Unter einer Gesellschaft versteht man das Zusammenleben von Menschen innerhalb gleicher Lebenszusammenhänge. Das bedeutet, dass die Menschen einer Gesellschaft auf unterschiedliche Art und Weise in verschiedenen Formen miteinander verbunden sind. Wie jede andere Gesellschaft lässt sich die irische Gesellschaft anhand bestimmter Merkmale charakterisieren. Zu den wichtigsten Merkmalen gehören: Gruppen, Religionen, Wertvorstellungen, Wirtschaftliche Lage und Bildung. Diese bestehen jedoch nicht für sich allein, sondern müssen immer auch im Verhältnis zueinander und zur Gegenwart betrachtet werden. Anhand dieser Merkmale lassen sich bestimmte Tendenzen erkennen, die viel über eine Gesellschaft verraten. So ist beispielsweise die Gesellschaft Nordirlands nach wie vor mehr vom Aspekt der Religion geprägt als die Gesellschaft der Republik Irland.
Irische Gesellschaft im Wandel
Vor dem Einsetzen des wirtschaftlichen Booms, dem sogenannten Celtic
Tiger, Anfang bis Mitte der 1990er-Jahre
war Irlands Anschluss an weltweite Entwicklungen geraden im Hinblick auf
den Welthandel eher gering. Dies hatte zur Folge, dass die irische Gesellschaft
zum einen stark von der Auswanderung junger Leute geprägt wurde, die in Irland keine Arbeit fanden. Im
Gegenzug wurde der Erhalt von Traditionen
und Werte um so intensiver von staatlicher Seite und der Kirche
gefordert. Irlands Gesellschaft war extrem konservativ, es hat z. B. nie eine sexuelle Revolution gegeben. Auch Subkulturen wie die Punkszene in den 1980er-Jahren waren in Irland nur sehr eingeschränkt
vorhanden.
Der Celtic Tiger brachte nicht nur viele neue
Arbeitsplätze mit sich, sondern verhalf den schon über einige
Jahrzehnte dauernden Bemühungen einzelner Gruppierungen, die Gesellschaft
zu modernisieren, letztendlich zum Erfolg: die irische Gesellschaft begann
sich zu öffnen. Ein Beispiel hierfür ist die Frauenbewegung, die sich um die Gleichstellung der
Frau bemühte und z. B. für die Schwangerschaftsverhütung
einsetzte. Die Wahl von MARY ROBINSON, einer der prominentesten Frauenrechtlerinnen,
zur ersten irischen Präsidentin im Jahre 1990 kann hier als symbolisch
für einen fundamentalen Wandel der irischen Gesellschaft gesehen
werden, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass die katholische
Kirche immer mehr an Einfluss verlor.
Tendenzen
Eine der grundlegenden Tendenzen innerhalb der irischen Gesellschaft ist
der Wandel von einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft hin
zu einer städtischen, technologischen Gesellschaft. Die Folge der
zunehmenden Urbanisierung ist zum einen die Ausdünnung der ländlichen Regionen. Zwar brauchen
junge Leute nicht mehr ins Ausland gehen, um Arbeit zu finden, dennoch
finden die meisten nur in den größeren Städten eine Anstellung.
Dies hat andererseits zur Folge, dass sich die Städte, insbesondere
die Hauptstadt Dublin immer weiter
ausdehnen. Diese Verstädterung geht Hand in Hand mit einer zunehmend größer werdenden Kluft
zwischen Arm und Reich. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand für den
einen Teil der Bevölkerung kommt die Verarmung all derer, die nicht vom Celtic Tiger profitieren
können. So bilden sich innerhalb der größeren Städte
immer mehr soziale Brennpunkte. Dieser
gesellschaftlichen Teilung entgegenzuwirken wird eine der wichtigsten
politischen Aufgaben für die kommenden Jahre sein.
Das Irland überhaupt zu einem interessanten Standpunkt für
ausländische Firmen werden konnte, liegt zum großen Teil an
einem gut ausgebauten Bildungssystem, das einen große Anzahl qualifizierter Arbeitskräfte speziell
im technologischen Bereich hervorgebracht hat. Staatliche Schulen ermöglichen
allen Kindern eine Ausbildung, unabhängig vom Einkommen der Eltern.
Die höhere, universitäre Ausbildung ist zwar an Studiengebühren
gebunden, begabte Schüler aus ärmeren Familien werden aber auch
mit staatlichen Mitteln gefördert.
Seit dem Erfolg des Celtic Tigers hat sich
Irland nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht den weltweiten Tendenzen
angepasst. Die sogenannte Weltoffenheit ist nun nicht mehr hauptsächlich in den Künsten wiederzufinden,
sondern schlägt sich auch auf das Verhalten der Menschen im Alltag
wieder. Der Umgang mit den Gütern fremder Kulturen insbesondere im
Lebensmittelsektor ist für die Iren zur Normalität geworden.
Da Irland vor allem durch seine wirtschaftlichen Beziehungen Teil der Globalisierung geworden ist, ist es
nun auch von bestimmten Prozessen betroffen, die vorher unbekannt waren.
Die Zuwanderung von ausländischen
Arbeitskräften gerade im medizinischen Bereich wird teilweise staatlich
unterstützt und durch besondere Vergünstigungen interessant
gemacht. Irland verzeichnet aber auch eine zunehmende Rate an Flüchtlingen
und Asylbewerbern, deren Unterkunft und Versorgung die Städte
und Gemeinden vor große Probleme stellt. Auch zeichnet sich die
Reaktion der Bevölkerung vermehrt ablehnend gegenüber Fremden
aus. Dieser Aspekt des sich allgemein vollziehenden Wertewandels gehört ohne Frage zu den negativen En)twicklungen der irischen Gesellschaft.
Irland wird lernen müssen, mit dem heute in den meisten europäischen
Gesellschaften existierenden Pluralismus, dem Nebeneinander-Leben von Menschen verschiedener Herkunft, umzugehen. Ethnische Minderheiten sind jedoch
keine neue Erscheinung innerhalb der irischen Gesellschaft. Die über
Jahrhunderte in Irland lebende Gemeinschaft der Travellers (Wandersleute)
hat auch heute noch eine gesonderte gesellschaftliche Stellung. Diese
früher als Kesselflicker vor allem durch Irland und Großbritannien
ziehende Gruppierung muss heute immer noch um ihre Anerkennung in der
Gesellschaft kämpfen.
Eine andere Tendenz innerhalb der Republik Irland ist die zunehmende Distanzierung
von Religion und religiöser Praxis. In dieser zunehmenden Säkularisierung findet ein anderer, starker Bruch mit traditionellen Werten statt, war
doch gerade die katholische Religion immer auch Zeichen irischen Herkunft
(speziell in Abgrenzung zu Großbritannien und englischer Politik
in Irland).
Anders ist jedoch die Situation in Nordirland: konfessionelle Zugehörigkeit ist nach wie vor der Hauptaspekt, an
dem gesellschaftliche Zugehörigkeit gemessen wird. So hört man
Politiker aus Nordirland häufig entweder von der Catholic
Community oder der Protestant Community sprechen. Terroristische Überfälle und Gewalttaten erfolgen
ebenfalls auf der Basis der Religionszugehörigkeit, allerdings ist
die Fehde zwischen verschiedenen Splittergruppen
aus einer gesellschaftlichen Gruppierung ebenfalls trauriger Alltag geworden.
Hier darf man auf keinen Fall vergessen, dass für die meisten Bewohner
Nordirlands dieser von Politkern und Terroristen missbrauchte Gesellschaftsbegriff
völlig abwegig ist: sie wünschen sich nicht mehr als ein friedliches
Zusammenleben.
Norden und Süden haben aber auch viele gemeinsame Probleme, die der
rasche Wertewandel mit sich bringt: steigende Kriminalität, eine erschreckend hohe Rate von Teenagerschwangerschaften und exzessiver Alkoholkonsum von Jugendlichen.
Hier liegt die gesamte Insel im gleichen Trend wie andere Länder
auch. Ein sehr irisches Phänomen ist allerdings die Widersprüchlichkeit zwischen der offiziellen Gesetzeslage und den Bedürfnissen der Menschen.
So ist es beispielsweise in Irland immer noch untersagt, eine Schwangerschaft
abzubrechen. Folge ist, dass viele irische Mädchen und Frauen nach
England herüberfahren, um sich dem medizinischen Eingriff zu unterziehen.
Der Generationskonflikt äußert sich dadurch, dass die Grenzen zwischen den Generationen
teilweise enorm hoch gesteckt: die Elterngeneration ist oft noch äußerst
konservativ während die jüngere Generation zu sehr liberalem
(und nicht unbedenklichen) Verhalten neigt.
Irlands Gesellschaft hat sich innerhalb kürzester Zeit radikal umformiert, gesellschaftliche Praxis und das politische Netzwerk des Staates liegen in einigen Punkten in starkem Gegensatz zueinander. Der Kommentar vieler Forscher dazu lautet, das Irlands Gesellschaft den üblichen Schritt über die Moderne hin zur heutigen Gesellschaftsform übersprungen hat. Wohin dies führt, bleibt abzuwarten.