Es lohnt sich durchaus, die Ursprünge des Essays im Hinterkopf zu behalten, wenn man sich mit seiner Struktur beschäftigt. Bis heute spiegelt der Essay die Freude an einem wohl formulierten und flüssigen Argument wider, das andere Meinungen zwar erwägt aber schlussendlich zu Gunsten der eigenen Überzeugung aussticht.
Als argumentativer
Sachtext ist der Essay darauf ausgelegt,
einen bestimmten Argumentationsweg
zu verfolgen und abschließend eine vorher festgelegte Position für
den Leser zu bekräftigen.
Ein Essay findet sich vermehrt in den Printmedien wieder, gehört
aber längst nicht mehr zum allgemeinen Repertoire einer Tageszeitung.
Meist findet er sich bei Zeitungen wieder, die noch verstärkt auf
kulturelle und wissenschaftliche Berichterstattung Wert legen.
Im englischsprachigen Ausland gehört der Essay zur Standardform
des schriftlichen Ausdrucks an Schulen und Universitäten. Beide Institutionen
nutzen die zwei Möglichkeiten der essayistischen Schreibweise unterschiedlich
stark aus. In Schulen wird der Essay verstärkt zur Übung der
eigenen Meinungsäußerung
verwendet. Im akademischen Bereich rückt man verstärkt von dieser
rein subjektiven Form des Ausdrucks ab und gestaltet den Essay eher auf
wissenschaftlicher Ebene, also z. B.
durch Einbezug von Zitaten anderer und Fußnoten als Anmerkungen
unter dem Text. Der inhaltliche Aufbau eines Essays orientiert sich also
an den Ansprüchen des Kontextes, in dem er geschrieben wird. Es lassen
sich jedoch viele allgemeine Kennzeichen benennen, die einen Essay im
Wesentlichen charakterisieren.
Der Aufbau des Essays
Beim Aufbau ist Ausgangspunkt eines
jeden Essays eine Frage oder ein festgelegtes
Thema. Ziel des Essays ist dann, die eigenen Gedanken und Überzeugungen
in logischer Abfolge wiederzugeben, sodass der Leser schlussendlich von
ihrer Richtigkeit überzeugt wird. Ein Essay beruht daher immer auf
einem ganz bestimmten Meinungsbild, von dem auch im Laufe der Argumentation
nicht abgerückt werden darf, ansonsten verliert der Essay an Überzeugungskraft.
Diese Meinung, auch These genannt,
bildet den Kern der Einleitung, in
der das Thema des Essays vorgestellt wird. Dies geschieht meist unter
Einbezug der kulturellen, politischen, gesellschaftlichen usw. Zusammenhänge,
aus denen das Thema gewachsen ist. In einem akademischen Kontext werden
hier ggf. schon einführend die wichtigsten Meinungen anderer zum
Thema angerissen.
Der Hauptteil behandelt nun die verschiedenen
Aspekte der Fragestellung und möglicher Antworten. Hierbei gehört
es zur Kunst des Essayisten, potenziellen Gegenargumenten vorzubeugen,
indem diese erwähnt und argumentativ umschifft oder gar verworfen
werden. Leitfaden des Hauptteils ist die These der Einleitung.
Wenn man am Schluss des Essays angelangt
ist, soll der Leser von der eigenen Meinung überzeugt sein.
Selbst bei eher wissenschaftlichen Abhandlungen beruht der Essay immer auf den persönlichen Überzeugungen und Kenntnissen des Verfassers. Auch bei einem Essay ohne wissenschaftliche Zusammenhänge empfiehlt es sich daher, im Vorfeld Recherchen zum Thema zu betreiben und mögliche Gedankengänge behutsam abzuwägen.
Formale und sprachliche Merkmale
Der Essay gliedert sich in Einleitung, Hauptteil und Schluss. Die Einleitung
bildet die Hinführung zum Thema und der eigenen These, der Hauptteil
beleuchtet diese unter verschiedenen Aspekten und Blickwinkeln. Daher
ist er auch in verschiedene Abschnitte aufgeteilt, in denen jeweils ein
Aspekt abgehandelt wird. Hierbei gibt es zwei Merkmale der logischen Argumentation:
1. AND- Links
Die logische Form der Und-Verknüpfung verbindet zwei unterschiedliche Argumente aufgrund deren inhaltlichen Zusammengehörigkeit. Das eine Argument stützt das andere und ergänzt daher in der formalen Abfolge der Abschnitte ein vorangegangenes Argument.
2. BUT-Links
Die andere Form der logischen Abhandlung ist die von Kontrast und Gegensatz. Mit Hilfe der Aber-Verknüpfung können zwei Argumente einander gegenübergestellt werden. Meist positioniert man zunächst das Gegenargument, um dies dann durch das eigene zu widerlegen.
Um einen Essay interessant und lesenswert zu gestalten, empfiehlt sich eher die diskursive Form, in der verschiedene Argumente miteinander verglichen und kontrastiert werden. Die Anhäufung von Argumenten durch Und-Verknüpfungen lassen den Essay schnell langweilig und eindimensional werden.
Oberstes Ziel des Essays ist, den
Leser für das eigene Argument zu gewinnen. Daher ist das wichtigste
formale Merkmal eines Essays die nachvollziehbare Argumentation unter
Verwendung einer klaren Syntax.
Das bedeutet, ein hypotaktischer Satzbau
ist nur mit Vorsicht zu verwenden. Zu viele Verschachtelungen und kausale
Unterordnungen können den Leser schnell verwirren und dem eigenen
Argument schädlich sein.
Das wichtigste sprachliche Merkmal des Essays sind seine formale Ausdrucksweise
und eine überzeugend eingesetzte Rhetorik. Ein Essay gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn er sachlich geschrieben und bei der Wortwahl in Maßen zugunsten
eines formelleren (oft lateinischstämmigen) Ausdrucks gestaltet ist.
Bildliche Ausdrücke sind weitestgehend zu vermeiden, wenn sie den
argumentativen, logischen Charakter des Essays gefährden.