz in THOMAS MANNs Novelle verleitet eigentlich nicht zum Erzählen. Der Leser bekommt etwas Unangenehmes zu erfahren: "Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch
unangenehm“. Die Eröffnung verrät auch gleich zu Beginn und äußerst
eindrucksvoll die Erzählereinstellung:
"Die Erinnerung ... ist atmosphärisch unangenehm." Der darauf folgende Satz steigert diese Wahrnehmung durch den Leser nur noch: „ Ärger, Gereiztheit, Überspannung lagen von Anfang
an in der Luft,“ dieser Halbsatz suggeriert, dass es eine Art von Vorherbestimmung gewesen sei, was an Ereignissen folgt. Die Figur, die zum Erzählanlass wird, stellt Thomas Mann zunächst scheinbar nebenbei vor: „und zum Schluss kam der Choc mit diesem schrecklichen
Cipolla“. Damit ist der Satz jedoch noch nicht zu Ende. In typisch mannscher Manier prasselt in der Folge eine Wortkanonade auf den Lesr nieder, die Cipolla aber sehr präzise als einen Menschen vorstellt, der ... das eigentümlich Bösartige der
Stimmung auf verhängnisvolle und übrigens menschlich sehr eindrucksvolle
Weise zu verkörpern und bedrohlich zusammenzudrängen schien."
Aus dem noch unbekannten Verlauf des Geschehens schneidet THOMAS MANN einen einzelnen Gegenstand heraus. Es ist jener, auf den sich die gesamte Dramatik seiner Novelle zuspitzt: der italienische Ort Torre die Venere und Cipolla. Sowohl über den Ort als auch über die genannte Person erfährt man erst im weiteren Verlauf der Novelle Genaueres, obgleich über Cipolla erst ziemlich spät, gegen Ende des ersten Drittels der Handlung.
Der Autor, der in der Novelle die Rolle des außenstehenden
Erzählers spielt, bekundet gleich im ersten Satz seine übergroße
Abneigung dem Erlebten gegenüber.
Damit ist das Unheilvolle ("das
eigentümlich Bösartige"), das sich im Laufe der Handlung
dramatisch zuspitzen wird, bereits angekündigt; der Leser ahnt, was
emotional auf ihn zukommen könnte. In der Tat wird ihn dieses atmosphärisch
Unangenehme durch den gesamten Verlauf der Geschichte begleiten.
Die Bedrohung ("bedrohlich zusammendrängen") selbst kündigt
THOMAS MANN in seiner Eröffnung an, gleichzeitig aber auch ein Gefühl
gewisser Faszination, die von ihr in Person des Cipolla
ausgeht.
Das Zentrum der
Novelle findet man oft schon im Titel.
Es kann u. a. ein Ding sein ("Die Judenbuche"), eine Person ("Michael
Kohlhaas"), ein Ereignis ("Der Zweikampf") oder eine Situation
("Der Tod in Venedig").
Bei "Mario und der Zauberer" steht der Konflikt
selbst im Zentrum, personifiziert durch die Titelfiguren Mario und den
Zauberer.
Sie verkörpern den Konflikt in seiner äußersten Zuspitzung.
Mario auf der einen Seite, als Vertreter der einfachen Burschen aus dem
Volk, der sich unerwartet und als Einziger erfolgreich dem "bösen
Zauber" zur Wehr setzt.
Der Zauberer Cipolla auf der anderen Seite, der als Symbolfigur
chauvinistischer Moral sowie des italienischen Faschismus die Handlung
mit seinen an Unerträglichkeit zunehmenden Experimenten in die Katastrophe
treibt.
Das Außerordentliche des Geschehens,
der Brennpunkt, das Spezifische der
Novelle besteht in dem skandalösen Auftreten des Zauberers Cipolla
und dessen unvorhergesehener Folge.
Er wählt aus dem Publikum bewusst junge Männer der unteren Volksschichten
aus: "Cipolla hütete sich, den vornehmen
Teil des Publikums zu belästigen."
Nachdem er sich in nationalistischen Phrasen erging ("Geht
an eure Plätze! Jedermann kann schreiben in Italien, dessen Größe
der Unwissenheit und Finsternis keinen Raum bietet."), erniedrigt
er die Burschen in steigender Dramatik zunächst verbal ("Schon
deine Zunge, deren Reinheit zu wünschen übrig lässt, deutet
auf akute Unordnung des gastrischen Systems ..."). Schließlich
versetzt er sie in Hypnose und macht sie zu Objekten, die willenlos seinen
Befehlen folgen. Die Erniedrigung findet ihren "unerhörten"
Höhepunkt, als er den unglücklich
liebenden Mario, dessen Gesicht eine "primitive
Schwermut" erkennen ließ, auf die Bühne holt. Nachdem
der Zauberer ihn erst verhöhnt, indem er Marios intimste Geheimnisse
vor allen ausplaudert, steigert er die Erniedrigung ins Unerträgliche.
Mario muss Cipolla küssen. "Der Augenblick
war
ungeheuerlich
, - der Augenblick von Marios Seligkeit",
urteilt der Autor. Nachdem die Reitpeitsche Cipollas Mario aus dem Rausch
ins reale Leben zurückgeholt hat, begreift der junge Mann die ihm
angetane Schmach. Und es geschieht etwas für alle Unerwartetes: Ausgerechnet
Mario beendet das grausame Spiel, indem er Cipolla niederschießt.
Die Außerordentlichkeit dieses
Geschehens hat auch äußere Gestalt.
Zum einen in der Hässlichkeit Cipollas: "Er
hatte sehr hässliches Haar." ... "Der kleine Leibschaden,
von dem er vorbeugend gesprochen hatte, war jetzt nur allzu deutlich sichtbar
..." Im Gegensatz dazu zeichnet THOMAS MANN die Dienstleute
und Fischer, zu denen auch Mario gehört, sympathisch, er erwähnt
die freundschaftliche Verbindung der Kinder zu ihnen. Mario selbst wirkt
eher sanft, von "Brutalität des Ausdrucks
konnte keine Rede sein; dem hätte schon die ungewöhnliche Schmalheit
und Feinheit seiner Hände widersprochen ..., von denen man sich gerne
bedienen ließ."
Typisch für die Novelle ist, dass die knappe
Darstellung wenig Raum für die Differenzierung
der Charaktere lässt.
Der Aufbau der Novelle ähnelt
dem des Dramas.
In der Exposition von "Mario
und der Zauberer" schildert THOMAS MANN zunächst in lockerem
Plauderton den italienischen Urlaubsort Torre di Venere. Auch Mario, der
Kellner eines Gartencafés, "von dem ich
dann gleich erzählen werde", wird kurz erwähnt.
Doch die Idylle trügt. Mehrere Unannehmlichkeiten kündigen das
drohende Unheil und den Anstieg der dramatischen
Handlung an:
Auf Verlangen einer adligen Dame muss die Familie wegen des abklingenden
Keuchhustens des kleinen Sohnes das Hotel verlassen.
Am Strand "wimmelte es ... von
patriotischen Kindern".
Schließlich erregt die Nacktheit der achtjährigen Tochter des
Erzählers die Spießer am Strand: "Nicht
allein Buchstabe und Geist der öffentlichen Badevorschriften, sondern
zugleich die Ehre seines Landes seien freventlich verletzt", ereifert
sich ein "Herr im städtischen Schniepel". Der Erzähler
urteilt: "Diese Leute machten ... etwas wie eine
Krankheit durch."
Dass die Familie nach diesem Vorfall ein Strafgeld bezahlen muss, kann
der Erzähler noch mit Ironie betrachten: "Wir
fanden, diesen Beitrag zum italienischen Staatshaushalt müsse das
Abenteuer uns wert sein ..."
Doch ihn beschleicht eine Vorahnung
des drohenden Unheils: "Wir blieben also und erlebten als schrecklichen Lohn unserer Standhaftigkeit
die eindrucksvoll-unselige Erscheinung Cipollas." Fast zeitgleich
mit dem Auftritt des Hypnotiseurs schlägt das Wetter um: "Der
Himmel bedeckte sich", ebenfalls ein dramaturgischer
Griff des Autors, um die kommende düstere Stimmung zu vermitteln.
Ab hier nimmt die Handlung an Dramatik
zu, sie steigt steil an.
Durch das zu späte Erscheinen Cipollas und die damit verbundene Unruhe
der Zuschauer liegt bereits Spannung in der Luft. Proportional mit der
Spannungssteigerung bei jedem neuen Auftritt der Versuchspersonen steigt
der Grad menschlicher Erniedrigung durch den Hypnotiseur. Ein Bursche krümmt sich im Zustand der Hypnose
vor Leibschmerzen, ein anderer streckt dem Publikum die Zunge heraus. "Ein Herr aus Rom" scheint dem Zauberer
Widerstand leisten zu wollen. Er weigert sich zu tanzen. "Dieser
Brave wollte die Ehre des Menschengeschlechts heraushauen." Doch
auch sein Wille wird von Cipolla gebrochen und er tanzt mit den anderen
"Hampelmännern".
Schließlich werden die heiligsten menschlichen
Gefühle, nämlich die der Liebe, von Cipolla mit Füßen
getreten. Erst hier tritt Mario wieder in Erscheinung. Er ist der unglücklich
Liebende, den der Zauberer verspottet und von dem er schließlich
- in Trance versetzt - verlangt, ihn zu küssen.
Cipolla wähnt sich auf dem Gipfel seines "Ruhms"; ebenso
ist der Gipfel der Widerwärtigkeit,
der Menschenverachtung erreicht. Der
Höhepunkt der Novelle. Die Spannung
kann größer nicht sein, jetzt muss etwas passieren. Der Knall
von Cipollas Reitpeitsche, der Mario weckt, ist das Signal zum Wendepunkt der Novelle. Mario schießt den Schurken nieder. Das latente Unheil
mündet in eine Katastrophe.
Dann fällt die Handlung schnell und kurz
ab. Die Novelle endet mit einer Wertung
des Erzählers: "Ein Ende mit Schrecken,
ein höchst fatales Ende. Und ein befreiendes Ende ...!"
Das Thema einer Novelle kann zum
Beispiel ein moralisches Problem sein,
ein allgemein menschliches oder ein gesellschaftliches.
"Mario und der Zauberer" spiegelt in gleichnishafter Form die
faschistischen Tendenzen jener Zeit wider.
In Italien bestand bereits seit 1922 eine faschistische Diktatur und THOMAS
MANN beobachtete mit Besorgnis die wachsende faschistische Gefahr in Deutschland.
In der Novelle lässt er Cipolla sagen: "Die
Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die Willensfreiheit
existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet,
stößt ins Leere." Der Hypnotiseur Cipolla unterwirft
den Willen seiner Zuschauer auf menschenverachtende Weise seinem eigenen,
er macht sie zu willenlosen Objekten, die ihm blind folgen und sich ihrer
Entwürdigung nicht bewusst sind. Selbst der starke Wille des "Herrn
aus Rom", der sich mutig aus einer gesunden menschlichen Empfindung
heraus dem entgegenstellt, wird von dem tyrannischen Zauberer gebrochen,
weil er nichts entgegenzusetzen hat.
THOMAS MANN dazu: "Wahrscheinlich kann man vom
Nichtwollen nicht leben." Die psychologische
Deutung muss ins Politische übertragen werden. Das Unterwerfen
seines Publikums durch den Hypnotiseur Cipolla ist ein Gleichnis
für die Unterwerfung des Volkes unter eine faschistische Diktatur.
Auch Diktatoren arbeiten mit Mitteln der geistigen
Manipulation, um ihre Interessen durchzusetzen. Mit "kleinem,
schwarz gewichstem Schnurrbärtchen über dem faltig verschlossenen
Munde" gleicht Cipolla nicht zufällig der Symbolgestalt
des deutschen Faschismus.
In der Novelle finden alle sprachlich-künstlerischen
Mittel wie in anderen Werken der Erzählkunst Platz.
Namen überlässt der Novellendichter
meist nicht dem Zufall.
Seinem Protagonisten Mario entlieh THOMAS MANN den Namen aus der Antike,
von Marius, dem erbittertsten Gegner des Diktators Sulla. Das italienische
Wort cipolla bedeutet Zwiebel, was sowohl die äußere Erscheinung
des Zauberers als auch sein inneres Wesen deutungsreich charakterisiert.
Interessant ist, mit welcher Vielfalt THOMAS MANN Cipolla benennt:
"ein fahrender Virtuose, ein Unterhaltungskünstler, Forzatore,
Illusionista und Prestidigitatore (so bezeichnete er sich)",
"Zauberer", "Gaukler", "Hypnotiseur", "dieser
allzu Sichere", "Krüppel", "der selbstbewusste
Verwachsene", "der Bucklige", "Conférencier",
"Chevalier", "Cavaliere", "Meister", "der
Schreckliche", "Persönlichkeit von strenger Selbstsicherheit",
"ein durcheinander geworfenes Bündel Kleider und schiefer Knochen".
Er vergleicht ihn mit dem "Typus des Scharlatans, des marktschreierischen
Possenreißers" des 18. Jahrhunderts. Das Furcht einflößende
Zubehör des Zauberers, die Reitpeitsche, vergleicht der Autor mit
dem "Stab der Kirke" (Kirke oder Circe = Zauberin aus der griechischen
Mythologie). Und dem Vergleich folgt noch eine Metapher
mit zwei Personifizierungen: "... diese pfeifende
Ledergerte mit Klauengriff herrschte uneingeschränkt."
Im Gegensatz dazu wirkt die "Humbugschärpe" lächerlich.
Aus dem Mund Cipollas kommen unter anderem die Metaphern "Salzfisch
und Meeresobst" und "Ritter der Servietten". Damit meint
er - verachtend - den jungen Burschen, den THOMAS MANN "Giovanetto"
nennt, und - schmeichlerisch - Mario.
Die Personifizierung "ein schwächlicher
Regen" kündigt die körperlich schwächliche Erscheinung
Cipollas an.
Auffällig in THOMAS MANNS Novelle ist die immer wieder auftretende
Originalsprache Italiens, meist als
klangvolle Ausrufe der italienischen Menschen ("Pronti!", "Poveretto!",
"Balla"). Als Leser fühlt man sich unmittelbar an den Ort
des Geschehens versetzt.
An wenigen Stellen spricht der Erzähler, der im Präteritum
erzählt, den Leser direkt (im Präsens) an: "Sie
begreifen unsere Nervosität." Damit entsteht der Eindruck,
dass der Autor das Erlebte einem als Leser ganz persönlich erzählt,
man fühlt sich dem Dichter ganz nahe. Indem er beim Leser mittels
direkter Anrede um Verständnis wirbt, teilt er ihm vertrauensvoll
sein Unbehagen mit. Obwohl der Erzähler überwiegend als passiver
Beobachter an dem Geschehen teilnimmt, entsteht durch seine Erzählform
in der ersten Person eine große Authentizität. Man kann ihn
sich als aufmerksamen Augenzeugen, dem kein Detail entgeht, sehr gut vorstellen.
Weniger für eine Novelle als für den Dichter THOMAS MANN ist
ein komplizierter hypotaktischer
Satzbau typisch. Die langen Sätze werden häufig durch Einschübe
(Parenthesen) unterbrochen. Satzverbindungen
innerhalb umfangreicher Satzstrukturen trennt er gern durch Semikolon.
Unmittelbar nach der Katastrophe ("zwei flach schmetternde Detonationen")
folgen jedoch drei kurze einfache Sätze aufeinander (parataktisch):
"Alsbald trat Lautlosigkeit ein. Selbst die Zappler
kamen zur Ruhe und glotzten verblüfft. Cipolla war mit einem Satz
vom Stuhle aufgesprungen." Dieser äußere Stilbruch
geht konform mit dem Bruch (Wende) in der Handlung, mit dem Unerwarteten,
das eingetreten ist. Auf einmal ist Cipolla das Opfer.
Am Ende der Novelle benutzt THOMAS MANN sogar verkürzte, syntaktisch
nicht vollständige Sätze (Ellipse):
"Ein Ende mit Schrecken, ein höchst fatales
Ende." Sicher ein Ausdruck seiner Sprachlosigkeit und Erschöpfung
nach diesem Geschehen.
Im Schlussteil der Textinterpretation
fasst man die Ergebnisse zusammen und
versucht eine Wertung.
Um die Interpretation sprachlich geschlossen
darzustellen, kann man sich auf die Einleitung beziehen, man kann darüber
hinaus das besprochene Werk in das Gesamtwerk des Autors einordnen.
Wertkriterien können
sein: formale Vollendung, Authentizität der Darstellung, Tiefe der
gedanklichen Durchdringung, Originalität der Sprache, emotionaler
Eindruck, Aktualität in der Gegenwart.
Das Werk eines berühmten Autors zu werten ist sicher nicht ganz leicht.
Hier sind die Urteilsfähigkeit und der Geschmack des Lesers gefragt.
(Die Zitate stammen aus dem Band: Mann, Thomas: Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis. 20. Aufl., Frankfurt: Fischer Verlag, 2005)