
Nationale Identität
Kultur in Irland grenzt, wie in den meisten anderen Ländern auch,
immer an Fragen nach der eigene Herkunft und den Traditionen. Aufgrund
der sehr komplexen Beziehung zum benachbarten England, zu dessen kolonialen
Gebieten Irland gehörte, war der Begriff der Kultur in Irland jahrhunderte
lang an die Frage der eigenen Identität
gebunden. Englands Politik bestand zu einem großen Teil daraus,
die irische Kultur zu unterdrücken, da diese auch immer eine Gefährdung
der englischen Vormachtstellung bedeutete (z. B. durch Erlass der
Statutes of Kilkenny im Spätmittelalter,
oder auch der Penal Laws des 17. Jahrhunderts).
Doch bewirkte solch offizielles Vorgehen oft das genaue Gegenteil: insbesondere
die traditionelle irische Musik wurde
zum Träger politischen Widerstands. Balladen mit anti-englischen
Liedtexten waren beispielsweise zu Zeiten der Rebellion 1798 in vieler
Leute Munde und auch heute noch sind Lieder mit politischem Inhalt im
Umlauf. Doch werden sie jetzt eher zum Spaß mit einem Pint
in der Hand im örtlichen Pub gesungen.
Persönliche Identität
Mit dem Beginn des Celtic Revivals Ende des 19.Jahrhunderts wandelt sich auch die Idee, dass irische Kultur
Ausdruck irischer Abstammung sein muss. Bestes Beispiel hierfür ist
der von englischen Siedlern abstammende und in Irland geborenen Schriftsteller
WILLIAM BUTLER YEATS. Für ihn waren die alten, irisch-keltischen
Mythen und Legenden Material um sich und seine Kunst zum Ausdruck zu bringen.
Nichtsdestotrotz interessierte ihn in einem bestimmten Lebensabschnitt
ebenso sehr die japanische Kultur, die er in vielen Theaterstücken
mit traditionellen irischen Motiven und Themen verknüpfte.
Tradition und Gegenwart
In dieser Hinsicht war YEATS ein Vorreiter für den Umgang mit irischen Traditionen in der heutigen
Zeit. Kultur, die aus Irland stammt oder in Irland gelebt wird hat mittlerweile
viele Formen angenommen. Eine davon sind die irischen Festivals
und Feiertage, die in vielen Ländern der Welt praktiziert
werden. So findet die alljährliche St.
Patrick's Day Parade am 17. März zu Ehren des irischen Nationalheiligen
St. Patrick nicht nur in Irland statt, sondern wird auch an Orten der
USA gefeiert, in denen viele irischstämmige Amerikaner (als Teil
der sogenannten irischen Diaspora)
leben. Das wohl bekannteste Fest ist jedoch Halloween, ein altes, heidnisches Fest der Kelten das jedes Jahr am 31. Oktober begangen
wird und zu Ehren der Verstorbenen abgehalten wurde. Heutzutage sind aber
selbst die irischen Kinder eher auf Süßigkeiten und Geld aus,
wenn sie an den Haustüren klingeln und trick or treat verlangen.
Musik
Unter den darstellenden Künsten lässt sich besonders in der
Musik der wechselnde Einfluss von Traditionen nachvollziehen. Bedeutend
für das noch heute vorhandene Interesse an traditioneller irischer
Musik war das Revival der Folk Musik
in den 1960er Jahren durch Bands wie THE DUBLINERS, THE CHIEFTAINS, PLANXTY,
MOVING HEARTS und Sänger wie CHRISTY MOORE und DONAL LUNNY. Anders
als in vielen anderen Ländern, ist der traditionelle Folk gerade
unter jungen Iren nach wie vor beliebt. Elemente des Folk werden kreativ
mit anderen modernen Genres kombiniert. So vermischte sich in den 1970er-Jahren
Folk und Rock'n'Roll aus Amerika und Großbritannien zum Sound von
Bands wie den HORSLIPS und Sängern wie VAN MORRISON. In den 80er
Jahren gelang es besonders Bands wie THE POGUES und Sängern wie GAVIN
FRIDAY und BOB GELDORF traditionellen Folk mit Punk
Rock zu verbinden, die Musikerin ENYA begann zu der Zeit, New
Age Musik mit keltischen Untertönen zu komponieren. Der traditionelle
Sologesang (sean nòs) spielt neben anderen Elementen auch
heute noch bei Künstlern wie SINEAD O'CONNOR eine wichtige Rolle.
Ein häufig interpretiertes Lied ist hier das mittlerweile zum Kultstatus
gewordene She moves through the Fair. Andere
wichtige Bands aus den 1980ern sind DE DANNAN, ALTAN, RELATIVITY, THE
BOOMTOWN RATS, THE UNDERTONES und natürlich U2. Ende der 1980er-Jahre
und in den 1990ern begannen Bands wie MY BLOODY VALENTINE und ASH den
irischen Punk in neue Stilrichtungen weiterzuentwickeln. In den 1990ern
gelangten vor allem Pop Bands wie THE
CORRS, BOYZONE, WESTLIFE und THE CRANBERRIES zu internationalem Erfolg.
Irische Musiker lassen sich auch von anderen Traditionen beeinflussen.
Zu den bekanntesten Beispielen zählen hier wohl AFRO-CELT SOUND SYSTEM.
Wie in anderen Ländern auch sind heutzutage alle möglichen Stile
in irischer Musik vorhanden. Zu den wichtigsten Musikfestivals zählen
das alljährliche Guinness Jazzfestival Cork, Lisdoonvarna und Witnness.
Tanz und Theater
Die wohl bekannteste Tanzshow aus Irland ist Riverdance mit MICHAEL FLATLEY und JEAN BUTLER in der Originalbesetzung. Aufgeführt
im Rahmen des Europäischen Schlagerfestivals erlangte irischer Folk
und Stepptanz weltweite Aufmerksamkeit
und sorgte für ein wiederaufgeflammtes Interesse an irischer Kultur.
Stepptanz, auch Irish Dance genannt, kann in
Gruppen oder auch solo getanzt werden. Es gibt dabei die verschiedensten Taktarten, zu denen getanzt wird (z.
B. Reel, Slipjig, Jig, Hornpipe), auch unterscheiden
sich die Tänze von Region zu Region. Irischer Stepptanz wird weltweit
betrieben, besonders aber in den USA und Kanada. Moderner Tanz und Ballet
gewinnen aber zunehmend an Popularität. Das geschichtlich wichtigste
Theaterhaus ist das Abbey Theater. Hier liegen die Wurzeln des modernen irischen Theaters, das sich mittlerweile
der irischen Dimension von Themen wie Haus und Familie, Tod und Vergangenheit
in innovativer Weise nähert, oft beeinflusst vom zeitgenössischen
Theater in Großbritannien.
Bildende Kunst
Die bildenden Künste aus Irland haben zurzeit noch einen relativ
geringen Bekanntheitsgrad, hier steht Irland wohl nach wie vor im Schatten
der britischen Kunstszene. Dennoch hat sich irische Kunst immer schon
von internationalen Entwicklungen beeinflussen lassen, was zum großen
Teil daran liegen mag, dass viele irische Künstler im Ausland ausgebildet
wurden. Themen irischer Kunst sind, wie in den anderen Künsten auch,
Irlands mythologische Vergangenheit und Gegenwart, in der Malerei werden
Werke von Künstlern wie JACK B. YEATS und CAMILLE SOUTER von der
irischen Landschaft inspiriert. Andere wichtige Maler sind FRANCIS BACON
und LOUIS LE BROCQUY. In den vergangenen Jahren hat sich irische Kunst
vor allem im Bereich Multimedia und Installation weiterentwickelt, womit sie den weltweiten Trends unter einem typisch
irischen Blickwinkel folgt. Ein Beispiel für Multimediainstallationen
ist die Arbeit von WILLIE DOHERTY, die sich intensiv mit dem Nordirlandkonflikt auseinandersetzt.
Film
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Filme aus Irland sowie irische
Filmemacher und Schauspieler immer mehr an Ansehen gewonnen. Wurden Bewohner
und Landschaft Irlands zu früheren Zeiten in Filmen wie The
Quiet Man noch zur klischeehaften Kulisse gemacht, hat irischer
Film längst schon seine eigene Stimme gefunden. Dies liegt nicht
zuletzt an der staatlichen Förderung durch das Irish
Film Board und Institutionen wie dem Irish
Film Centre. Die wohl bekanntesten Regisseure aus Irland sind JIM
SHERIDAN (My Left Foot, 1989; The
Boxer, 1997; In America, 2002) und NEIL
JORDAN (The Crying Game, 1992; Interview
with the Vampire, 1994; Michael Collins, 1996).