
Im Hochmittelalter entwickelten die französischen Troubadoure (Minnesänger), die Kanzone und
das Rondeau als lyrische Formen des
Gesanges. Neben zahlreichen anonymen Verfassern sind im Mittelalter schon
hervorragende Dichterpersönlichkeiten anzutreffen, wie GEOFFREY CHAUCER.
Bis zu Beginn der Renaissance wurde die Bezeichnung Lyrik auch für nicht gesungene Gedichte verwendet.
Gesungene Lyrik, einschließlich des Madrigals (mehrstimmiger Gesang), war in der englischen Dichtung des Elisabethanischen
Zeitalters stark vertreten, z. B. in den Werken von THOMAS CAMPION
und JOHN DOWLAND oder in den Liedeinlagen der Theaterstücke von SHAKESPEARE.
Nach dem Vorbild des italienischen Dichters PETRARCA verfasste SHAKESPEARE
auch eine große Zahl von Sonetten.
Das Sonett war bis ins frühe
17. Jahrhundert äußerst populär bei SHAKESPEARE, sowie
JOHN DONNE.
ALEXANDER POPE und SAMUEL JOHNSON zählen zu den bedeutendsten Dichtern des englischen Klassizismus im 18. Jahrhundert. Ebenso klassizistisch geprägt, aber dennoch weitaus experimentierfreudiger gab sich THOMAS GRAY, einer der wichtigen Wegbereiter der englischen Romantik.
Prominente Lyriker der englischen Romantik waren z. B. ROBERT BURNS, SAMUEL
TAYLOR COLERIDGE, WILLIAM BLAKE, WILLIAM WORDSWORTH, JOHN KEATS und PERCY
BYSSHE SHELLEY.
Die wichtigsten Impulse für die moderne Lyrik sind den französischen
Dichtern des 19. Jahrhunderts zu verdanken, wie CHARLES BAUDELAIRE, PAUL
VERLAINE und ARTHUR RIMBAUD.
Mit STÉPHANE MALLARMÉ beginnt die dichterische Sprache,
sich aus ihrem traditionellen Realitätszusammenhang zu lösen
und eine eigene, von der dinglichen Welt unabhängige Wirklichkeit
zu begründen. Das "lyrische Ich" ist zukünftig nicht
mehr mit der Person des Dichters identifizierbar.
In der Neuzeit dagegen hat sich die Lyrik vielmehr zu einem Oberbegriff
entwickelt, der für sämtliche Formen des Gedichts als Medium
für Gefühle und Sinnesempfindungen steht.
Das lyrische Ich
Die Lyrik lässt sich als eine Einzelrede in Form von Versen definieren.
Als das lyrische Ich (lyrical
I) wird immer jenes im Gedicht auftretende fiktive Subjekt benannt,
welches in der ersten Person sowie im Singular als mitfühlender Erlebnisträger der geschriebenen Lyrik fungiert.
Dieser Sprecher ist vergleichbar mit dem Erzähler in einem epischen
Text, welcher auf ähnliche Art und Weise die vermittelnde Funktion
zwischen Autor und Leser übernimmt.
Das lyrische Ich macht zwar Aussagen über die eigenen Gefühle
und sein Befinden in der Ich-Form; allerdings darf das lyrische Ich trotz
eventueller autobiografischer Parallelen keineswegs einfach mit dem wirklichen,
biografischen Ich des realen Autors verwechselt oder gar gleichgesetzt
werden.
Rhetorische Figuren und Tropen
Die Rhetorik (rhetoric) ist die Lehre vom kunstvollen und wirkungsvollen Sprechen. Sie ist bereits
in der Antike entstanden. In sogenannten Rhetorikschulen wurden Redner
und Schriftsteller ausgiebig geschult, ihrem Rede- und Schreibstil Bedeutung
zu verleihen oder ihn auszuschmücken.
In der Literatur, und vor allem in der Lyrik, ist ein bestimmter Bereich
der Rhetorik, die rhetorischen Figuren (figures) und Tropen (tropes), für die Hervorhebung bzw. zum
Erschaffen spezieller sprachlicher Effekte relevant.
Rhetorische Figuren sind alle vom normalen Sprachgebrauch abweichenden
Sprachformen, die dazu verwendet werden, einen Gedanken besonders kunstvoll
auszuschmücken, ihn hervorzuheben oder ihm anderweitig besonderen
Nachdruck zu verleihen. Dabei kann es sich um phonologische, lexikalische,
syntaktische, semantische oder gar pragmatische Mittel handeln.
Bei Wortfiguren bzw. Tropen wiederum weicht man ganz bewusst vom direkten
Wortsinn ab. Dies erreicht man z. B. durch Wiederholung, Abwandlung oder
Häufung von bestimmten Wörtern oder Wortfolgen mit gleicher
oder ähnlicher Bedeutung.
| Alliteration (alliteration): eine Häufung gleicher Anfangslaute bzw. -buchstaben | ||
| His soul swooned slowly as he heard the snow [ ] | ||
The Dead, JAMES JOYCE) |
||
| Lautmalerei (onomatopoeia): Nachahmung eines Naturlauts oder einer Klangfarbe | ||
| [ ] And murmuring of innumerable bees | ||
The Princess, LORD
ALFRED TENNYSON) |
||
| Anapher (anaphora): Wortwiederholung am Anfang von Versen | ||
| So long as men can breathe, or
eyes can see, So long lives this, and this gives life to thee |
||
Sonnet 18, WILLIAM
SHAKESPEARE) |
||
| Figura Etymologica: Wiederholung eines Stamm-Morphems (kleinste bedeutungstragende Wortform) in unterschiedlichen grammatikalischen Formen | ||
| So long as men can breathe, or eyes can
see, So long lives this, and this gives life to thee |
||
Sonnet 18, WILLIAM
SHAKESPEARE) |
||
| Ellipse (ellipsis): Auslassung von Satzteilen | ||
| Beauty is truth, truth _ beauty | ||
Ode on a Grecian Urn, JOHN KEATS) |
||
| Chiasmus (chiasm): spiegelbildliche Anordnung von Satzteilen | ||
| It was [ ] falling softly upon the Bog of Allen and, farther westward, softly falling into the dark mutinous Shannon waves | ||
The Dead, JAMES JOYCE) |
||
| Inversion (inversion): Umstellung der normalen Reihenfolge von Satzteilen | ||
| Dull would he be of soul who could pass by | ||
Composed upon Westminster
Bridge, WILLIAM WORDSWORTH) |
||
| Antithese (antithesis): Verbindung zweier gegensätzlicher Aussagen | ||
| My words fly up, my thoughts remain below | ||
Hamlet, WILLIAM SHAKESPEARE) |
||
| Paradoxon (paradox): widersinnige Aussagen innerhalb eines Satzes | ||
| The child is father of the man | ||
My Heart leaps up, WILLIAM WORDSWORTH) |
||
| Ausruf/Apostrophe (apostrophe): Ausruf an eine Person, einen Gegenstand oder etwas Abstraktes | ||
| With how sad steps, O Moon, thou climb'st the skies | ||
Sonnet 31, PHILIP SIDNEY) |
||
| Metapher (metaphor): indirekter, verkürzter Vergleich ohne Vergleichswort, Ersetzen eines Ausdrucks durch eine seiner Eigenschaften | ||
| Sometime too hot the eye of heaven [= the sun] shines | ||
Sonnet 18, WILLIAM
SHAKESPEARE) |
||
| Vergleich (simile): Veranschaulichung eines Ausdrucks mithilfe eines anderen; mit Vergleichswort like verbunden | ||
| This city now doth, like a garment, wear, The beauty of the morning |
||
Composed upon Westminster
Bridge, WILLIAM WORDSWORTH) |
||
Vokale als stilistisches Mittel
Neben den rhetorischen Figuren und Tropen können auch Vokale dazu
verhelfen, eine bestimmte Atmosphäre herstellen und dadurch ebenfalls
zu einem stilistischen Mittel werden.
Je nach Häufung ganz bestimmter Art von Vokalen können gewisse
Effekte erzielt werden.
So kann z. B. durch eine Anhäufung der dunklen Vokalen wie dem a,
o oder u eine äußerst düstere,
traurige oder beunruhigende, sogar bedrohliche Stimmung erzeugt werden.
Mit Hilfe der hellen Vokale, wie dem e und dem i, dagegen kann ein Ausdruck von Freude,
Unbeschwertheit und Leichtigkeit hervorrufen.