
Verlag und Buchhandel
Im 18.
Jahrhundert war die deutsche
Nationalliteratur entstanden. Die Verlage konkurrierten um neue Leser kleinbürgerlicher
und bürgerlicher Herkunft. Der freiberufliche Schriftsteller und der Journalist
wurden zu anerkannten Berufen. Seitdem hatte die Produktion der Verlage stark
zugenommen und sich auch der Buchhandel stark verändert. Das Verhältnis
zwischen Verlag und Buchhandel
musste neu geregelt werden. Nicht alles, was die Verlage produzierten, traf den
Geschmack und das Interesse der Leser, sodass der Buchhandel sein Angebot (Sortiment)
selbst bestimmte und eigene Strategien entwickelte, wie das Interesse einzelner
Lesergruppen bedient und geweckt werden könnte und vor allem, wie man den
Lesern preiswerte Angebote machen konnte. Der Kauf von Büchern für eine
Privatbibliothek kam nur für eine sehr kleine Lesergruppe infrage.
"Börsenverein
des Deutschen Buchhandels"
Um die eigenen Interessen besser vertreten
zu können, gründeten die Buchhändler 1825 den "Börsenverein
des Deutschen Buchhandels". Fachleute gehen davon aus, dass sich der
Buchhandel zwischen 1848 und 1880 in einer schweren Absatzkrise befand. Offensichtlich
lasen viele die in immer größerer Zahl erscheinenden Zeitungen und
Zeitschriften, um sich zunächst über politische Ereignisse zu informieren
und kehrten dann nicht wieder zu alten Gewohnheiten zurück, zumal auch Zeitungen
und Zeitschriften nun verstärkt literarische Texte anboten. Erst um 1879
erreichte die Buchproduktion wieder den Stand von 1843 (Bild 1). Den Boom vor 1848 verdankten
Verlage und Buchhandel vor allem der Entstehung einer neuen gebildeten Schicht,
das sogenannte Bildungsbürgertum, nachdem 1830 das Abitur, die Gymnasialausbildung,
eingeführt worden war. Belesenheit, Textkenntnis und Zitatwissen begann etwas
zu gelten. Ergänzt wurde diese Gruppe bald durch die schnell entstehende
Schicht der Techniker und Büroberufe im Zuge der rasanten Industrialisierung.
Es entstand eine relativ große Schicht der Gebildeten. Gebildet zu sein
gehörte zum guten Ton. Vor allem Schiller erfreute sich in dieser Zeit großer
Beliebtheit.
Buchproduktion nach 1880
Nach
1880 wuchs die Buchproduktion bis zur Jahrhundertwende schnell um fast 60%.
1868-1869 zeigte die Einführung
der Gewerbefreiheit seine Wirkung. Nun konnte theoretisch jeder in Preußen
ein entsprechendes Gewerbe in diesem Bereich anmelden, was zu einem sprunghaften
Anstieg der Buch- und Zeitschriftenproduktion führte. Neue belletristische
Großverlage wurden gegründet. Wichtig für die Verlagsgeschichte
war die Herausgabe der ersten Taschenbuchreihe, der Reclams
Universalbibliothek. In der Titelliste orientierte sich der Verlag an dem
Konzept „Bildung für
alle“ und hatte deshalb kaum oder keine Gegenwartsliteratur in diesem
Programm, sondern Werke, die man zum klassischen Erbe rechnete. Unter der Nummer
1 erschien 1867 GOETHEs "Faust", der als das wichtigste Werk der deutschen
Nationaldichtung galt. Seit der klaren 30-Jahre-Regelung war es möglich geworden,
große Auflagen von sehr preiswerten Klassikernachdrucken anzubieten. 1912
gab es die ersten Reclam-Automaten, an denen man für 20 Pfennig Literatur
"ziehen" konnte.
Schnell
wechselnde Moden
Die große Produktion ließ auch schnell
wechselnde Moden in einem bis dahin nicht gekannten Umfang entstehen:
Zeitschriften
für die bürgerliche Familie
Typisch für den nachrevolutionären
Zeitschriftenmarkt sind Zeitschriften
für die bürgerliche Familie (Titel: "Unterhaltungen am häuslichen
Herd" ab 1852, "Für Palast und Hütte" ab 1862, "Daheim"
ab 1864, "Familienfreund" ab 1868). Jeweils ein Drittel etwa war für
literarische Texte reserviert. Damit hatten diese Zeitschriften entscheidenden
Einfluss auf die Geschmacksbildung ihrer Leser, die wiederum das umfangreiche
Angebot an einfacher, unterhaltender Literatur mit konstanter bzw. steigender
Nachfrage belohnten.
Abonnementreihen
Die
Verlage und Buchhändler entwickelten spezielle Abonnementreihen
wie
die ab 1863
wöchentlich zwei Romane nebeneinander vorstellte. Die Initiativen richteten
sich auf die vielen, die noch nicht lasen oder das Lesen erlernt hatten.
Besonders
seit 1848 waren viele Neu-Leser hinzugekommen, da sich die Anzahl der Menschen,
die lesen konnten, durch Verbesserungen im Volksschulwesen ständig erhöht
hatte. Auf der Basis des Volksschulsystems sank die Zahl der Nicht-Leser zwischen
1840 und 1890 von 50% auf 10% (Bild 2). Eine Folge der Kommerzialisierung und fast 100%igen
Technisierung der Buchproduktion waren besondere Aktivitäten im Bereich der
Kinder- und Jugendliteratur, im Kampf um die Neu- bzw. Erstleser und um die Vielleser
zu beobachten. Gerade die jungen Leser versuchte man früh an einen bestimmten
Typ der Verteilung und der Geschichten zu binden.
Aus und neben den Abonnementreihen
entwickelten sich bald
die sowohl Verlage als auch Buchhandelsgemeinschaften
organisierten. Attraktiv gemacht wurde neben der Leihbibliothek der private Besitz
von Büchern, indem man Mitgliedern z. T. speziell eingerichtete Ausgaben
zu besonders günstigen Konditionen anbot.
Mit der zunehmenden Lesefähigkeit
der Bevölkerung wurden große Gruppen zu Literaturkonsumenten, wenn
sie auch vor allem unterhaltende Literatur lasen.
Ausbildung
von kulturellen Gewohnheiten
Zunehmende Sesshaftigkeit und eine gesicherte
soziale Existenz ermöglichten die Ausbildung
von kulturellen Gewohnheiten. Zu diesen Gewohnheiten gehörte die Nutzung
des breiten Netzes von Leihbibliotheken, das sich neben Wanderbüchereien
bis Ende des Jahrhunderts entwickelt hatte. Die Bedeutung dieser Einrichtungen
für das literarische Leben des 19. Jahrhunderts war immens hoch: fast 90%
des literarischen Publikums versorgte sich gegen Leihgebühren dort mit Lesestoff.
Neben allgemeinen Leihbibliotheken gab es spezielle Büchereien religiöser
Gesellschaften oder Bildungsvereine. Das heißt, dass der Einzelne als Privatperson
wenige und selten Bücher kaufte. Die Hauptabnehmer der Verlage waren die
Büchereien. Diese wiederum garantierten den Verlagen einen kalkulierbaren
und relativ stabilen Absatz von mehreren Exemplaren eines Titels. Nahm eine Bücherei
einen Titel in den Bestand auf, garantierte das dem Autor einen sprunghaften Anstieg
der Auflage und damit seit 1886, seitdem der Urheberschutz verbessert worden war,
mehr Geld.
Die Autoren dieser Zeit
Die
meisten Autoren dieser Zeit
sind von ihren Büchern jedoch nicht reich geworden.
Eine Ausnahme war
FRITZ REUTER, der seine Bücher in plattdeutsch schrieb und in Norddeutschland
fast konkurrenzlos ein großes Lesepublikum hatte. Weitere Publikumslieblinge
waren GUSTAV FREYTAG, FELIX DAHN und PAUL HEYSE, die durch Vorabdrucke in den
Zeitschriften (wie die "Gartenlaube", dem bekanntestes Familienblatt)
bekannt geworden sind. Das anspruchsvollere Lesepublikum las die "Deutsche
Rundschau", 1874 gegründet. Dort veröffentlichten Autoren wie STORM,
KELLER, MEYER und FONTANE. Die Zeitschriftenveröffentlichungen begünstigten,
dass die Novelle zur beliebtesten Textform
wurde, spannend und so kurz, dass sie sich zum Vorlesen und Abdruck in Teilen
eignete. Später erschienen Vorabdrucke auch verstärkt im Feuilleton-Teil
von Zeitungen. Durch diese Publikationsform entstand der Typ
des Zeitungsromans, des Romans, der direkt in Fortsetzungen geschrieben wurde.
Jeder Teil musste einen schnell erkennbaren Zusammenhang zu den anderen Teilen
haben und zugleich in sich relativ selbstständig sein, d. h. einen eigenen
Spannungsbogen besitzen. Ab den 70er Jahren brachte die schnell wachsende Presse
jährlich ca. 20 000 Fortsetzungsromane. Erfolgreiche AutorInnen waren u. a. EUGENIE MARLITT(1825-1887) und FRIEDRICH
WILHELM HACKLÄNDER (1816-1877). Es entstand ein großes Angebot
an Trivial- und Unterhaltungsliteratur. Unter den Autoren waren viele Frauen.
Neue Erscheinungs- und Verteilungsformen
Viele
neue Erscheinungs-
und Verteilungsformen entwickelten sich:
Das Angebot wurde von einer großen Gruppe von Verteilern, sogenannten Kolporteuren, in die Häuser, direkt zu den Lesern gebracht. Andere Produzenten gingen andere
Wege.
Das wachsende Industrieproletariat gehörte zunächst weniger
zu den potenziellen Lesern, erst Ende des Jahrhunderts mit der Verkürzung
der Arbeitszeit entstanden eigene kulturelle Formen wie die regelmäßige
Benutzung von speziell eingerichteten Arbeiterbibliotheken, Verlage und Verteilerorganisationen
sowie Abendkurse. „Wissen
ist Macht“ wurde zu einem Schlagwort. Eine bessere Lebensperspektive
wurde mit einer besseren Bildung verbunden.