Bulimiker richten ihre Selbstwahrnehmung stark nach Gewicht und Körperfom aus. Das heißt: wenn sie zu "dick" werden, fühlen sie sich hässlich und abstoßend, auch verletzlich. Nur wenn der Körper perfekt den eigenen Ansprüchen genügt, sind sie mit sich im Frieden. Sorgsam achten Bulimiker deshalb auf ihr Gewicht, viele halten Diäten. Die Heißhungerattacken sind ein wesentlicher Bestandteil der Krankheit und treten in unterschiedlicher Häufigkeit auf. Hemmungslos stopfen die Erkrankten dann all das Essen in sich, das sie sich sonst verbieten, die Gier ist im wahrsten Sinn des Wortes unersättlich. Nach einem solchen Anfall kommen Scham und Schuldgefühle, auch Panik, dass die Kalorien sich aufs Gewicht niederschlagen könnten. Mit künstlich eingeleitetem Erbrechen, der Einnahme von Abführmitteln, mit Einläufen oder Wasser treibenden Mitteln versuchen sie, das Essen wieder los zu werden und mit ihm alle schlechten Gefühle.
Bulimie ist eine tückische Krankheit
weil sie nicht offensichtlich ist und keine eindeutig erkennbaren äußeren
Symptome hat. Sie ist leicht
geheim zu halten und wird deshalb von Angehörigen oder Freunden oft
nicht bemerkt. Die Erkrankten sind alleine mit sich und ihren Ängsten,
liefern sich diesen ganz aus und scheinen dabei äußerlich doch
völlig in Ordnung zu sein.
Typisch für die Krankheit ist eben, dass die Betroffenen es als normal
erachten, ihren Körper zu schinden und zu quälen. Sie glauben,
sie bekommen die Zuneigung, die sie
bekommen, eben weil sie so sind wie sie sind. Oder sie bekommen keine
Zuneigung, weil sie nicht so sind, wie sie sein sollten. Deshalb fällt
es ihnen auch sehr schwer, die Krankheit als Krankheit zu sehen. Noch
viel schwerer ist es für sie, darüber zu sprechen. Auch weil
ihre Scham so groß ist. Gerade das Darüberreden aber ist am
Allerwichtigsten, wenn es darum geht, von der Bulimie los zu kommen. Die
meisten Bulimiker können mit Hilfe von Psychotherapie
und Gruppengesprächen mit Leidensgenossen
geheilt werden.
Bulimie ist eine ernsthafte Krankheit, die die Betroffenen nicht nur psychisch,
sondern auch körperlich schädigt. Durch das häufige Erbrechen
kann die Speiseröhre von der Magensäure verätzt werden,
ebenso die Zähne. Einläufe und Abführmittel schädigen
Magen, Darm und Nieren. Die körperlichen Folgebeschwerden
der Bulimie reichen bis hin zu epileptischen Anfällen.
Bulimie in Großbritannien -
ein nationales Problem
LADY DIANA, Princess of Wales, "Königin der Herzen" und verunglückte
Ex-Frau von Englands Thronfolger PRINCE CHARLES war Großbritanniens
berühmteste Bulimikerin. Jahrelang litt sie an der krankhaften Essstörung (eating disorder), in die sie nach eigenen
Angaben der Druck der öffentlichen Aufmerksamkeit und die Depression
über ihre unglückliche Ehe getrieben hatten. In einer Klinik
konnte ihr schließlich geholfen werden: durch psychotherapeutische
Behandlung befreite sie sich von der Bulimie und berichtete der Nation
davon später im Fernsehen.
Man sollte meinen, dass das öffentliche Bekenntnis einer so prominenten und beliebten Persönlichkeit ein Signal setzt,
Wirkung trägt. Offensichtlich aber hat LADY DIANA Englands jungen
Frauen nicht helfen können. Die Zahl der an Bulimie Erkrankten steigt
jährlich und ist inzwischen so alarmierend, dass die Regierung zu
dramatischen Mitteln greift.
Der Höhepunkt bislang: Ein Regierungstreffen mit den Vorstandschefs der Top-Model-Agenturen, in dem diesen nahegelegt wurde, ein fülligeres weibliches Schönheitsideal zu verbreiten. Keine 44-Kilogramm-leichten ein-Meter-achtzig-Wesen mehr,
sondern echte Frauen mit Frauenkörpern, das heißt Kurven und
Rundungen.
Durchschlagend war die Wirkung des Treffens nicht; zumindest ein Top-Model
aber, die superschlanke JODIE KIDD verabschiedete sich von Laufsteg und
Kamera, nachdem sie auf der Straße wiederholt von verzweifelten
Müttern beschimpft worden war, die ihr vorwarfen, ihre Töchter
in die Bulimie getrieben zu haben.
Tatsächlich ist das inzwischen unerreichbar scheinende Schönheitsideal
der Frau, wie es in Modemagazinen und Fernsehen dargestellt wird, neben
psychischen Problemen die Hauptursache für Bulimie.
Über die Hälfte von Großbritanniens Teenager finden sich
zu dick, der Diätenwahn tobt, mehr als 200 000 Mädchen zwischen 10 und 25 leiden an
Essstörungen. Wie groß die Angst zu dick zu sein ist und auch
welche Ausmaße dieses Schönheitsdiktat annimmt, zeigen Beispiele
wie das der britischen Fußballergattin VICTORIA BECKHAM, die bevor
sie heiratete als VICTORIA ADAMS mit der girlgroup SPICE GIRLS berühmt wurde und lange Zeit mit Magersucht (anorexia) zu kämpfen hatte. So tragisch
die Erkrankung an der Essstörung für VICTORIA BEKHAM auch war,
viel tragischer noch war die Wirkung ihrer Erkrankung auf Englands Frauen
und Mädchen; bekamen sie doch vorgelebt, dass selbst jene, die die
Schönheitsideale verkörpern, die Stars, dem enormen Druck nicht
gewachsen sind und ihren Körper der Tyrannei des Magersuchtlooks unterwerfen.
Oft zitiert wird in diesem Zusammenhang auch das extrem dünne britische
Top-Model KATE MOSS, die in den 1990er-Jahren eben diesem Magersuchtlook
ihr Gesicht lieh - und zum weltweit nachgeahmten Vorbild wurde.
Kein neues Phänomen. Schon in den 1960er-Jahren war mit der Britin
LESLEY HORNBY, die als TWIGGY (Zweigchen) berühmt wurde, von Großbritannien aus die Spindeldürr-Ästhetik
um die Welt gegangen.
Das wachsende Problem Bulimie ist in Großbritannien Dauerthema
öffentlicher Diskussionen. Es
gibt zahlreiche Organisationen und Initiativen wie die staatlich
unterstützte Eating Disorder Association, die den Erkrankten Hilfe anbieten.
Es gibt Notfalltelefone, Beratungsangebote und Aufklärungskampagnen.
Seit 2004 wird jährlich landesweit die Eating
Disorders Awareness Week begangen, die Informationen und Hilfsangebote zu den verschiedenen
Essstörungen anbietet. Und dennoch werden die Zahlen der Erkrankten
besorgniserregender, suchen Forscher verschiedener Wissenschaften immer
weiter nach Mitteln gegen die Krankheit, werden die vom Schönheitsideal
tyrannisierten Mädchen immer noch jünger, geht der Kampf gegen
Bulimie weiter.
2004 hat die Regierung Hausärzten verordnet, Bulimikern keine Beruhigungsmittel und Medikamente gegen Depressionen mehr zu verschreiben, sondern sie zur Psychotherapie
zu schicken. Nur dort könnten die Betroffenen sinnvoll von ihren
Ängsten und ihrer Einsamkeit befreit werden. Viele Bulimiker, so
das Ergebnis einer Forschungsgruppe aus dem Londoner St.
George Hospital, müssten lernen, wieder auf ihren Körper
zu hören, ihre eigenen Gefühle ernst zu nehmen und diese über
die Gebote von Medien und Mitmenschen
zu stellen.
Dass Erfolg und Starruhm nicht mit Null-Kalorien-Diät und Selbstzerstörung
verbunden sein müssen und dass man mit runden Hüften und prallem
Dekolleté durchaus Erfolg haben kann, beweist als in Großbritannien
gefeiertes Gegenbeispiel zu alle den KATE MOSS' und VICTORIA BECKHAMs
das Model SOPHIE DAHL. Die Enkelin des berühmten Kinderbuch-Schriftstellers
ROALD DAHL schaffte es schon bis auf die Titelseiten führender Modemagazine
und leuchtet als Stern der weiblichen Weichheit genauso strahlend am britischen
Star-Himmel wie ihre untergewichtigen Kolleginnen.