Ähnlich wie mit den Märchen verhält es sich später auch mit einigen Romanen, die heute der klassischen Jugendliteratur zugeordnet werden. JONATHAN SWIFTs Gulliver's Travels (1699), um ein frühes Beispiel zu nennen, war ursprünglich für Erwachsene geschrieben und wurde erst durch die lang anhaltende Beliebtheit beim jungen Publikum zum Kinderbuch. Ähnlich erging es MARK TWAINs Tom Sawyer. Und auch die Comics, die gemeinhin als Jugendunterhaltung erachtet werden, wurden zunächst zur Erheiterung Zeitung lesender Erwachsener abgedruckt, bevor sie ihr Image der jugendlichen Erzählform bekamen.
Die Klassiker
Die frühsten speziell für Heranwachsende geschriebenen Bücher
sind Erziehungs- und Anstandsbücher. Bücher, die eigens zur Unterhaltung von Kindern und Jugendlichen geschrieben wurden, kamen Mitte des 19. Jahrhunderts
auf. Alice in Wonderland, 1865 erschienen,
gilt als eines der ersten und führt auch gleich ein lange Zeit der
Jugendliteratur zugewiesenes Element ein: fantastische, also nicht-realistische
Figuren und Ereignisse. Autor von Alice's Adventures in Wonderland (1865) war der Engländer CHARLES LUTWIDGE DODGSON. Von Beruf eigentlich
Mathematiker schrieb er unter dem Pseudonym LEWIS
CARROLL. Die Geschichte von der
kleinen Alice, die einem weißen Hasen folgend allerlei unerhörte
Abenteuer erlebt, ist bis heute ein Klassiker und fasziniert Jung wie Alt ungebrochen. Lang ist die Liste der Interpretationen,
die Literaturwissenschaftler, Künstler oder Philosophen für
die Geschichte gefunden haben, zu Volksgut geworden sind viele der kleinen Sprüche und Reimdichtungen darin.
Eines der frühsten Jugendbücher aus dem zu dieser Zeit noch jungen Amerika war Little Women (1868) von LOUISA MAY ALCOTT. Als Domestic Drama (Familienepos) für Jugendliche gedacht, schildert der Roman das Familienleben wie es in den Neuenglandstaaten idealerweise sein sollte. Heldinnen sind die vier Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy, die sich mit den Widrigkeiten des Lebens in der neuen Welt herumschlagen müssen und dank der frommen und patriotischen Gesinnung ihrer Schöpferin tapfer, reif und allzeit in Einklang mit den Werten des religiös-aufgeklärten jungen Amerikas handeln.
Um die Jahrhundertwende erreichte die Jugendliteratur in den USA und Großbritannien, aber auch in anderen englisch sprechenden Ländern ihre erste Blüte. 1900 erschien in Amerika LYMAN FRANK BAUMs The Wonderful Wizard Of Oz. Erzählt wird die Geschichte von dem Mädchen Dorothy und seinem Hund Toto, die jenseits des Regenbogens im Land Oz Abenteuer mit Hexen, Vogelscheuchen, einem Mann aus Blech und einem Löwen ohne Mut erleben. Das Buch war so erfolgreich, dass es in mehreren Folgeromanen als Serie fortgesetzt wurde.
Der britische Autor RUDYARD KIPLING, weltweit vor allem für sein The Jungle Book (1894) berühmt, veröffentlichte
1902 seine äußerst erfolgreichen Just So
Stories For Little Children, in Kanada landete 1908 LUCY MAUD MONTGOMERY
mit Anne Of Green Gables, der Geschichte um
ein temperamentvolles Waisenmädchen, das bei einem Geschwisterpaar
ein neues Zuhause findet, einen zeitlosen Erfolg. Besonders bei Leserinnen
kam Anne, von der insgesamt sechs Bücher handeln, groß an und
ist eine bis heute bekannte und geliebte Heldin.
1911 erschien, aus Schottland kommend, JAMES MATTHEW BARRIES Peter
And Wendy, besser bekannt als Peter
Pan. Die Geschichte des kleinen
Peter, der nicht erwachsen werden will, im zauberhaften Neverneverland
die verlorenen Buben findet und sich mit Hilfe der Fee Tinkerbell gegen
den bösen Piraten Captain Hook behaupten muss, lieferte nicht nur
die Vorlage für zahlreiche Verfilmungen und Bühnenadaptionen, sondern inspirierte auch neue Geschichten und
Filme.
Ebenfalls im Jahr 1911 feierte die nach Amerika ausgewanderte Engländerin FRANCES HODGSON BURNETT mit ihrem ähnlich fantastischen The Secret Garden einen großen Erfolg. BURNETT war bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit Little Lord Fauntleroy (Der kleine Lord) zu Ruhm und Ehre gelangt. Ihre Geschichte von dem kleinen Wildfang und dem griesgrämigen Adligen hatte einen regelrechten Kleiner-Lord-Modehype ausgelöst.
1934 machte die Australierin PAMELA TRAVERS auf sich aufmerksam. Ihr
am Regenschirm durch London fliegendes Wunderkindermädchen Mary
Poppins eroberte die Leserherzen im Sturm.
1937 erschien JOHN RONALD REUEL TOLKIENs The
Hobbit. TOLKIEN, der Professor
für englische Sprache und Literatur war, schrieb das Buch eigens
für Heranwachsende, während seine später verfasste Fortsetzungsserie The Lord Of The Rings als Erwachsenenliteratur
gedacht war.
ENID BLYTON gilt als eine
der ganz großen britischen Jugendbuchautoren. In der ganzen Welt
berühmt geworden ist ihr detektivisch veranlagtes Quintett Famous
Five. Ihr erstes gemeinsames Abenteuer erleben die fünf Freunde
Julian, Dick, Anne, George und der Hund Timmy 1942 in Five
On Treasure Island.
1950 gelang dem Iren CLIVE STAPLES LEWIS mit The Lion
The Witch And The Wardrobe ein zauberhaftes Märchen, während
der Amerikaner ELWYN BROOKS WHITE 1952 mit einer Spinne als Heldin in
Charlotte's Web eine herzergreifende Freundschaftsgeschichte schrieb.
Äußerst schrill und nicht unbedingt liebenswürdig ist The Cat In The Hat, das 1957 erschien. Der
Autor und Zeichner THEODOR SEUSS GEISEL, besser bekannt als DR. SEUSS
ist inzwischen selbst zu einer Art Kultfigur geworden.
Ebenso legendär, aber noch weitaus schillernder, weniger lieb, als
vielmehr gruselig sind die Geschichten des Briten ROALD DAHL. 1964 erschien
sein Charlie And The Chocolate Factory, als
Klassiker gehandelt werden auch The BFG (1982)
und Matilda (1988).
Die Entdeckung der Young Adults
Mitte bis Ende der 1960er-Jahre wurde in Amerika ein neuer Zugang zur
Kinder- und Jugendliteratur gefunden. Man entdeckte die Young
Adults als eigenes Publikum mit eigenen Bedürfnissen. Eine neue
Art von Realismus prägte eine
neue Art von Jugendbuch. Für die Young Adults zwischen 12 und 18 mit ihren Problemen, Sorgen und Nöten schrieben
als erste Autoren wie JUDY BLUME oder SUSAN ELOISE HINTON. Ihre Jugendromanen
wie Are You There God? It's Me, Margaret (1970)
handelten von der ersten Liebe, Sexualität und Religion, dem Alltag
und wie er sein kann, thematisierten das echte Leben und rückten
so den Lesern in ihrer Realität entgegen, anstatt in eine andere
Welt zu entführen.
Die Young Adults wurden und werden als Publikum
ernst genommen. Büchereien und Buchhandlungen richteten für
sie eigene Abteilungen ein; der Buchmarkt begann, sich eingehend mit der lesenden Jugend zu beschäftigen. Der
Maßstab für Jugendliteratur war nun nicht mehr so sehr an Erzählstil
und Form gebunden, sondern orientierte sich an jugendgerechten
Themen. Biografien, Sachbücher und Erwachsenenromane, die
für Jugendliche interessante Themen hatten, wurden den Young
Adults nun als Lektüre zugestanden. Der ganze Bereich Kinder-
und Jugendliteratur strukturierte sich zu der Form, die wir heute kennen.
Verschiedene Genres innerhalb der
Gattung wurden erkannt und benannt, Fantasy, Historical
Fiction, Mystery, Horse Stories oder Problem
Novels seien hier als Beispiele genannt.
Die Kinder- und Jugendliteratur hatte sich als eigene Gattung etabliert. Mehr noch, sie wurde ernst genommen, anerkannt und gewürdigt,
wie die eigens für diese Kategorie erschaffenen Buchpreise, die Carnegie Medal oder der Guardian
Award in Großbritannien, der Margaret
A. Edwards und der Michael L. Printz Award in den USA beweisen.
Helden in Serie
Jugendbuchserien sind
seit Anfang des 20. Jahrhunderts traditionell erfolgreich und verkaufsträchtig.
Genre übergreifend und auf variierendem Niveau, begeistern sie junge
Leser und binden sie an sich. Zu unterscheiden ist zwischen den in Serie
gehenden Geschichten einzelner Autoren und den von vornherein auf Fortsetzung angelegten Serien sogenannter Syndikate. Für Erstgenanntes wären
als frühes Beispiel die Narnia-Geschichten von C.S. LEWIS zu nennen,
die zwischen 1939 und 1956 erschienen. LEWIS, der bereits mit The
Lion The Witch And The Wardrobe sein Publikum begeistert hatte,
schickte es in sieben Romanen auf Leseabenteuer in eine magische, zauberhafte
Welt mit wundersamen Wesen und geheimnisvollen Geschichten.
JOANNE KATHLEEN ROWLINGs Harry
Potter Romane über den liebenswerten Zauberlehrling auf seinem
immer verschlungener werdenden Lebensweg können als aktuelles Beispiel
für eine Ein-Autoren-Serie genannt
werden, ebenso DANIEL HANDLERs in Amerika äußerst erfolgreiche Lemony Snicket's-Serie über die drei vom
Unglück verfolgten Waisen Violet, Klaus und Sunny Baudelaire. Der
Leser begleitet diese Helden durch mehrere Bücher hinweg und durchläuft
gemeinsam mit ihnen eine Entwicklung, die zu Identifikation und Mitgefühl
führt.
Anders verhält es sich mit vor allem in den USA verbreiteten Serien
wie den Hardy-Boys oder Nancy
Drew, die stets in sich abgeschlossene Abenteuer anbieten und nicht in chronologischer Reihenfolge gelesen werden müssen,
um in den vollen Lesegenuss der verstehenden Zuschauers zu kommen. Sowohl
die Hardy-Boys, zwei Brüder im Teenager-Alter,
die als Privatdetektive knifflige Abenteuer erleben, als auch ihr weibliches
Pendant, die hübsche Anwaltstochter Nancy Drew wurden in den 1930ern von EDWARD STRATEMEYER erfunden und von sich ablösenden,
anonym arbeitenden Ghostwritern geschrieben.
Während also auf dem Buchumschlag der bis in die 1990er-Jahre laufenden
Serien immer derselbe erfundene Name, FRANKLIN L. DIXON bei den Hardy-Boys, CAROLYN KEENE bei Nancy Drew steht, haben sich die Schreiber über
Generationen hinweg immer wieder abgelöst. Da die Geschichten allesamt
in sich spannende, abgeschlossene Einheiten sind, eigneten und eignen
sie sich auch hervorragend fürs Fernsehen. In den 1970er-Jahren waren die Hardy-Boys denn
auch auf dem Bildschirm zu bewundern.