


Altenglisch
Mit dem Untergang des Weströmischen Reiches
zu Beginn des 5. Jahrhunderts n. Chr. dürfte auch das vorläufige
Ende der Benutzung des Lateinischen
als gesprochene Sprache eingetreten sein.
Im Jahr 597 begannen irische Mönche mit der Bekehrung Englands zum
christlichen Glauben - und handelten damit ganz im Sinne der katholischen
Kirche in Rom. Durch die Ausbreitung des Christentums
in England lebte die lateinische Sprache im 6. Jahrhundert wieder
auf. In der Folgezeit wurden zahlreiche Kirchen, Klöster und Schulen
gebaut, in denen ausschließlich lateinisch gebetet und gelehrt wurde.
Während der 500 Jahre, die zwischen der Einführung des Christentums
und dem Ende der altenglischen Periode liegen, kamen viele Substantive
aus dem Kirchenlatein ins
Englische, die grundlegend für die neue Religion waren und bis heute
zum englischen Wortschatz gehören. Zu diesen gehören abbot,
altar, candle, martyr, mass, minster, nun, organ, pope, priest, relic,
shrine, temple.
Latein wirkte auch auf den Wortschatz
des häuslichen Lebens, z. B. auf den Bereich Nahrung (lobster,
mussel, oyster, pear), Kleidung (cap, silk,
sack, sock), Pflanzen, Kräuter, Bäume (Oberbegriff: plant,
Unterbegriffe myrrh, lily, pine). Aber auch
andere verbreitete Begriffe werden in dieser Zeit aus dem Lateinischen
entlehnt wie anchor, circle, fever, sponge, talent.
In der altenglischen Periode beeinflusste Griechisch
indirekt über das Kirchenlatein den englischen Wortschatz. Bei vielen
Wörtern, die dem lateinischen Einfluss zugeschrieben werden, ist
die griechische Herkunft unverkennbar. Folgender Weg hat sich bei der
Entlehnung vollzogen:
gr. ángelos > lat. angelus
> engl. angel - Gottesbote, Engel
gr. epistolé > lat. epistula
> engl. epistle - Brief
gr. hýmnos > lat. hymnus
> engl. hymn - Loblied, Hymne
gr. psalmós > lat. psalmus
> engl. psalm - Psalm
Mittelenglisch
In der mittelenglischen Periode dominierte als Folge der Normannischen
Eroberung im Jahre 1066 durch WILLIAM THE CONQUEROR der französische
Einfluss, denn am königlichen Hof sprach man Französisch. Über
diese romanische Sprache gelangten Wörter lateinischen Ursprungs
indirekt ins Englische.
Aber auch auf direktem Wege wurden über die Schriftsprache
weiterhin lateinische Wörter entlehnt, meistens aus Schriften des
Rechts, der Medizin, der Theologie sowie der französischen Literatur,
wie z. B. conspiracy, frustrate, genius, interrupt,
legal, lunatic, mechanical, minor, necessary, picture, polite, quiet,
rational, summary.
Im 14. Jahrhundert arbeitete JOHN WYCLIFFE an der ersten englischen Gesamtübersetzung
der lateinischen Bibel (Vulgata,
von lateinisch vulgatus = verbreitet, bekannt).
Dafür wählte er zahlreiche lateinische Wörter, die es bisher
im Englischen nicht gab, aber sich im Laufe der Jahrhunderte in der Alltagssprache
etablieren konnten.
Zudem wird in dieser Zeit von Geistlichen und gebildeten Menschen Latein
auch gesprochen, so dass einige lateinische Wörter durch den mündlichen
Gebrauch in die englische Sprache gelangten.
Die meisten griechischen Wörter wirkten auch in dieser Periode indirekt
durch das Lateinische oder Französische auf den englischen Wortschatz.
Neben kirchlichen Lehnwörtern wurden im 14. und 15. Jahrhundert auch
weltliche Begriffe übernommen.
Zu ihnen gehören comedy, dialogue, echo, thesis,
deren griechische Grundlage komoidía, diálogos,
echó, thésis sind.
An dieser kleinen Auswahl von Beispielen wird einerseits deutlich, dass
Entlehnung auf ganz verschiedenen Gebieten stattgefunden hat und die damals
fremden Wörter heute aus dem Englischen kaum wegzudenken sind.
Frühneuenglisch
Zahlreiche Neuerungen markieren das Ende des Mittelalters und den Beginn
der Renaissance in Europa. Von großer
Wichtigkeit ist die Erfindung des Buchdrucks um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Möglichkeit, Wissen in gedruckter
Form schneller als je zuvor zu verbreiten, hob landesweit das Bildungsniveau,
und immer mehr Menschen lernten Lesen und Schreiben.In der Renaissance besann man sich auf die Antike, daher erlebte die
Kenntnis der alten Sprachen eine neue Blüte. Das gesammelte Wissen
der Griechen und Römer stand erneut im Mittelpunkt des Interesses
- Wissenschaft, Literatur, Geschichte, Philosophie, Staatstheorie. Viele
Autoren der Frühen Neuzeit verfassten ihre Werke auf Lateinisch und
bemühten sich wie der lateinische Redner und Staatsmann CICERO zu
schreiben.
Der Einfluss des Kirchenlateins ließ in der Renaissance nach, dafür nahm die Bedeutung der lateinischen Sprache für Wissenschaft und Literatur stark zu. Der rasante Zuwachs an wissenschaftlicher Erkenntnis in der Frühen Neuzeit erforderte in den verschiedenen Bereichen einen angemessenen Spezialwortschatz. Waren keine Bezeichnungen für neue Phänomene vorhanden, mussten sie geschaffen werden. Dieser große Bedarf an neuen Termini führte in der Zeit von 1550-1650 zu einem Rekord an Entlehnungen aus dem Lateinischen in der englischen Sprachgeschichte.
Auch Griechisch wurde in der Renaissance eine Fundgrube für neue
Wörter. Begriffe wie diagram, experiment, idea,
method, problem, solution, system, theory, die wissenschaftliches
Vorgehen bezeichnen, werden in dieser Zeit aus dem Griechischen übernommen.
Ein gutes Beispiel ist die Medizin,
in deren Terminologie sich überwiegend griechische Lehnwörter
etabliert haben. Das liegt an der im Griechischen sehr logischen Wortbildung:
viele Affixe tragen oft eine bestimmte
Bedeutung. Typische Suffixe zur
Bezeichnung von Krankheiten sind -itis und -osis, wie sich an folgenden
Beispielen belegen lässt:
Arthritis und Bronchitis weisen auf die Entzündung der entsprechenden
Körperteile hin (árthron = Gelenk).
Symbiosis, psychosis und tuberculosis
sind bestimmte Zustände, in denen sich der Organismus befinden kann.
Durch die Erneuerung der griechischen Studien kam es während der
Renaissance zum ersten Mal in der englischen Sprachgeschichte auch zur
direkten Entlehnung aus dem Griechischen. Nachweislich sind auf diese
Weise folgende Wörter in die englische Sprache gelangt: anonymous,
catastrophe, criterion, lexicon, thermometer.
Die Einbürgerung neuer Wörter war jedoch nicht unumstritten.
In der Zeit zwischen 1500 und 1650 wurden hitzige Diskussionen um das
Für und Wider von Entlehnungen aus anderen Sprachen geführt,
insbesondere hinsichtlich der schwer verständlichen griechischen
und lateinischen Lehnwörter. Einerseits gab es das Lager der sprachlichen
Puristen: Sie wollten Verständlichkeit
des Englischen fördern und lehnten jeden fremden Einfluss ab.
Andererseits gab es starke Befürworter
der sprachlichen Bereicherung, die eine Aufwertung des Englischen insbesondere
durch die klassischen Sprachen anstrebten.
Von allen englischen Autoren in der Renaissance bewies WILLIAM SHAKESPEARE
mehr Kreativität und Instinkt für Wortschöpfungen
von langer Lebensdauer als alle anderen. Seine Dramen umfassen nicht nur
einen erstaunlich großen Wortschatz im Vergleich zu anderen bedeutenden
Schriftstellern.
Wörter wie to educate, fashionable, pious, restoration
und Wendungen wie to cheer someone up, a foregone
conclusion und foul play finden sich zum ersten Mal in der englischen
Sprache bei SHAKESPEARE, ebenso die Phrase It's Greek
to me als eine Bezeichnung für eine unverständliche Ausdrucksweise.
Emanzipation der englischen Sprache
Das Verlangen nach Literatur in der Landessprache Englisch wurde immer
größer. Gegen Ende der frühneuenglischen Periode hat sich
Englisch schließlich durchsetzen können. Diese Selbstbehauptung
gegenüber dem etablierten Latein war ein mühsamer Prozess, denn
Latein dominierte alle Felder der Wissenschaft und die Literatur. Außerdem
war es die einzige Sprache, die von allen Gelehrten in ganz Europa verstanden
wurde.
Daher blieb die Beherrschung des Lateinischen noch lange unverzichtbar
- sei es als internationales Kommunikationsmittel, sei es als angesehenes
Bildungs- und Erziehungsideal oder als Voraussetzung, um klassische Literatur
lesen und würdigen zu können.
Nach 1800
Die meisten griechischen Entlehnungen oder Wortbildungsmuster im Englischen
stammen aus der Zeit nach 1800. Insbesondere griechische Präfixe
wurden gern verwendet, um neue Begriffe zu bilden. Zu den häufigsten
gehören die folgenden:
anti = gegen: antibiotic, antibody
syn = zusammen: synapse, synthesis
dia = auseinander: dialysis
hyper = oberhalb, über = hinaus: hyperactive
hypo = unter: hypodermic
mono = allein, einzig: monologue, monopoly
eu = gut: euphemism
Auch das Gegensatzpaar Philie - Phobie ist
griechischen Ursprungs (philía = Freundschaft,
phóbos = Furcht, Flucht) und findet sich in verschiedenen
wissenschaftlichen Zusammenhängen:
In der Chemie werden die Eigenschaften
von Stoffen mit den Suffixen -phil und -phob
beschrieben (hydrophil, hydrophob)
Wörter griechischen und lateinischen Ursprungs sind auch fester
Bestandteil anderer europäischer Sprachen, so dass ein einmal erschlossenes
Lehnwort trotz leicht veränderter Erscheinung auch in einer anderen
Sprache schnell zu erkennen und zu verstehen ist. Hier wird die Universalität
des Griechischen deutlich, die ebenso für die Bedeutung des Lateinischen
in Europa gilt.