Der
Anfang des Underground
Die eigentlichen Undergound-Comics haben ihre
Wurzeln in den späten 1960er-Jahren und zeugten von tief greifenden Wandlungen in der Gesellschaft. Entscheidenden
Einfluss auf die Entwicklung des Underground-Comics
hatte die aufkommende Hippie-Bewegung, die sich von der aus ihrer Sicht verknöcherten Gesellschaft los sagte
und ein neues, liberales Lebenskonzept zu verwirklichen versuchte. Neue Lösungen wurden gesucht und verbreitet, Tabus gebrochen und die "neue"
Lebensart betont zur Schau gestellt. Im Zuge dessen kamen auch aus dem "Untergrund"
neue Arten von Comics auf, die sich, anders als der Mainstream, mit bis dahin "problematischen" Themen beschäftigten, die
Sex, Drogen, Rockmusik, aber auch politische Statements wie Kriegsproteste
zum Inhalt hatten. Die neuen Underground-Comics
wandten sich bewusst vom herrschenden und durch den Comic
Code beeinflussten Mainstream ab und waren
deshalb auch Zeugnis einer neuen Jugend- Subkultur.
HARVEY KURTZMAN und MAD
Erste Anzeichen von Underground-Comics, die
sich vom Mainstream distanzierten, gab es bereits
in den späten 1950-er Jahren, als die erste Erfolgswelle der Superhelden
versiegte und der Comic Code die Hefte zensur-ähnlichen Restriktionen unterwarf.
In HARVEY KURTZMANs MAD-Heft (dem
Vorläufer des heute bekannten MAD-Magazins) wurden im Mainstream vorherrschende Themen und Schemata aufs Korn genommen. Die Distanz durch
Persiflage ist ein bis heute wichtiges Merkmal des Underground-Comics.
KURTZMAN regte Satire an und inspirierte
andere Künstler, diese Perspektive aufzugreifen und weiter zu treiben.
Außerdem unterstützte er Nachwuchskünstler. In seinem dem MAD-Heft folgenden Magazin Help! widmete er in jeder Ausgabe einige Seiten talentierten Nachwuchs-Amateuren.
Er bot damit ein Forum für spätere Underground-Stars.
Nicht wenige hatten hier ihre ersten Veröffentlichungen, darunter
ROBERT CRUMB, einer der ganz Großen des Underground und GILBERT SHELTON. Eines der frühsten erklärten Underground-Comic-Hefte
war ZAP, das ROBERT CRUMB (Mr. Natural, Fritz The Cat) herausgab und in dem spätere Underground-Größen
wie VICTOR MOSCOSO oder S. CLAY WILSON veröffentlichten.
Underground als Reaktion auf den Comic
Code
Thematisch und zeichnerisch waren die Underground-Comics geprägt vom Protest gegen den Comic
Code. Am ausdrücklichsten
war dieser Protest wohl in dem Heft Dr. Wirtham's
Comix and Stories, das sich in seiner Namensgebung deutlich auf
den Initiator des Comic Codes DR. FREDERICK
WERTHAM bezog und mit Vorliebe von diesem tabuisierte Themen (Krieg, christliche
Religion, Sexualität) kritisch anschnitt. Viele Underground-Comics blieben dem Mainstream also in seiner Verneinung,
verpflichtet und boten außer lärmender Provokation nichts wirklich
Bleibendes.
Dennoch bescherte der Underground zahlreichen
Talenten auch die Möglichkeit künstlerischen Entfaltung, wie
sie im engen Korsett des Comic Codes nicht
möglich gewesen wäre. Plötzlich gab es psychedelische,
erotische, exotische Comics, Comics, die sich mit gesellschaftlichen
Minderheiten beschäftigten.
Waren es in den 1970er-Jahren
vor allem die Einflüsse der Hippie-Bewegung, die sich in den Underground-Comics niederschlugen, so tat sich in den 1980er-Jahren die Welt des Fantasy
Comic und New Wave Comics auf und bescherte der Leserschaft eine Unmenge verschiedener teils auch
fragwürdiger Helden.
Ein unbestrittener, bis heute geliebter Klassiker, der in dieser Zeit
erfunden wurde, ist DAVID SIMs Erdschwein Cerebus.
Underground und Independent
Tatsächlich war der Comic-Underground wie ein großes Kreativ-Pool, aus dem sich weitere Richtungen entwickeln
konnten. Arkade, ein Underground-Heft,
das 1975 erstmals erschien, wurde z. B. von BILL GRIFFITH und ART
SPIEGELMAN herausgegeben, zwei Comic-Künstlern, die die Comic-Kultur
später zu Anerkennung und Akzeptanz auch bei Nicht-Comiclesern führen
sollten - mit seinem autobiografischen Comic Mouse schuf SPIEGELMAN in den 1980er-Jahren ein neues Comic-Genre, das als literarischer, wie künstlerischer Erfolg gefeiert wurde.
Der Comic-Underground war auch Ursprung der Independent-Szene. Das heißt: Künstler, die nicht mehr von den großen Comic-Verlagen
abhängig und schlecht bezahlt werden wollten, sondern den Schritt
in die selbstständige Vermarktung wagten. Ein Beispiel für den
gigantische Erfolg von Independent-Comics waren
die Teenage Mutant Ninja Turtles (KEVIN EASTMAN
und PETER LAIRD), die später auch als Adaptionsvorlage für Kinofilme
und Cartoons dienten. Übersehen werden darf allerdings nicht, dass
viele Künstler am Independent scheiterten.
Überwog, besonders in den 1980er-Jahren, im eigentlichen Underground-Comic-Bereich
der Anteil dürftig erzählter und gezeichneter Geschichten, so
inspirierte dieser doch weiter neue Erzählformen im Alternative-
und Independent-Bereich, die in manchen Fällen auch den Sprung
in andere Mainstream-Medien schafften.
WILL EISNER, einer der berühmtesten und renommiertesten Comic-Zeichner Amerikas,
lotete z. B. 1980 mit seinem A Contract With God neue erzählerische Richtungen im Comic aus und schuf den ersten Graphic
Novel, also einen Comic in Romanform. EISNER war es auch, der Comics als Kunst, mehr denn als Unterhaltungszweck
definierte und damit den Weg für die spätere künstlerische
Auseinandersetzung mit Comics, etwa bei ART SPIEGELMAN bereitete.
Manche der ersten Underground-Künstler
arbeiteten bis in die 1990er-Jahre und entwickelten sich in ihrem Stil
weiter. Einige der frühen Underground-Comics sind heute Kult und anerkannter Alternativ-Mainstream, wie z. B. GILBERT SHELTONs Fabulous Furry Freak
Brothers, die 1968 "geboren" wurden oder das MAD-Heft.
Getragen wird die Underground- und Independent-Szene
aber weiter vor allem von vielen jungen Zeichnern.
Gegenwärtig herrscht dabei eine nachdenkliche und auslotende Tendenz
vor. Der Underground-/Alternative Comic scheint
sich von Fantasy- und New
Wave thematisch wieder mehr ins Leben zu verlagern und setzt sich
häufig mit Themen des Hier- und Jetzt auseinander.
Im Independent-Bereich sehr bekannt ist seit
1991 JEFF SMITH mit seinem kunstvollen Bone-Heft.
Humorvoll und seit 1992 beliebt ist DAVID GREENBERGERs Duplex
Planet, in dem verschiedene Künstler Senioren-Aussprüche
illustrieren. Seit 1982 gibt es JAIME und GILBERT HERNANDEZ' Love
and Rockets, das mexikanische Wrestlerinnen als Helden hat.
Aus der psychedelischen Strömung bis heute erfolgreich ist seit 1991
JIM WOODRINGs kryptischer Comic Frank.
Hochwertige fast philosophische Underground-Comics kommen seit 1986 von CHRIS WARE in dessen Acme Novelty
Library.