Charakteristik der Fabel
Der Begriff Fabel lässt sich auf das lateinische
Wort fabula zurückführen, was soviel
wie Geschichte, Erzählung, Gespräch bedeutet.
Heute bezeichnet der Begriff die typische Art der Tierdichtung in Vers oder Prosa, in der eine allgemein anerkannte Wahrheit steckt, die als ein moralischer Lehrsatz oder eine praktische Lebensweisheit anhand einer Pointe (point) ausgesprochen wird. Manchmal wird dies auch mit Hilfe eines Beispiels
in sinnbildlicher Darstellung gezeigt - durch die Übertragung menschlicher
Eigenschaften und Verhaltensweisen und bestehende soziale Zustände
oder politischer Vorgänge auf die Tierwelt oder Natur. Dies wird auf witzige (witty), satirische (satiric) oder moralisch (moral) belehrende Art und Weise erreicht.
Typische Eigenschaften der
Fabel sind:
Der Aufbau der typischen Fabel
In ihrer strengen Form besitzt die Fabel einen dreigliedrigen Aufbau, der seit der Antike besteht und sogar bis zur Moderne grundsätzlich
beibehalten wurde.
Die Fabel beginnt mit der Ausgangssituation, in der die notwendigen Informationen für das allgemeine Verständnis
dargebracht werden. Die Ausgangssituation stellt die handelnden Figuren
und die spezielle Konfliktsituation vor. Die Konfliktlage ergibt sich dabei in der Regel aus der Gegenüberstellung
zweier gegensätzlicher Verhaltensweisen. Die Handlung, in der der
Konflikt veranschaulicht wird, ist so aufgebaut, dass eine der beiden
Verhaltensweisen als die Unterlegene offensichtlich wird.
In Rede und Gegenrede bzw. Aktion und Reaktion laufen die Ereignisse auf dramatische Art und Weise ab, sodass sich das
Geschehen bis auf einen Höhepunkt zuspitzt und letztendlich in einem überraschenden Moment, der Pointe,
seine Vollendung findet.
Am Ende der Fabel, der Lösung, wird das Resultat offenbart, in welcher
der Dichter seine Absichten darstellt.
1. Ausgangssituation
Der Rabe sitzt mit seinem Stück Käse auf einem hohen Baum. Der Fuchs naht voll Gier nach dem Käse. Mit Gewalt lässt sich nichts erreichen.
2. Konfliktsituation
Der Fuchs versucht es mit List. Der Rabe hat im Gegensatz zu den bunten Singvögeln ein schwarzes und nicht glänzendes Gefieder. Im Gegensatz zum Adler, dem König der Vögel, hat er einen unscheinbaren Kopf. Wenn einer heiser ist und nicht singen kann, sagen wir: Er krächzt wir ein Rabe. Der Fuchs sagt das Gegenteil. Er belügt den Raben; er schmeichelt ihm aus Gewinnsucht.
Der eitle Rabe will sich zeigen und seine Stimme erklingen lassen. Er ist töricht. Durch die Schmeichelei des Fuchses betört, denkt er nicht daran, dass er den Käse verliert, wenn er den Schnabel öffnet.
3. Lösung
Das epische und dramatische Element der Fabel
Die Fabel kann als ein Drama in knappster Form bezeichnet werden, das
in eine Erzählung eingefügt wurde und in dem eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung vorherrscht.
Die Handlung spielt sich größtenteils
an einem einzigen Ort ab, in einer Zeitspanne, die meistens nicht länger
dauert, als die Zeit, in der ein kurzer Dialog stattfinden kann.
In einer Fabel gibt es nur eine einzige Handlung ohne jegliche Nebenhandlungen;
es geschieht kaum etwas, es gibt keinen Erzähler.
Das wohl typischste Merkmal der Fabel ist die Darstellung der Handlung
im Dialog. In ihrer strengsten Form
beschränkt die Fabel das Geschehen sogar ganz auf die Rede und Gegenrede.
Gelegentlich kommt ein Monolog allein vor, welcher durch einen Konflikt
ausgelöst wird.
Die sich vorwiegend durch dramatische Elemente auszeichnende Fabel beschränkt
sich nur auf das Wesentliche, was für das Verständnis benötigt
wird.
Die Anzahl der Tiere in einer Fabel
Zum Figureninventar einer Fabel gehören vorwiegend Tiere. Die Anzahl
der in der Fabeldichtung vorkommenden Tiere ist oft recht gering. Die
häufigsten und charakteristischsten Fabeltiere sind der starke (powerful) Löwe, der schlaue (clever, smart) Fuchs, der böse (evil) Wolf, der einfältige (naive) Esel, der geschickte (dexterous) Hase und der gierige (greedy) Rabe. Gelegentlich erscheinen Lamm, Maus, Frosch, Igel, Ochse oder Schlange.
Fabeltiere entspringen oft der unmittelbaren Umgebung des Menschen und
sind ihm daher in ihren typischen, natürlichen Charakteren äußerst
vertraut und vor allem ähnlich.
In einer Fabel entsteht der Konflikt daraus, dass sich zwei Tiere, zwei
Gruppen oder auch ein Tier und eine Gruppe gegenüberstehen. Falls
mehrere Tiere auftreten, bilden sich letztendlich wiederum nur zwei gegnerische
Parteien.
Typisierung der tierischen Protagonisten
Ein weiteres Merkmal der Fabel ist die typische Gestaltung der Fabeltiere.
Diese Typisierung zeigt häufig,
dass der Ruf eines Tieres in der Meinung des Volkes bereits vorgeprägt
war, bevor es überhaupt in der Fabel als Vertreter einer bestimmten
charakterlichen Besonderheit oder Gesinnung Einsatz fand. Manchmal ist eine bestimmte Vorstellung von der Art eines Tieres aber auch erst durch die Fabel selbst geprägt
worden, indem es im Laufe der Fabelgeschichte immer wieder durch die gleichen
hervorstechenden Eigenschaften beschrieben
wurde.
So ist der Fuchs z. B. nur dadurch als der Schlaue bekannt, da dieses
Bild in jeder Fabel am Leben erhalten wurde. Ähnlich verhält
es sich mit dem Esel, der stets töricht, naiv und dickköpfig
auftritt, sowie das Lamm auch immer ein Zeichen der Unschuld und Wehrlosigkeit
ist.
Durch diese sich stets wiederholende Typisierung der Fabeltiere, hat sich
die Fabel einen festen Figurenbestand erarbeitet, sodass gewisse Figurenkonstellationen
schon auf die Art der Handlung hinweisen können. Die typischen Eigenarten,
die den Tieren in der Fabeldichtung zugeschrieben werden, findet man oft
auch in Sprichwörtern oder Redensarten wieder; diese müssen allerdings nicht mit den tatsächlichen,
biologischen Eigenschaften der Tiere übereinstimmen. Fabeltiere sind
einzig und allein gedankliche Schöpfungen des Menschen, welcher ihn
auch ihre Eigenschaften zugeteilt hat.
Die Vermenschlichung der Fabelfiguren
In einer Fabel unterhalten sich die Tiere und handeln auch genau wie Menschen.
Nur mit Hilfe der vollkommenen Gleichschaltung von Tier und Mensch können die Fabelfiguren ihre Aufgabe in der Fabel
erfüllen. Durch die Übertragung menschlicher Charakteristiken
und Eigenheiten auf Tiere, was auch als Personifizierung oder Personifikation (personification) bezeichnet wird, werden diese in den Bereich der menschlichen Welt eingegliedert.
Daher sind sie in diesem Sinne keine Tiere mehr, sondern stehen stellvertretend
für eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen; sie werden zu einer
Persönlichkeit, d. h. zu einem individuellen Wesen, dass selbst Verantwortung für sein eigenes Handeln trägt und somit auch schuldig sein
kann und dafür büßen oder auch völlig unschuldig
ein ungerechtes Schicksal durchleiden
muss.
Diese Vermenschlichung eines nichtmenschlichen
Bereichs ist somit ein weiteres typisches und vor allem wesentliches Merkmal
aller Fabeln. Das für den Menschen Typische wird auf die Tiere abgebildet,
sodass die tierischen Eigenschaften entweder geradewegs überformt
werden oder gar vollkommen durch neue menschliche Eigenschaften ersetzt
werden.