
Die Short Story-Autoren WASHINGTON IRVING
(1783-1859), NATHANIEL HAWTHORNE (1804-1864) und EDGAR ALLAN POE (1809-1849)
gelten als die Begründer der eigenständigen amerikanischen Literatur.
HAWTHORNE schrieb auch die ersten amerikanischen Romane von Bedeutung: The Scarlet Letter (1850), The
House of the Seven Gables (1851) und The Marble
Faun (1860). Weitere wichtige Werke des 19. Jahrhunderts sind JAMES
FENIMORE COOPERs (1789-1851) Leatherstocking-Tales (1823-1841), HARRIET BEECHER-STOWEs (1811-1896) Uncle
Tom's Cabin; or, Life Among the Lowly (1851), HERMAN MELVILLEs
(1819-1891) Typee (1846 ) und Moby
Dick (1851).
Die amerikanische Kurzgeschichte
Die Entstehung der Short
Story ist Bestandteil der amerikanischen Literaturgeschichte. Noch
im 20. Jahrhundert haben eine Reihe amerikanischer Autoren ihren schriftstellerischen
Durchbruch über die Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in
einem der bekannten Magazine, z. B. The New Yorker oder Cosmopolitan, erreicht.
Die ersten Short Stories trugen noch die Bezeichnung tales. In ihnen stand eine interessante Handlung
im Mittelpunkt, z. B. in EDGAR ALLAN POEs Geschichte einer Schatzsuche, The Gold Bug, oder in WASHINGTON IRWINGs Rip
Van Winkle (1819/20), die als die erste Kurzgeschichte von literarischem
Rang gilt.
EDGAR ALAN POE wird als der Begründer der amerikanischen Kurzgeschichte
bezeichnet. Seine Erzählungen handeln von psychologischen Ausnahmezuständen,
dem Verderben und dem Übernatürlichen. POE gilt auch als einer
der Begründer der Detektivliteratur.
"True! - nervous - very, very
dreadfully nervous I had been and am; but why will you say that I am mad?
The disease had sharpened my senses - not destroyed - not dulled them.
Above all was the sense of hearing acute. I heard all things in the heaven
and in the earth. I heard many things in hell. How, then, am I mad? Hearken!
and observe how healthily - how calmly I can tell you the whole story."
(EDGAR ALLAN POE, The Tell-Tale
Heart)
Mit diesem offenen Einstieg in die
Geschichte wird das Interesse des Lesers sofort eingefangen. Die ersten
Sätze werfen viele Fragen auf, auf die der Leser im Folgenden eine
Antwort zu finden sucht: Wer spricht? In welcher Situation befindet sich
diese Person? Was ist zuvor geschehen?
Mit dem Ich-Erzähler hat POE zudem eine sehr subjektive
Erzählperspektive ausgewählt; die Zuverlässigkeit
des Erzählers wird schon bald angezweifelt, und der Leser sucht selbständig
nach einer Antwort auf die Frage des Erzählers Why
will you say that I am mad?
NATHANIEL HAWTHORNEs Kurzgeschichten, z. B. The Minister's
Black Veil und Dr. Heidegger's Experiment beschäftigen sich auch mit den inneren Vorgängen der Hauptfiguren
und ihren Motiven. Bedeutende Beiträge HERMAN MELVILLEs zur Gattung
der Short Story sind Bartleby
the Scrivener, Benito Cereno und die Parabel The
Lightning-Rod Man (1856).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wiegen Kurzgeschichten
des Realismus vor, die eine möglichst
wirklichkeitsgetreue Darstellung der Figuren und Handlungen anstreben.
Wichtige Autoren dieser Richtung sind MARK TWAIN (1835-1910), BRET HARTE
(1836-1902), JACK LONDON (1876-1916), STEPHEN CRANE (1871-1900) und AMBROSE
BIERCE (1842-1914).
Die moderne Short Story
Die moderne Kurzgeschichte konzentriert sich auf die Analyse einer
einzigen Handlung, die in der Regel eine besondere Bedeutung im Leben
der Hauptfigur besitzt. Oft geht es um Entscheidungen von großer
Tragweite, den Aufbruch in eine neue Lebensphase oder eine neue Erfahrung,
die entweder Klarheit oder aber auch Enttäuschung nach sich ziehen
kann.
In der modernen Kurzgeschichte steht weniger die Handlung im Vordergrund;
sie dient vielmehr als Spiegel oder Auslöser psychologischer
Abläufe und zwischenmenschlicher Beziehungen.
Wichtige Autoren dieses modernen Typus der Kurzgeschichte sind SHERWOOD
ANDERSON (1876-1941) und ERNEST HEMINGWAY (1899-1961).
HEMINGWAY, auch Autor der Romane For Whom the Bell
Tolls und The Old Man and the Sea, hat
in seinen Kurzgeschichten das Merkmal der Konzentration perfektioniert. Durch seine kommentarlose, knappe und äußerst
präzise Sprache gelingt es ihm, das Wesentliche einer Situation in
wenigen Worten zu umreißen. Die Spannung, die in einer Situation oder in einer Beziehung liegt, wird für den
Leser ohne Einschaltung von Erklärungen oder Kommentaren wahrnehmbar.
Bekannte Short Stories von HEMINGWAY sind A
Day's Wait, Old Man at the Bridge, Canary for One, Cat in the Rain.
Weitere amerikanische Short
Story-Autoren von Bedeutung sind:
JOHN STEINBECK (1902-1968): The Raid, Chrysanthemums,
The Red Pony.
TRUMAN CAPOTE (1924-1984): Seine Kurzgeschichten, die reich sind an sprachlichen
Bildern und lyrischen Ausdrucksweisen, handeln von Einsamkeit, Sehnsüchten
und Ängsten. Von ihm stammen die Kurzgeschichtensammlungen A
Tree of Night and Other Stories (1949) und Breakfast
at Tiffany's (1958).
WILLIAM FAULKNER (1897-1963) (A Rose for Emily) dringt tief in die seelischen Abläufe seiner Figuren ein.
JOHN UPDIKE (1932-2009): veröffentlichte mehrere Kurzgeschichtenbände,
z. B. Pigeon Feathers (1962) mit den Geschichten A & P. UPDIKE zählt zu den hervorragendsten
zeitgenössischen Autoren der amerikanischen Literatur.
WILLIAM SAROYAN (1908-1981): The Daring Young Man on the
Flying Trapez (1934), My Name is Aram (1940).
JEROME DAVID SALINGER (1919-2010): Die Handlung seiner Geschichten umspannt die
Mitglieder der Familie Glass: Beziehungsthemen wie Entfremdung, Missverstehen
und Vereinsamung werden auf einfühlsame Weise präsentiert. Nine
Stories (1953), Fanny and Zooey (1961), Raise High the Roof Beam, Carpenters and Seymour (1963).
BERNARD MALAMUD (1914-1986) gibt in seinen Geschichten die Erlebnisse der
jüdischen Einwanderer in Amerika wieder: die Begegnung mit der als
feindselig empfundenen neuen Umgebung und das Streben nach besseren Lebensbedingungen.
Sammlungen von MALAMUD sind The Magic Barrel (1958), Idiots First (1963), Rembrandt's
Hat (1973).
KURT VONNEGUT (1922-2007) schreibt zum Teil satirische, in der Zukunft stattfindende
Geschichten, z. B. Harrison Bergeron und Tomorrow
and Tomorrow and Tomorrow, beide aus der Sammlung Welcome
to the Monkey House (1968).
DONALD BARTHELME (1931-1989) schrieb zum größten Teil satirische
und humorvolle Kurzgeschichten, z. B. e.g. Me and Miss
Mandible.
JOYCE CAROL OATES (1938), auch Autorin zahlreicher Romane, behandelt in
ihren Short Stories Alltagssituationen und die
gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart.
Im 20. Jahrhundert wurde die narrative Form der Short
Story von britischen Autoren (z. B. JAMES JOYCE, DAVID HERBERT LAWRENCE,
ALAN SILLITOE, JOHN WAIN) sowie Commonwealth-Autoren
(z. B. KATHERINE MANSFIELD, JANET FRAME) übernommen. Kurzgeschichten
werden inzwischen thematisch zugeordnet, z. B. Stories
of Black Experience) oder nach der Herkunft der Autoren, Immigrant
Stories oder Hispanic Stories.