



Viele Autoren des 20. Jahrhundert haben versucht, sich mit diesen neuen Erfahrungen in ihren Dramen, Romanen und Gedichten auseinander zu setzen. Diese Erfahrungen schlagen sich nieder in den unterschiedlichen Richtungen der englischsprachigen Literatur.
Vereinfachend lassen sich zwei Wege nennen, auf denen Dichter die sich rapide wandelnde Wirklichkeitserfahrung zum Ausdruck gebracht haben:
Veränderungen in der Erzähltechnik
Eine Reihe von Autoren haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht,
neue Techniken zu finden, um
die äußerlich nicht wahrnehmbaren Vorgänge des menschlichen
Bewusstseins treffend darstellen zu können (VIRGINIA WOOLF 1882-1941,
die Kurzgeschichtenautorin KATHERINE MANSFIELD 1888-1923, JAMES JOYCE
1882-1941).
Sie entwickelten Formen der Bewussteinswiedergabe, z. B. durch den inneren
Monolog (interior monologue), die Benutzung
einer bestimmten Perspektive (limited
point of view) oder durch die Darstellung des Bewusstseinsstromes
(stream- of-consciousness technique): JAMES
JOYCE revolutionierte 1922 durch seinen Roman Ulysses, der nur in der
Form des Bewusstseinsstromes die Ereignisse eines einzigen Tages beschreibt,
die Literatur.
Eine weitere Erzähltechnik der Gegenwartsliteratur ist die Darstellung eines Ereignisses aus den Perspektiven verschiedener Personen, d. h. mittels Perspektivenwechsel. Der Leser erhält zunächst nur lückenhafte und persönlich gefärbte Informationen über die Handlung. Erst durch die Schilderung durch mehrere Figuren kann sich der Leser ein eigens Bild von den Vorgängen machen.
Vielfach wird in der Literatur der Gegenwart auch die dem Film entliehene
Schnitttechnik der Montage verwendet.
Analog zum Szenenwechsel im Film wechselt bei der Montage die Darstellung
zwischen zwei oder mehreren gleichzeitig verlaufenden Handlungen.
Beim Leser verstärkt sich hierdurch der Eindruck der Gleichzeitigkeit
(z. B. in ALDOUS HUXLEY, A Brave New World).Außerdem
können zwischen Szenen Beziehungen des Gegensatzes oder der Ähnlichkeit
hergestellt werden. Sachtexte wie Zeitungsberichte , Werbeanzeigen, Liedtexte
werden in die Erzählung eingefügt.
Das absurde Drama
Das klassische Drama strebte das Ideal der Einheit
von Handlung, Ort und Zeit an. Das absurde
Drama löst diese Einheit auf, indem es die Figuren in Handlungslosigkeit
verharren lässt oder Handlungen ohne Ziel verrichten lässt.
Sinnlose Handlungen wiederholen sich; die Zeit scheint stillzustehen,
weil keine Veränderung beobachtbar ist. So wird die Unentrinnbarkeit
einer Situation zum Thema des Dramas. Berühmtestes Beispiel des absurden
Dramas ist SAMUEL BECKETTs (1906-1989) Waiting for
Godot, das die Sinnlosigkeit
der menschlichen Existenz veranschaulicht.
Die Dramen und Sketche des Engländers HAROLD PINTER (geb. 1930) befassen
sich mit den Problemen der zwischenmenschlichen Kommunikation, also auch
mit dem Fehlen jeglicher Verständigung, z. B. in The
Caretaker oder auch in Moonlight.
Der anti-utopische Roman
Der anti-utopische Roman des 20. Jahrhunderts geht zurück auf THOMAS
MOREs Erzählung von einem idealen Staat, Utopia
(1515/16).
Während dieser Vorbildcharakter haben sollte, setzen Autoren des
20. Jahrhunderts satirische anti-utopische
Romane zur Anprangerung und Entlarvung
gesellschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Tendenzen ein.
ALDOUS HUXLEY entwirft in A Brave New World (1932, dt. Schöne Neue Welt) einen scheinbar perfekten totalitären Staat, in dem nichts mehr der freien menschlichen Entscheidung überlassen bleibt. Selbst Probleme wie soziale Ungerechtigkeit und Altersstruktur werden durch Genmanipulation gelöst.
GEORGE ORWELLs (1903-1950) Satiren 1984 von
1949 und Animal Farm (1945, dt. Farm
der Tiere) richten sich gegen das totalitäre System der Sowjetunion.
Phänomene wie Manipulation, staatliche Propaganda, lückenlose
Kontrolle und Machtanmaßung werden mit bissigem Humor vorgeführt.
Frauenliteratur
Zu den Themen, die während des 20. Jahrhunderts an Aktualität
gewannen, zählt auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft.
Durch die Suffragetten unter
EMMELINE PANKHURST (1858-1928; PANKHURST kämpfte für das Wahlrecht
für Frauen, dass in Großbritannien 1918/1928 gewährt wurde.)
ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt, haben die Frauen der westlichen
Welt während dieses Jahrhunderts für ihr Recht auf eine angemessene
Ausbildung, auf qualifizierte Arbeitsplätze sowie Gleichberechtigung
in Ehe und Gesellschaft gekämpft. Für die Frauen der Dritten
Welt hat dieser Kampf um ihre Rechte gerade erst begonnen.
Autorinnen, die sich mit diesem Thema befasst haben, waren VIRGINIA WOOLF
(A Room of One's Own, 1928), DORIS LESSING
(To Room Nineteen, 1963; Martha
Quest novels, 1952-69), MARGARET DRABBLE (The
Millstone 1965, The Needle's Eye, 1972)
und EDNA O'BRIEN.
Als aktuelles Werk beschäftigt sich Brick Lane von MONICA ALI (2003) mit der Situation der Immigrantinnen in Großbritannien. Brick Lane erzählt die Geschichte der Nazneen, die von ihrer Familie an einen älteren Bangladeshi verheiratet wird, der in London lebt. Nazneen ist gezwungen, sich mit dieser Zweckehe zu arrangieren; sie bemüht sich, ihre beiden Töchter auf ein Leben der freien Entscheidungen vorzubereiten.
Literatur in einer multikulturellen
Gesellschaft
Die Bevölkerung Großbritanniens, der Vereinigten Staaten, Australiens
und Kanadas setzt sich seit dem 19. Jahrhundert aus einer bunten Vielfalt
von Menschen unterschiedlicher nationaler Herkunft zusammen. Sie selbst
sind Einwanderer oder direkte
Nachfahren von Einwanderern, die aus wirtschaftlichen, politischen oder
weltanschaulichen Gründen ihr Herkunftsland verlassen haben.
Unter den letzten beiden Einwanderergenerationen hat sich eine Literatur
herausgebildet, die unter anderem von den Problemen der Einwanderer in
der neuen Welt handelt. Die Perspektive der Autoren, die in verschiedenen
Kulturen aufgewachsen sind, gibt der englischsprachigen Literatur eine
neue Richtung; außerdem bereichert diese Autorengeneration die Sprache
der englischen Literatur durch ihre multikulturelle Spracherfahrung.
Die wichtigste Autorin der chinesischen Minderheit in den USA ist AMY
TAN (geb. 1952). Ihr Roman The Joy Luck Club (Töchter des Himmels, 1989) lässt
vier Frauen von den Erlebnissen berichten, die dazu führten, dass
sie in den 1940-er und 1950-er Jahren in die USA auswanderten. Sie erzählen
von den Einschränkungen, denen
Frauen in der traditionellen chinesischen Gesellschaft unterworfen waren;
Einschränkungen, die sie oft vor Ausweglosigkeit verzweifeln ließen.
Sie besaßen nicht die Freiheit, ihre Leben selbst in die Hand zu
nehmen, es sei denn - sie wanderten aus. The Joy Luck
Club stellt auch die Konflikte dar, die zwischen den Müttern
und ihren modernen, in Amerika geborenen Töchtern aufkommen.
HANIF KUREISHI (geb. 1954) ist der Sohn pakistanischer Einwanderer und
lebt in England. 1984 erhielt er eine Oscar-Nominierung für sein
Drehbuch zu dem Film My Beautiful Launderette (Mein
wunderbarer Waschsalon). Sein satirischer Roman The
Buddha of Suburbia (1990) stellt das Leben im multikulturellen
London aus den Augen des siebzehnjährigen Karim Amir dar.
Brick Lane (2003) von MONICA ALI geht auf
die sozialen Probleme der Moslems England und die Schwierigkeiten der Integration ein. Die Wohnsituation
und die Chancen, eine qualifizierte Arbeit zu erhalten, werden am Beispiel
der Hauptfiguren vorgeführt.
CHRISTINA GARCIA (geb. 1958 in Kuba) ist eine Vertreterin der kubanischen
Minderheit in den USA. In ihrem Roman Dreaming in
Cuban (1992) stellt sie drei Generationen von Kubanerinnen vor.
Der Generationenkonflikt zwischen Lourdes, die sich mit Übereifer den amerikanischen Gepflogenheiten
anpasst, und ihrer Tochter Pilar, die gegen diese Überangepasstheit
rebelliert, sorgt für unterhaltsame Komik.
Commonwealth Literatur
In den Dominions (Australien, Neuseeland, Kanada,
Südafrika) und den ehemaligen Kolonien Großbritanniens, die
in der Staatengemeinschaft des Commonwealth zusammengeschlossen sind, ist im 20. Jahrhundert ebenfalls eine eigenständige
Literatur entstanden. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Entstehung
einer eigenen kulturellen Identität dieser Länder. Thematisch
wird unter anderem die Kolonialgeschichte aufgearbeitet.
Zu den wichtigsten neuseeländischen Autorinnen zählen KATHERINE
MANSFIELD, die mehrere Kurzgeschichtensammlungen verfasste, und JANET FRAME (1924-2004), Verfasserin mehrerer Romane, Kurzgeschichtensammlungen
und eines Gedichtbandes.
Schon früh präsentierte RAMAN KOCHERIL NARAYAN (1906-2001) Indien in der internationalen Literatur.
Er begleitete in seinen Werken den Übergang Indiens in die Unabhängigkeit.
SALMAN RUSHDIEs Roman The Satanic Verses zog
bald nach seinem Erscheinen 1988 die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit
auf sich. Irans AYATOLLAH KHOMEINI verhängte am 14. Februrar 1989
die fatwa (Todesurteil) wegen Gotteslästerung
über RUSHDIE; sein Buch wurde in allen islamischen Ländern verboten.
Der Roman der Inderin ARUNDHATI ROY, The God of Small
Things (1997), hat weltweit Anerkennung gefunden. ARUNDHATI ROY
erzählt von der Auflehnung einer Frau gegen das Kastenwesen und dem Zusammenbruch ihrer Familie.
Der Inder VIDIADHAR SURAJPRASAD NAIPAUL (geb. 1932) wählt Schauplätze
wie Indien, Afrika, Südamerika als Schauplätze seiner Romane.
Seine ersten Bücher, z. B. der Familienroman A
House for Mr Biswas, beschreiben das Leben seines Herkunftslandes,
der Insel Trinidad in der Karibik.
Wichtige Vertreter der Literatur Südafrikas sind ALAN PATON (Cry, The Beloved Country, 1948) und JOHN MAXWELL COETZEE, an den 2003 der Nobelpreis für Literatur ging.
Der in London lebende Nigerianer BEN OKRI (geb. 1959) hat bisher drei
Romane veröffentlicht, u. a. The Famished Road, 1991.
Lyrik
Besonders die Lyrik des 20. Jahrhunderts
ist reich an verschiedenen Richtungen. Neben konventionellen Gedichtformen,
die Tendenzen des 19. Jahrhunderts fortsetzen, finden sich experimentelle
Formen. Neue Ausdrucksmöglichkeiten werden gesucht in Form von Wortneuschöpfungen,
Wechsel zwischen Alltagssprache und formellem Englisch, Einbau veralteter
Sprachformen und Verwendung typografischer
Mittel (z. B. in den Gedichten von EDWARD ESTLIN CUMMINGS).
In der Collage, eine der bildenden Kunst entliehene Technik, werden Zitate aus Werken anderer Autoren, aus Werbeslogans oder bekannten Liedtexten
in das Gedicht eingefügt. Der Leser ist so ständig wechselnden
Eindrücken ausgesetzt und wird dazu angeregt, ein Thema aus unterschiedlichen
Perspektiven zu betrachten (z. B. in der Lyrik von T. S. ELIOT).
Im Gegensatz zur Lyrik einiger vergangener Epochen beschäftigt sich
zeitgenössische Lyrik nicht nur mit dem Erhabenen und Schönen,
sondern greift auch Alltagsthemen auf.
Der Amerikaner JOHN UPDIKE zitiert in seinem satirischen Gedicht Superman (1959) die Sprache der Werbung:
"I drive my car to supermarket,
The way I take is superhigh,
A superlot is where I park it,
And Super Suds are what I buy."
Krieg, Tod sowie die Natur werden nicht nur idealisiert, sondern in ihrer Bedrohlichkeit und Hässlichkeit vor Augen geführt.
"What passing-bells for these
who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns."
(WILFRED OWEN, Anthem for Doomed Youth, 1917)
Bedeutende britische Lyriker und Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts sind
EZRA POUND (1885-1972), THOMAS STEARNS ELIOT (1988-1966), WILLIAM BUTLER
YEATS (1865-1939), DYLAN THOMAS (1914-1953), SYLVIA PLATH (1932-1963)
und SEAMUS HEANEY (geb. 1939).
In den USA haben ROBERT LEE FROST (1874-1963), CARL SANDBURG (1878-1967),
EDWARD ESTLIN CUMMINGS (1894-1962), ARCHIBALD MACLEISH (1892-1982) und
ROBERT LOWELL (1917-1977) herausragende Lyrik verfasst.