
Irische Dichtung bis 1800
Im Zuge der anglo-normannischen Einwanderung und Eroberung im 12. Jahrhundert
veränderte sich die Rolle des irischen Dichters erneut. Um die eigene
irische Tradition verstärkt zu bewahren, entstand ein enges Bündnis
zwischen einem meist aristokratischem Gönner und dem von ihm geförderten
Künstler. Man spricht auch von der Hochblüte
der irischen Kultur in der Zeit vom 13. bis 15. Jahrhundert.
Zu dieser Zeit entwickelte sich in Irland aber auch der zweite Strang
dichterischen Schaffens in (mittel)englischer Sprache. Denn auch die anglo-normannische
Aristokratie verfasste Verse, wenn auch meist unter starkem irischen Einfluss.
Der Zusammenbruch der alten irischen Gesellschaft in der Zeit von 1550-1700
verdrängte die vormals starke Präsenz des irischen Dichters.
Ausdruck hierfür mag die in der Zeit entstandene Aisling-Dichtung
sein, eine Traumvision von der Rückkehr
der alten irischen Könige. Stattdessen gewann die aus der englischsprachigen
Tradition stammende Dichtung immer mehr an Bedeutung.
Wichtigester Vertreter aus der Siedler Generation im späten 16. Jahrhundert
ist EDMUND SPENSER. Sein Versepos The Fairie Queene
(1596, dt. Die Feenkönigin) ist Ausdruck für die zwiespältige Haltung der Siedler den gälischen,
meist als unkultiviert und barbarisch empfundenen Iren gegenüber.
Aus gleicher Tradition stammt im 18. Jahrhundert auch JONATHAN SWIFT. Sein dichterisches wie allgemein schriftstellerisches Werk kritisiert
die Missverhältnisse auf der grünen Insel.
Eine Generation später sollte dann OLIVER GOLDSMITHs Entwurf einer
harmonischen, irisch-ländlichen Gemeinschaft den Verlust der alten
Ordnung und den Reichtum und das Machtstreben der aufstrebenden Händlerklasse
kritisieren.
Das Celtic Revival und seine Folgen
Erst im 19. Jahrhundert sollte die alte Tradition der irischen Dichtkunst
und immer noch in vielen Gegenden Irlands gesprochenen gälischen
Sprache von Sprachforschern aus aller Welt wiederentdeckt werden. Dies
fiel in eine Zeit, in der Irland immer mehr nach der Unabhängigkeit vom englischen Imperium strebte.
So machte sich eine neue Generation von Dichtern und Dichterinnern auf
den Weg, die alten Mythen und Versformen für die Schaffung einer
eigenen, nationalen irischen Dichtung zu nutzen. Häufig geschah dies
in der Übersetzung der irischen Verse ins Englische, und der Verwendung,
traditioneller Metren und Bilder in englischsprachigen Gedichten. Diese
irische Vergangenheit wurde von Dichtern wie THOMAS MAC DONAGH, PATRICK
PEARSE, PADRAIC COLUM, DOUGLAS HYDE oder JAMES CLARENCE MANGAN wieder
ins Leben gerufen. Häufig waren diese
Schriftsteller Nachfahren der Ascendancy und benutzten die gälische Vergangenheit als Ausdrucksform für
ihre eigene Identitätssuche.
Dieses Celtic Revival sollte
durch das Werk von WILLIAM BUTLER YEATS den stärksten Einfluss auf
die weitere Entwicklung der irischen Dichtung bis in die heutige Zeit
haben. Politik und die Macht des Wortes verbinden sich symbolisch im Osteraufstand (Easter Rising, 1916), an dem hauptsächlich
Schriftsteller teilnahmen.
Bekanntestes Zeugnis dieser gefährlichen Verbindung ist YEATS' Gedicht Easter von 1916.
Irische Dichtung
im 20. und 21. Jahrhundert
Die Politisierung der Dichter hin zum Osteraufstand 1916 ist jedoch nur
einer von vielen anderen Wegen, welche die irische Dichtung auf der Suche
nach einer nationalen Identität einschlug.
Im Laufe des 20. Jahrhundert war die Dichtung auch nicht mehr nur der Ascendancy
vorbehalten. Es meldeten sich andere irische Dichter zu Wort, deren Hintergrund
in den vorwiegend ländlichen Regionen lag. Mit der Moderne kamen poetische
Einflüsse aus Europa und Amerika nach Irland, sodass irische Fragen
in neuen poetischen Formen wie den Gedichten von SAMUEL BECKETT, DENIS DEVLIN
oder THOMAS MACGREEVY zum Ausdruck kamen. YEATS bildete jedoch nach wie
vor eine Art Vorbild für die irische Dichtung und ist es auch heutzutage
noch. Es wuchs jedoch eine neue Generation von Dichtern heran, welche die
alten Fragen neu formulierten und beleuchteten. Eins hatte sich aber seit
1916 herausgestellt: die Rolle des Dichters lag nicht mehr in der eigenen
privaten Welt, sondern stand immer auch im Bezug zur politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen.
AUSTIN CLARKEs Dichtung mag beispielhaft für die Auseinandersetzung
mit dem immer stärker werdenden Einfluss der katholischen
Kirche und der staatlichen Zensur gelten.
PATRICK KAVANAGHs bekanntestes Gedicht The Great Hunger (1942) beklagt die spirituelle Verarmung der ländlichen irischen Bevölkerung
im auf Identitätsstiftung bedachten Irland EAMONN DE VALERAs.
LOUIS MACNEICEs Werk hingegen betrachtet die Ereignisse in Irland aus einer
kritischen Distanz heraus, indem er sowohl religiöse als auch gesellschaftliche
Werte und Vorschriften zurückweist.
Nach Jahren der Besinnung auf das einzelne "In-der-Welt-sein"
des Dichters bedeuten die 1960er- und 1970er-Jahre vor allem in Nordirland einen Wendepunkt im Verhältnis des Dichters zur Gesellschaft. Die Gruppe
um die Dichter JOHN MONTAGUE, MICHAEL LONGLEY, DEREK MAHON und JAMES SIMMONS
begann sich in ihren Werken verstärkt mit der Verbindung von Kreativität
und sozialer Verantwortung auseinanderzusetzen.
Bedeutendster Vertreter aus der Zeit der sogenannten Troubles
(Unruhen), die Anfang der 70er Jahre im Bloody
Sunday ihren Höhepunkt fanden, ist der spätere Nobelpreisträger
SEAMUS HEANEY. In seinem Werk aus dieser Zeit versucht er, die Ereignisse
in Nordirland in Verbindung mit Ritualen aus der Steinzeit zu bringen, und
so den uralten, wieder aufgeflammten Kampf um Land (kritisch) zu beleuchten.
In dieser Zeit kommen auch die irischen Dichterinnen verstärkt zu Wort.
Im Rahmen der Frauenrechtsbewegung, die
wohl mit der Wahl MARY ROBINSONs zur ersten irischen Präsidentin 1990
ihren stärksten politischen Ausdruck fand, wurde ebenfalls ein Freiraum
geschaffen in der lange Zeit von Männern bestimmten irischen Dichtung.
Das Werk von Dichterinnen wie MÁIRE MHAC AN TSAOI und NUALA NÍ
DHOMHNAILL (in irisch-gälischer Sprache), MEBH MCGUCKIAN, EAVAN BOLAND
und EILÉAN NÍ CHUIILLEAHAIN greift alt-irische und christliche
Motive auf um damit die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft zu beleuchten.
Weitere zeitgenössische Dichterinnen und Dichter Irlands sind unter
anderem PAUL MULDOON, SEAMUS DEANE, PAULA MEEHAN, MICHAEL HARTNETT, BRENDAN
KENNELLY, CIARAN CARSON, PAUL DURCAN, TOM PAULIN und CATHAL Ó SEARCAIGH.