
Irische Literatur und Bildungspolitik
Mit der Anbindung Irlands an die englische Nachbarinsel im 12. Jahrhundert
wurde Irland zu einer Kolonie des mächtigen
England. Dies bedeutete, dass ein neues Herrschafts- und Verwaltungssystems
die alten Strukturen ersetzte. Für die Entwicklung der irischen Literatur
ist hieran wichtig, dass zu diesem Zeitpunkt Mitglieder des englischen
Adels nach Irland kamen, um die kolonialen Gebiete zu verwalten. Diese
hatten eine schulische Bildung genossen
und waren somit des Lesens und Schreibens mächtig. Mehr noch: sie
hatten eine viel stärkere Verbindung zur europäischen (Schrift)
-kultur als die Einwohner selbst. Zwar vermischten sich englischstämmiger
und irischer Adel zu der Zeit durch Bündnisse und Heiraten. Für
die Entwicklung der Literatur bedeutete dies aber, dass die keltischen
Mythen und Legenden als Teil des irischen Kulturgutes zwar nach wie vor
erzählt wurden (die Rolle des "fíli" gab es in seiner
offiziellen Funktion noch bis weit ins 16. Jahrhundert hinein und ein
veränderter Form noch bis heute). Doch weil sie nicht zur neuen,
offiziellen Kultur des Landes gehörten, und die des Schreibens mächtigen
Siedler eher auf die literarischen Entwicklungen in Europa ausgerichtet
waren, verloren sie mit der Zeit immer mehr an Beachtung.
Die Vormachtstellung der englandstämmigen Siedler verstärkte
sich im 16. Jahrhundert durch die von der englischen Krone befohlene Ansiedlung
im Norden und Osten Irlands (Plantation). Ab
diesem Zeitpunkt begann sich jene gesellschaftlich höhergestellte
Schicht zu bilden, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidenden
Einfluss auf die Entwicklung der irischen Literatur haben sollte: die
Protestant Ascendancy.
Ihr Einfluss war vor allem durch den Zugang zur höheren Bildung und
damit verbunden zum Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeit gesichert.
Nicht nur dass: durch die Schaffung exklusiver Bildungseinrichtungen wie
dem Trinity College Dublin (1592) sicherte
sich die anglo-irischen Klasse ihre Vormachtstellung in der Gesellschaft.
Denn die von England gesteuerte Politik erschwerte der Mehrheit der irischen
Einwohner, den Katholiken, die Möglichkeit einer schulischen Bildung
durch systematische Benachteiligung aufgrund ihres Glaubens (Penal
Laws 1696-1725). Zudem waren die anglo-irischen Siedler und ihre
Nachfahren auch wirtschaftlich bessergestellt und hatte somit auch einfach
mehr Zeit, sich mit dem Studieren von Büchern zu beschäftigen.
Daran änderte auch die Einführung des für alle Iren geltenden
staatlichen Grundschulwesens 1831 nicht
viel. Zumindest ermöglichte die Gründung der ersten Katholischen
Universität 1854, das heutige University
College Dublin, nun auch Katholiken den Zugang zu höherer
Bildung und den Literaturen der Welt, insbesondere der klassischen Literatur.
Irische Literatur und Katholizismus
Die Verbindung von Bildung, dem damit geschaffenen Zugang zur Literatur
und der katholischen Kirche ist äußerst wichtig für das
Verständnis der irischen Literatur bis in die heutige Zeit. Denn
was die katholischen Iren an Bildung erhielten, wurde ihnen von der Kirche
und deren Ordensgemeinschaften vermittelt.
Literarische Bildung bestand in erster Linie aus der Kenntnis der Bibel,
meist in lateinischer Sprache, und der klassischen Literatur. Diese Art
der Ausbildung hat sich bis in die heutige Zeit erhalten: das irische
Schulsystem wird hauptsächlich von Ordensgemeinschaften betrieben,
auch wenn nun jedoch noch viele andere Fächer auf dem Stundenplan
stehen. Die Begegnung mit dem Katholizismus
zu Schulzeiten, die Bildsprache der Bibel, insbesondere die Ideen von
Himmel und Hölle, aber auch der
Begriff der Sünde sind ein durchgängiges
Motiv in der (von Katholiken geschriebenen) irischen Literatur.
Irische Literatur und die Familie
Die Familie bildet ein weiteres wichtiges Thema der irischen Literatur.
Die Familie kann als Gegenstück zum herrschaftspolitischen Thema
Anglo-Iren gerechnet werden, da die Familie häufig in Zusammenhang
mit dem Einfluss der katholischen Kirche gebracht wird und somit eher
der katholisch-irischen Schriftstellern zugeordnet ist. Meist handelt
es sich hierbei um die Untersuchung von Vater-Sohn
Beziehungen oder die Rolle der Frau
in der Gesellschaft.
Als relativ kleines Land hat Irland eine ungemein viele einflussreiche
Schriftsteller hervorgebracht. Doch nicht nur das, Irland verzeichnet
auch eine verhältnismäßig große Anzahl an Literaturnobelpreisträgern:
WILLIAM BUTLER YEATS (1923),
GEORGE BERNHARD SHAW (1925),
SAMUEL BECKETT
(1969)
und SEAMUS HEANEY (1995).