Formebene: Grammatikalische Eigenschaften
Neben der Bedeutung des Wortes müssen auch dessen grammatikalischen
Eigenschaften während des Lesens herausgefunden werden. Wichtig sind
hier zum Beispiel die Verbkonjugationen.
Es reicht nicht zu wissen, dass das englische Wort catch
im Deutschen fangen bedeuten kann. Das Gedächtnis
braucht Zeit, um abrufen zu können, dass durch das Anhängen
der Endung -es, also catches,
die 3. Person des Verbs gebildet wird.
Syntaktische Analyse
Hier wird während des Leseverstehens die Position
untersucht, die ein Wort im Satz hat. In dem Satz Tom
gave Laura the gloves muss z. B. herausgefunden werden, bei welchem
der beiden Namen es sich um das Subjekt und bei welchem um das Objekt
handelt, um zu verstehen, wer die Handschuhe bekommen hat.
Der Leseprozess
Früher ging man davon aus, dass der Leseprozess aus linear aufeinanderfolgenden Teilschritten besteht. Heute weiß man, dass diese Teilschritte
oft zyklisch, also wiederholt absolviert werden. Die Leseforschung
unterteilt den Leseprozess in das Wortverständnis, das Satzverständnis
und das Textverständnis.
Das Wortverständnis
ist das erste Teilziel. Buchstaben werden gelesen und als ein Wort identifiziert,
das nun mit Hilfe des Arbeitsgedächtnisses und des mentalen Lexikons
entschlüsselt wird.
Beim Satzverständnis
werden die syntaktischen Beziehungen zwischen den einzelnen Wörtern
im Satz herausgefunden. Mit Hilfe des Wortverständnisses und des
Erkennens der syntaktischen Beziehungen wird der Sinn des Satzes ermittelt.
Um einen Text zu verstehen, reicht es jedoch nicht aus, wenn man die einzelnen
Sätze verstanden hat.
Das Textverständnis
wird erreicht, wenn man die Inhalte der Sätze zueinander in Beziehung
setzt. Die einzelnen Informationen müssen zu einem Ganzen zusammengesetzt
werden.
Zyklischer Leseprozess
Als zyklisch wird der Leseprozess
bezeichnet, weil jede der drei genannten Stufen wiederholt ablaufen kann.
Während des Satzverständnisses kann z. B. das Wortverständnis
korrigiert werden. Oft verstehen wir ein Wort zuerst nicht und erkennen
seine Bedeutung dann aus dem Kontext
heraus. Nehmen wir den Satz He couldn't drive the
car because he was too drunk. Vielleicht stolpert man hier über
das Wort drive und weiß nicht, was es
bedeutet. Wenn man aber die anderen Wörter couldn't,
car und drunk kennt, dann kann man sich
denken, was drive heißen muss. Dabei
gehen wir vom Satzverständnis zurück zum Wortverständnis,
da sich uns jetzt erst das Wort drive erschließt.
Das Inferieren
Auch beim Lesen eines Textes greift das Arbeitsgedächtnis, das die
ankommenden Wörter verarbeitet, auf das bereits vorhandene Wissen
zurück. Angenommen wir lesen in einer Geschichte, dass der Weihnachtsmann
jedes Jahr, bevor er die Geschenke bringt, stundenlang Klimmzüge
macht, damit er den schweren Sack tragen kann. Das stellen wir uns doch
gerade deshalb lustig vor, weil wir wissen, dass der Weihnachtsmann ein
alter, dicker Mann mit Bart ist. Es gibt in Texten eine Menge verstecktes
Wissen, dass nicht ausdrücklich formuliert wird. Der Autor in unserem
Beispiel geht davon aus, dass wir wissen, dass der Weihnachtsmann dick
und alt ist. Solche Informationen im Text aufzuspüren, nennt man
inferieren.
Alles uns bekannte Wissen, das mit dem Text zu tun hat, inferieren wir
während des Lesevorgangs. Das Vorwissen
ist also sehr wichtig für das Leseverstehen. Das Vorwissen umfasst
nicht nur das Sprachwissen, sondern
auch das sogenannte Weltwissen, z.
B. dass der Weihnachtsmann dick und alt ist.
Außertextuelle Faktoren
Sowohl für das Leseverstehen als auch für das sprachliche Verstehen
im Allgemeinen sind noch zwei andere Faktoren von Bedeutung: die Wichtigkeit
und das Interesse. Wenn man in einer
Sprache Probleme hat, und ein Freund gibt einem einen Zeitungstext in
dieser Sprache, dann wird man sich beim Verständnis des Textes natürlich
sehr schwertun. Anders ist es, wenn dieser Text Teil einer Klassenarbeit
ist. Die Wichtigkeit des Textes gibt dem Arbeitsgedächtnis mehr Anlass,
sich mit dem Text auseinanderzusetzen.
Der andere wichtige Faktor ist das Interesse am Thema. Wenn jemand begeisterter
Radfahrer ist, wird er einen Text über die letzte Tour de France
besser verstehen als jemand, der Sport überhaupt nicht mag. Für
diese beiden Verstehensfaktoren ist das limbische
System im Gehirn verantwortlich. Je nach Interesse und Wichtigkeit
des Textes sendet es Botenstoffe an das Gedächtnis aus, die das Verstehen
unterstützen. Diese Botenstoffe werden auch affektive
Mobilisatoren genannt.
Das fremdsprachliche Leseverstehen
Beim Lesen eines fremdsprachlichen Textes können verschiedene Schwierigkeiten
auftreten.
Je häufiger man Texte in der Fremdsprache liest, umso mehr Wörter und Satzverbindungen lernt man kennen und erkennen. Dadurch wird das gesamte Textverständnis gefördert. Auch das kulturelle Wissen, das man braucht, um fremdsprachliche Texte richtig zu verstehen, wächst, je mehr man in der Fremdsprache liest. Und: Je mehr man liest, umso einfacher und schöner wird es!