Die Überlegungen und Ansätze zur historischen Betrachtung Irlands in diesem Artikel sind keineswegs ausreichend, die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten und wissenschaftlichen Herangehensweisen in ihrer Vielfältigkeit zu erfassen. Der Leser soll hier vielmehr angehalten werden, sich einige Gedanken zur Betrachtungsweise und dem damit verbundenen Verständnis von irischer Geschichte zu machen.
Irland im west-europäischen und
britischen Kontext
Als kleine Insel am Rande Europas besetzt Irland schon in geografischer
Hinsicht eine Außenseiterrolle
in der westeuropäischen Geschichtsschreibung. Eine der großen
Hauptrollen ist immer seinem mächtigen Inselnachbarn England
zugefallen, das durch Krieg und politisches Engagement weit über
die eigenen Landesgrenzen hinaus nicht nur innerhalb Europas, sondern
über Jahrhunderte hinweg weltweit Herrschaftsansprüche
geltend gemacht hat.
Irlands Einfluss auf und innerhalb Europas liegt jedoch noch vor dieser
Zeit der neueren englischen Kolonialherrschaft.
Irlands Präsenz auf dem europäischen Kontinent war nicht machtpolitischer,
sondern kultureller und religiöser Natur. Für Irische Mönche
und Missionare bildete die kleine Insel in der Zeit vom 6. bis 9. Jahrhundert.
n. Chr. den zentralen Ausgangspunkt für die Verbreitung des
Christentums in England und auf dem
europäischen Kontinent.
Geschichtsschreibung wie wir sie heute jedoch größtenteils
kennen, ist die Geschichte von Siegen und Eroberungen,
von denen gerade Großbritannien eine große Anzahl errungen
hat. Irland hingegen hat nie eine eigenen Armee
aufgestellt und unter irischer Flagge nach Übersee oder Europa ausgeschickt.
Irland hat auch nie einen klaren militärischen Sieg errungen, der
die machtpolitischen Verhältnisse innerhalb des eigenen Landes oder
auf fremdem Boden eindeutig geklärt hat.
Als einzige Kolonie Europas ist Irland bis vor weniger als einem Jahrhundert in politischer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht immer von England bzw. Großbritannien abhängig gewesen. Aus britischer Sicht war und ist Irland ein Aspekt der eigenen geschichtlichen Entwicklung, der sich nicht so recht in die offizielle Geschichtsschreibung einfügen will. Bis heute hat Großbritannien es nicht geschafft, den Nordirlandkonflikt beizulegen, geschweige denn, sich aus Nordirland zurückzuziehen und aus der damit verbundenen politischen Verantwortung zu lösen.
Europas Interesse an Irland war umgekehrt immer mit Blick auf Großbritannien ausgerichtet. So war z. B. Frankreich gewillt, die Rebellion von 1798 militärisch zu unterstützen, weil dies England im Rahmen der französisch-britischen Auseinandersetzungen zum Vorteil Frankreichs ablenken und schwächen würde. Erst unter den politischen Verhältnissen im Europa der Nachkriegszeit erfuhr die Republik Irland eine nicht machtpolitische orientierte Aufmerksamkeit Europas in Form von finanziellen Förderungen durch die Europäische Staatengemeinschaft.
Irland und die Geschichtsschreibung
Als außenpolitischer Spielball britischer Machtverhältnisse innerhalb Europas besetzte Irland also
beizeiten eine durchaus bedeutende Rolle, wenn auch nur für kurze
Zeit. Im Allgemeinen hat Irlands Geschichte jedoch im Rahmen der europäischen
Geschichtsschreibung verhältnismäßig wenig Auswirkungen.
Wenn Geschichte immer auch die Geschichte der Sieger darstellt, dann verzeichnete
Irland durch sein koloniales Dasein noch bis vor weniger als einem Jahrhundert
eine nur sehr geringe historische Bedeutung. Wenn es nicht gerade mit
Großbritanniens Geschichte verbunden wurde, dann war und ist Irland
immer noch häufig ein (imaginärer) Ort für Herkunft und Tradition der Vereinigten
Staaten von Amerika. Doch auch hier wird irische Geschichte im
Rahmen weltpolitisch gewichtiger Aktionen der USA schnell zu Kitsch verklärt
und abgetan.
In Irland selber war Geschichte lange Zeit vorwiegend Propaganda gegen die britische Herrschaft über die Insel. Irische Rebellen wurden z. B. in Balladen und Geschichten
zu Helden und Märtyrern gemacht. Mit immer größerem Abstand zur kolonialen Vergangenheit
öffnete sich auch der Blickwinkel der Geschichtsbetrachtung.
Es gibt derzeit viele neue Impulse gerade von Seiten irischer Historiker,
Irlands Geschichte in Beziehung zu globalen und europäischen Entwicklungen
zu setzen. Erst die von politischen Zugehörigkeiten unabhängige
Geschichtsbetrachtung scheint eine rein wissenschaftliche Form der Geschichtsanalyse zu erlauben. Hier wird der propagandistische Blickwinkel vermieden und
man konzentriert sich stattdessen auf eine kritische Beleuchtung der eigenen
Vergangenheit.
In Nordirland ist Geschichte ein weitaus komplizierter Begriff. Das Geschichtsbewusstsein der immer noch von Großbritannien abhängigen Teilrepublik ist anders geprägt als das der Republik im Süden der Insel. Auf wissenschaftlicher Ebene mag sich die Forschung von diesen politischen Gegebenheiten distanzieren können. Die verschiedenen politischen und religiösen Gruppierungen beanspruchen jedoch ihre jeweils eigene Version (nord)irischer Geschichte. Diese nimmt dann je nach politischer Gesinnung eine verschiedene Form an. Für die Unionisten z. B. rechtfertigt die koloniale Vergangenheit der Insel den Wunsch nach einer festeren Anbindung an England.
Irland: einige historische Besonderheiten
Neben Irlands isolierter geografischer Lage und Gebundenheit an England
gibt es weitere Faktoren, welche die geschichtliche Entwicklung und Betrachtung
Irlands weiter komplizieren. Sie sind größtenteils auch Ursache
für die immer noch andauernden Konflikte im Norden der Insel.
Wenn sich Geschichtsschreibung vornehmlich an den Siegen und Niederlagen
einer Nation orientiert, dann besteht im Fall Irland das Problem, dass
die Insel nie vollständig von einer anderen Kultur unterworfen wurde.
Die militärischen Eroberungen auf irischen Boden waren immer nur auf bestimmte Gebiete ausgerichtet.
Die Wikinger z. B. konzentrierten
sich auf Dublin und das Umland und ließen sich im sogenannten Pale nieder, der ihnen die Nähe zur Küste garantierte. Die Normannischen
Eroberungszüge scheiterten an den Gegebenheiten vor Ort: besonders
der Westen Irlands bot keinen neuen Siedlungsraum, und für den normannischen
Einwanderer ergab sich der eigene wirtschaftliche Vorteil durch eine Einbindung
in existierende irischen Herrschaftsstrukturen (z. B. durch eine
Heirat, oder als Söldner im Heer eines irischen Königs) und
nicht durch deren militärische Bezwingung.
Einige Jahrhunderte später erfuhr Irland zwar eine die verschärfte
konstitutionelle und administrative
Anbindung an Großbritannien. Die Tatsache, dass innenpolitische
Entscheidungen für Irland vom britischen Parlament in Westminster (unter Mitwirkung irische Abgeordneter) gefällt wurden, trug jedoch
eher dazu bei, dass die Verhältnisse auf irischem Boden verkannt
oder unterschätzt wurden. Ganz im Unterschied zu einer Kolonie wie
z. B. Indien, wo England die eigenständige Verwaltung durch
eine entsprechende Ausbildung der Einheimischen förderte.
Die komplexe Vermengung einheimischer und fremder Herrschaftsstrukturen und Gesinnungen verkompliziert nun auch den Begriff von Nation. Gerade im Hinblick auf Nordirland geht dieser einher mit der jeweiligen Version irischer Geschichte. Für die Republikaner umfasst die irische Nation die Bevölkerung der gesamten Insel, Nord und Süd, weil sie die historischen Gegebenheiten der Unabhängigkeit Südirlands nicht akzeptieren wollen. Hier entwickelt sich der Geschichtsbegriff zum einen im Hinblick auf religiöse Zugehörigkeit, z. B. als Jahrhunderte andauernde Unterdrückung der irischen Katholiken durch Großbritannien. Zum anderen hilft gerade die jeweilige Version von Geschichte, die eigene Identität einer Minderheit, sei sie nun religiöser oder gar paramilitärischer Natur, aufrechtzuerhalten.
Jüngste Entwicklungen haben jedoch gezeigt, dass selbst diese Auffassung von Identität, immer auch gebunden an Zusammengehörigkeit, längst nicht mehr den Realitäten vor Ort entspricht. Berichte über Bestrafungs- oder gar Hinrichtungsmaßnahmen an eigenen Leuten sind mittlerweile eine gängige Schlagzeile in den nordirischen Medien. Die verschiedenen paramilitärischen Gruppen bekämpfen sich nicht nur gegenseitig, sondern gehen auch brutal gegen eigene Mitgliedern oder Sympathisanten und deren Familien vor.